Seniorenzahnmedizin

ZahnMedizin kompakt

Altersbedingte Veränderungen der Zahnsubstanz von pathologischen unterscheiden

Altersbedingte Veränderungen der Zahnsubstanz.
Dr. Frank Spiegelberg

Im Alter wird der Schmelz dünner, dunkler und opaker. Außerdem gehen anatomische Details und Konturen nach und nach verloren (Zahn 11 ist wegen Lockerung mit Komposit geschient).

Für eilige Leser

  • Die ursprüngliche Schmelzdicke ist bei über 65-Jährigen um ca. ein Drittel reduziert.
  • Schmelz und Dentin werden mit dem Alter härter und spröder, die adhäsive Haftung bleibt aber erhalten.
  • Wurzelkaries sorgt bei 70-Jährigen für hohe Kariesprävalenz.
  • Weil Pulpa und Dentinkanälchen an Volumen verlieren, sinkt das Risiko für Dentin-Überempfindlichkeit.
  • Alte Menschen bewerten ihre mundbezogene Lebensqualität besser als junge und sind mit ihrem Aussehen zufriedener.
  • Altersbedingte Veränderungen von Schmelz, Dentin und Pulpa lassen sich nicht immer von pathologischen abgrenzen.
  • Klinisch relevante Veränderungen können durch regelmäßige Kontrollen erkannt und durch Prävention minimiert werden.

Auffällige altersbedingte Veränderungen sind verkürzte Inzisalkanten und weniger ausgeprägte Konturen [1]. Hinzu kommt eine dunklere Farbe und höhere Opazität. Zähne wirken daher mit den Jahren – altersentsprechend – weniger lebendig und jugendlich. Ältere Menschen sind dessen ungeachtet mit ihrem Erscheinungsbild im Durchschnitt zufriedener als junge [2]. Erhöhte Abrasion, Erosion, Karies und andere pathologische Vorgänge können Zähne jedoch vorzeitig schädigen [3].

Schmelz und Dentin

Die Schmelzdicke nimmt zeitlebens um durchschnittlich ein Drittel ab [4]. Dies geschieht durch eine unterschiedlich ausgeprägte Kombination mechanischer (Abrasion, Attrition) und chemischer Einflüsse (Erosion). Als pathologisch gelten funktionelle und ästhetische Beeinträchtigungen oder Schmerzen. Klare Grenzwerte im Sinne von Erkrankungen sind nicht definiert.

Die mit dem Alter häufigeren freiliegenden Zahnhälse erhöhen das Risiko für Wurzelkaries, was bei 70-Jährigen zu erneutem Karies-Anstieg führt [5]. Das härter werdende Dentin führt zu einer dünneren adhäsiven Hybridschicht, die adhäsive Haftung wird aber offenbar nicht beeinträchtigt [6].

Kronen- und Wurzelpulpa

Wie Dr. Thiago Saads Carvalho (Universität Bern) und der 2017 emeritierte Professor Adrian Lussi in einem Übersichtsartikel darlegen [3], sinkt vor allem nach dem 60. Lebensjahr das Risiko für Dentinüberempfindlichkeit. Dies ist – trotz häufig freiliegender Zahnhälse – eine Folge von sekundärer Dentinablagerung in Dentinkanälchen, in Kombination mit einer reduzierten Anzahl von Nervenfasern und reaktiver (tertiärer) Dentinablagerung in der Pulpenkammer. Klinisch macht sich dies auch durch verzögerte oder abgeschwächte Reaktion auf thermische Vitalitätstests bemerkbar [7].

Check-up und Prävention

Ältere Menschen bewerten ihre mundbezogene Lebensqualität besser als junge [8]. Durch frühzeitigen Verlust von Zahnsubstanz oder Zähnen kann diese aber sinken. Zahnärzte sollten daher physiologische Veränderungen von pathologischen unterscheiden und präventiv handeln. Dies gelingt laut Carvalho und Lussi durch regelmäßige Kontrollen, in Kombination mit einem frühzeitig beginnenden und individuell abgestimmten präventiven Konzept [3].

Hinweis: Beiträge aus der Rubrik ZahnMedizin kompakt können in keinem Fall die klinische Einschätzung des Lesers ersetzen. Sie sind keine Behandlungsempfehlung, sondern sollen – auf Basis aktueller Literatur – die eigenverantwortliche Entscheidungsfindung unterstützen.

 

Dr. Jan H. Koch

Dr. med. dent. Jan Hermann Koch ist seit dem Jahr 2000 als freier Fachjournalist und Berater tätig. Arbeitsschwerpunkte sind Fachartikel, Pressetexte und Medienkonzepte für Dentalindustrie und Verbände. Seit 2013 schreibt Dr. Koch als fester freier Mitarbeiter für die DZW und Fachmagazine, unter anderem die Kolumne ZahnMedizin kompakt (Nachfolge Dr. Karlheinz Kimmel).

 

 


Literaturhinweise:

[1] Boer WM. Den Alterungsprozess der Zähne beachten. Zahnarztl Mitt 2004;95:722-727.

[2] Hartmann R, Muller F. Clinical studies on the appearance of natural anterior teeth in young

and old adults. Gerodontology 2004;21:10-16.

[3] Carvalho TS, Lussi A. Age-related morphological, histological and functional changes in teeth. J Oral Rehabil 2017;44:291-298.

[4] Kidd EA, Richards A, Thylstrup A, Fejerskov O. The susceptibility of 'young' and 'old' human enamel to artificial caries in vitro. Caries Res 1984;18:226-230.

[5] Kassebaum NJ, Bernabe E, Dahiya M, Bhandari B, Murray CJ, Marcenes W. Global burden of untreated caries: a systematic review and metaregression. J Dent Res 2015;94:650-658.

[6] Lopes GC, Vieira LC, Araujo E, Bruggmann T, Zucco J, Oliveira G. Effect of dentin age and acid etching time on dentin bonding. J Adhes Dent 2011;13:139-145.

[7] Farac RV, Morgental RD, Lima RK, Tiberio D, dos Santos MT. Pulp sensibility test in elderly patients. Gerodontology 2012;29:135-139.

[8] Steele JG, Sanders AE, Slade GD, Allen PF, Lahti S, Nuttall N et al. How do age and tooth loss affect oral health impacts and quality of life? A study comparing two national samples. Community Dent Oral Epidemiol 2004;32:107-114.