Ambulante Vollnarkose in der Zahnmedizin

Leseraktion: DZW und Sanofi suchen Tipps und Erfahrungen von Zahnärzten, die sie bislang mit Articain und allgemein mit der Lokalanästhesie gesammelt haben.
22. Juli 2013
Ambulante Vollnarkose in der Zahnmedizin
Dr. F. Mathers, Anästhesist und Notfallmediziner, zum Thema Sedierung in der Zahnmedizin

Angesichts wirtschaftlicher Überlegungen und mit Unter­stützung vieler Krankenkassen nimmt der Trend zum ambulanten Operieren unter Allgemeinanästhesie immer mehr zu. In der Zahnmedizin gelten dabei besondere Bedingungen, und in den Publikumsmedien rückten in letzter Zeit tragische Beispiele von Kindesmortalität nach Vollnarkose in den Mittelpunkt und warfen erneut Fragen zur Qualitätssicherung auf. Im Folgenden gibt es eine Übersicht der Vor- und Nachteile dieser Methode, und es wird erläutert, unter welchen Bedingungen eine ambulante Vollnarkose sinnvoll und sicher ist.

Trotz des bei Zahnärzten wachsenden Bewusstseins für die Möglichkeiten der dentalen Sedierung (zum Beispiel mit Lachgas), gibt es im zahnärztlichen Alltag immer wieder Situationen, in denen eine ambulant durchgeführte Allge­meinanästhesie indiziert ist. Das kann zum einen bei unkooperativen Kleinkindern sein, bei Patien­ten mit bestimmten geistigen Behinderungen oder bei Erwach­se-n­en mit einer ausgeprägten Be­handlungsphobie, bei denen andere Verfahren versagen oder wenn diese vom Patienten verwei­gert werden. Auch bei potenziell traumatischen Eingriffen kann in Abstimmung zwischen dem Zahnarzt, Narkosearzt und Patienten über die Option Vollnarkose gesprochen werden.

Vor- und Nachteile der Allgemeinanästhesie

Die Allgemeinanästhesie hat folgende Vorteile:
• rascher Wirkungseintritt,
• Wirkstoffmenge kann titriert werden,
• Patient ist bewusstlos und fühlt keinen Schmerz,
• Amnesie nach Eingriff,
• auch bei unkooperativen Patienten einsetzbar.

Dem stehen auch einige Nachteile gegen:
• Schutzreflexe und Vitalanzeichen des Patienten sind unterdrückt,
• kann nur von einem Anästhesisten durchgeführt werden,
• erhöhter Personalaufwand für die Zahnarztpraxis,
• Spezialausrüstung (für Anästhesie und Monitoring) erforderlich,
• gesonderter Aufwachbereich notwendig,
• höhere Komplikationsrate während und nach dem Eingriff,
• Patient muss nüchtern sein,
• gründlichere Anamnese obligatorisch.

Zahnarzt und Anästhesist arbeiten als Team
Vor diesem Hintergrund bestimmte die Bundeszahnärztekammer (BZÄK) in ihrer „Stellung­nahme zur ambulanten Vollnarkose beim Zahnarzt“ vom Juni 2012: „Der Zahnarzt hat […] zu entscheiden, ob aus zahnmedizinischen Gesichtspunkten eine Vollnarkose indiziert ist.“ Mit anderen Worten trifft zunächst der Zahnarzt die Entscheidung für oder gegen eine Allgemein­anäs­thesie, wobei die BZÄK auch klar ausführt, dass die Durchführung der Vollnarkose dem Anästhesis­ten obliegt. Dieser müsse vor einer OP „darüber […] befinden, ob aus allgemeinmedizinischer Sicht […]  Kontraindikationen gegenüber einer Allgemeinanäs­thesie bestehen und somit die Narkosefähigkeit des Patienten attestieren“.

Kontraindikationen für eine ambulante Vollnarkose
Die Durchführung einer ambulanten Allgemeinanästhesie im zahnmedizinischen Kontext ist generell kontraindiziert bei allen Patienten, die nach dem Risikobewertungssystem der American Society of Anesthesiologists (ASA) einen Score von ASA 3 (Patienten mit schweren Erkrankungen) oder höher haben (Tabelle). Diese Patienten zeigen schwere System­erkrankungen wie teildekompensierte Epileptiker, Hypertoniker, Asthmatiker oder Herzpatienten, sodass eine Vollnarkose ambulant nicht sicher durchgeführt werden kann. Dabei ist eine individuelle Einschätzung darüber, ob eine ambulante Vollnarkose sicher ist, oder ob der Eingriff besser stationär erfolgen sollte, nicht sinnvoll möglich. Vorsicht ist unter anderem auch bei stark übergewichtigen Patienten und bei Patienten im extremen Lebensalter geboten.

Engmaschige Patienten-überwachung ist essenziell
Neben der strengen Indika­tionsstellung ist die fachliche Qualifizierung aller Beteiligten – das heißt von Anästhesist, Zahnarzt und Assistenzpersonal – von essenzieller Bedeutung zur Gewähr­leistung der notwendigen Sicher­heitsstandards. Dies bezieht sich nicht nur auf die Durchführung der Vollnarkose, sondern auch auf das Notfallmanagement zur Beherrschung eventuell auftretender Komplikationen. Während und nach dem Eingriff trägt der Anästhesist die Verantwortung für die Sicherheit des Patienten sowie für die Bewältigung von Komplikationen (auch postopera­tiv), wobei laut BZÄK der Überwachung des Patienten nach der Narkose eine besondere Bedeutung zukommt. Dies gilt in verschärftem Maße auch für pädiatrische Patienten, die sich durch ihre unterschiedliche Physiologie und Anatomie (zum Beispiel im Kopf-Hals-Bereich) sowie durch eine andere Reaktion auf Pharmaka auszeichnen.

Zugang zum Patienten muss gewährleistet werden
Last, but not least, müssen neben den personellen auch adäquate räumliche und apparative Voraussetzungen bestehen, damit eine Vollnarkose sicher verläuft. Denn eine Zahnarztpraxis ist kein OP-Raum, und gerade im Notfall kann der rasche Zugang zum Patienten lebensrettend sein. In ihren „Mindestanforderungen an den anästhesiologischen Arbeitsplatz“, den die Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI) 2013 veröffentlich hat, heißt es dazu: „Es ist ausreichend Platz zur Verfügung zu stellen, um auch bei fest­stehender zahnmedizinischer Behandlungseinheit einen uneingeschränkten Zugang zum Patienten (auch für die kardiopulmonale Reanimation) zu ermöglichen.“

Dr. med. Frank Mathers, Köln    

 

Dr. Frank G. Mathers, geboren im Jahr 1959 in Kings­ton, USA, studierte Medizin an der University of Mary­land, University of Illinois, Chicago/ USA, und der Universität Bonn. Er ist Fach­arzt für Anäs­the­sio­logie und Intensiv­medizin, besitzt Zusatzbezeichnungen in Notfall­medizin und Schmerzthe­rapie und ist nie­dergelassen in eigener Praxis in Köln.

Mathers leitet das Institut für dentale Sedierung in Köln und veranstaltet Weiter­bil­dungskurse in Sedierungs­verfahren für Zahnärzte (www.sedierung.com).

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