Ausbildung in der Lachgassedierung: rechtlich und fachlich auf der sicheren Seite

Der kompetente Zahnarzt muss die Lachgassedierung theoretisch wie praktisch so gut beherrschen wie ein Anästhesist.
16. September 2013
Ausbildung in der Lachgassedierung: rechtlich und fachlich auf der sicheren Seite
Interview mit Dr. Frank Mathers über nötige Standards und Sicherheit

Die seit einigen Jahren deutlich zunehmende Beliebtheit der Lachgassedierung bei Zahnärztinnen und Zahnärzten führt auch zu einem unübersichtlichen Ausbildungsangebot sehr unterschiedlicher Anbieter. Welche Mindeststandards eine gute Ausbildung erfüllen muss damit die Lachgassedierung in der Praxis sicher angewendet werden kann, und wie der Zahnarzt hier die Spreu vom Weizen trennen kann, darüber gibt Dr. Frank Mathers, Anästhesist und Notfallmediziner, im folgenden Interview Auskunft.

DZW: Dr. Mathers, Lachgas gilt in der Anwendung als sehr sicher und ist inzwischen dank einer modernen Generation von Geräten sehr einfach in der Handhabung. Warum bedarf es überhaupt einer fachlichen Ausbildung?
Dr. Frank Mathers:
Alle Experten sind sich hier einig: Der kompetente Zahnarzt muss die Lachgassedierung theoretisch wie praktisch so gut beherrschen wie ein Anästhesist. Entscheidend für eine sichere Anwendung ist beispielsweise das richtige Vorgehen bei der Patientenauswahl oder der richtige und konsequente Einsatz geeigneter Geräte zur physiologischen Überwachung. Zwischenfälle, unerwünschte Ereignisse und Komplikationen müssen ruhig und entschlossen gemanagt werden – und dies muss theoretisch erlernt und praktisch trainiert werden.

Der Zahnarzt und sein Assis-tenzpersonal müssen nicht nur apparativ, sondern auch fachlich für einen möglichen Sedierungszwischenfall gerüstet sein. Komplikationen in Verbindung mit der dentalen Lachgassedierung sind zwar selten, aber für diesen Fall lernen die Teilnehmer einer qualifizierten Ausbildung, eine mögliche Über- und Untersedierung oder eine Atemdepression und Atemwegsverlegung zu erkennen und darauf, wie ein Anästhesist, besonnen und kompetent zu reagieren.

DZW: Was ist grundsätzlich unter einer qualifizierten Ausbildung im Bereich der zahnärztlichen Sedierung zu verstehen?
Mathers:
Das ist klar geregelt. In Deutschland gilt eine mindestens zweitägige, das heißt 14-stündige Weiterbildung zur Qualifikation für die Lachgasanwendung am Patienten. Neben den nationalen fachlichen Regeln durch die Deutsche Gesellschaft für dentale Sedierung gibt es eine große Übereinstimmung mit der europäischen Ebene. Das Verhältnis von Teilnehmern zu Ausbildern sollte im praktischen Teil der Ausbildung nicht mehr als zehn zu eins betragen. Alle praktischen Übungen müssen unter qualifizierter fachlicher Aufsicht erfolgen. Mehrere deutsche und internationale Studien haben diese Vorgehensweise auch wissenschaftlich untermauert.

DZW: Gibt es rechtliche Vorgaben?
Mathers:
Für Zahnärzte besonders wichtig sind die forensischen Bedingungen zur Lachgassedierung. Prof. Erwin Deutsch vom Zentrum für Medizinrecht der Universität Göttingen hat in einem Rechtsgutachten und in mehreren Veröffentlichungen die deutschen Ausbildungsstandards bekräftigt. Darunter ist eine mindestens 14-stündige Weiterbildung zu verstehen – gemäß den Fortbildungsrichtlinien und unter der Supervision eines mit der Technik der Lachgassedierung vertrauten Anästhesisten.

DZW: Welche praktischen und theoretischen Fähigkeiten muss sich der Kursteilnehmer aneignen, beziehungsweise welche Mindestkenntnisse sind für eine erfolgreiche Zertifizierung nachzuweisen?
Mathers:
Nach der erfolgreichen Absolvierung eines Zertifizierungskurses sollte der Zahnarzt mit der pharmakologischen Wirkung von Lachgas (N2O) sowie den physiologischen Reaktionen beim Patienten, die mit einer Lachgassedierung einhergehen, vertraut sein. Zu den Grundvoraussetzungen gehören auch die sichere Anwendung der Methoden der Anamneseerhebung sowie einer angemessenen medizinischen Untersuchung. Zudem muss der Zahnarzt die Indikationen und Kontraindikationen der Lachgassedierung kennen und in der Lage sein, Komplikationen frühzeitig festzustellen beziehungsweise richtig zu behandeln. Nach Bestehen der theoretischen schriftlichen Prüfung ist eine klinisch-praktische Prüfung zu absolvieren, bei der neben der Durchführung einer Lachgassedierung der Zahnarzt im Basic Life Support (BLS) an einer geeigneten Simulationspuppe praktisch geprüft wird.

DZW: Zu welchen Konsequenzen kann eine mangelhafte Ausbildung im Bereich Sedierung im schlimmsten Fall führen?
Mathers:
Die Lachgassedierung genießt in Deutschland, dank erstklassig ausgebildeter Anwender, einen hervorragenden Ruf. Neu aufkommende, unqualifizierte Angebote in Form von „Intensivkursen“ setzen den Zahnarzt einem nicht unerheblichen rechtlichen Risiko aus. Die Ausbildungsrichtlinien sind diesbezüglich klar und eindeutig.

Aus meiner langjährigen Erfahrung als anästhesiologischer Gutachter kann ich nur sagen, dass Zahnärzte sich angreifbar machen, wenn sie die fachlichen und rechtlichen Regeln nicht einhalten. Ein bisschen „Schnuppern“ ist hier, wie auch in anderen Bereichen der Zahnmedizin, definitiv zu wenig für eine optimale, medizinisch nachhaltige Patientenversorgung.

Zahnärzte arbeiten – wie Anästhesisten – in einer komplizierten medizinischen Welt, die Multitasking, komplexe Entscheidungsfindung und gezieltes Handeln erfordert. Eine verkürzte Ausbildung erhöht potenziell das Risiko, dass Sie als behandelnder Zahnarzt eine plötzlich auftretende Gefahrensituation nicht optimal beherrschen. Verantwortungsvolle Zahnärzte, die eine zusätzliche anästhesiologische Technik in ihrer Praxis einführen wollen, legen daher Wert auf die bestmögliche Ausbildung.

DZW: Was ist das Ziel einer guten Ausbildung?
Mathers:
Neben der Sicherheit bei der Patientenauswahl und dem richtigen Verhalten bei möglichen Komplikationen geht es auch da-rum, als Zahnarzt eine neue medizinische Methode möglichst effizient in den Praxisablauf zu integrieren. Nicht nur der Patient, auch der Zahnarzt und sein Team sollten entspannt an die Sache gehen. Eine gute Ausbildung sollte dies leisten. Kurz gesagt: Nach Ihrem erfolgreich bestandenen Fortbildungskurs starten Sie als Zahnarzt am nächsten Morgen um acht Uhr mit einem guten Gefühl und behandeln Ihren ersten Sedierungspatienten souverän und sicher.    

 

Dr. Frank G. Mathers, geboren im Jahr 1959 in Kings­ton, USA, studierte Medizin an der University of Mary­land, University of Illinois, Chicago/ USA, und der Universität Bonn. Er ist Fach­arzt für Anäs­the­sio­logie und Intensiv­medizin, besitzt Zusatzbezeichnungen in Notfall­medizin und Schmerzthe­rapie und ist nie­dergelassen in eigener Praxis in Köln. Mathers leitet das Institut für dentale Sedierung in Köln und veranstaltet Weiter­bil­dungskurse in Sedierungs­verfahren für Zahnärzte
(www.sedierung.com).

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