Dentale Sedierung und Schwangerschaft

26. August 2013
Dentale Sedierung und Schwangerschaft
Dr. F. Mathers, Anästhesist und Notfallmediziner, zum Thema Sedierung in der Zahnmedizin (6)

Schwangerschaft ist eine relative Kontraindikation, wenn es um die elektive zahnärztliche Behandlung geht, insbesondere während des ersten Trimesters. Ist dabei eine Sedierung unumgänglich, ist ab dem dritten Trimester die in der Geburtshilfe breit eingesetzte Lachgassedierung die Methode der Wahl, auch aufgrund ihres hervorragenden Sicherheitsprofils.

Auf jeden Fall ratsam ist bei einer Schwangeren vor der Dentalbehandlung die Rücksprache mit dem verantwortlichen gynäkologischen Fachkollegen, um mögliche Risikofaktoren im Vorfeld auszuschließen.

Vorsicht bei Behandlungen im 1. und 2. Trimester
Im ersten Trimester der Schwangerschaft sollte möglichst auf alle Medikamente verzichtet werden, um nicht das Risiko eines Spontanaborts oder der Entwicklung von Fehlbildungen beim Fötus zu steigern. Vertretbar ist die Verabreichung eines Lokalanästhetikums mit oder ohne Adrenalin während der Schwangerschaft. Dennoch sollten Zahnärzte gerade im ersten Trimester die Vor- und Nachteile einer Behandlung genau abwägen und diese gegebenenfalls  auf ein späteres Trimester beziehungsweise auf einen Zeitpunkt nach der Schwangerschaft verschieben. Im zweiten Trimester können – falls unbedingt notwendig – bestimmte sedierende Arzneimittel eingesetzt werden. Dies sollte allerdings immer mit größter Sorgfalt erfolgen, besonders im Fall von zentral dämpfenden Arzneimitteln beziehungsweise ZNS-Depressiva. Auf jeden Fall angebracht sind Grundkenntnisse über die bereits bekannten Wirkungen mancher Arzneimittel auf den Fötus (siehe Tabelle). Der Einsatz oraler, intramuskulärer, intranasaler oder intravenöser Sedierungsmethoden ist also nicht ‚per se‘ kontraindiziert, allerdings sollte auf jeden Fall mit dem verantwortlichen Gynäkologen gesprochen werden, bevor eine Behandlung und/oder Sedierung durchgeführt wird.


Medikament Fetale Wirkung
Bekannte Wirkungen von Medikamenten auf den Fötus (nach Malamed, 2010)
Amobarbital Keine Berichte über negative Auswirkungen
Lokalanästhetika Keine negativen Auswirkungen in der Dentalmedizin
Atropin Sympathomimetische Wirkungen
Barbiturate Höhere Konzentrationen im Fötus als in der Mutter, weil fetale Nieren Barbiturate nicht eliminieren können
Bupivacain Überquert nicht leicht die Plazenta; keine negativen Auswirkungen in der Dentalmedizin
Chlordiazepoxid Zunahme kongenitaler Fehlbildungen in den ersten 42 Tagen der Schwangerschaft
Diazepam Im 1. Trimester vervierfachen sich die Raten an Lippen- und Gaumenspalten
Adrenalin Keine Berichte über negative Auswirkungen in der Dentalmedizin
Hydroxyzin Über Fälle von Hypotonie wurde berichtet
Lachgas Bei der Verwendung als Anxiolytikum in der Dentalmedizin und bei minimaler Exposition gibt es keine Berichte über negative Auswirkungen, sofern O2-Konzentrationen von 30 Prozent aufrechterhalten werden
Lidocain Keine Berichte über negative Auswirkungen in der Dentalmedizin
Meperidin Verminderte neonatale Respiration
Mepivacain Keine Berichte über negative Auswirkungen in der Dentalmedizin
Meprobamat Möglicherweise Zunahme kongenitaler Fehlbildungen in den ersten 42 Tagen der Schwangerschaft
Morphin Bei Dauereinnahme kleinere Neugeborene; Entzugssymptome wurden beobachtet
Pentazocin Fetale Abhängigkeit und Entzugssymptome wie Hypertonie, Tremor, Hyperaktivität und Unfähigkeit zu trinken
Promethazin Kongenitale Hüftluxation
Prilocain Keine negativen Auswirkungen in der Dentalmedizin
Scopolamin Keine Berichte über negative Auswirkungen

Lachgassedierung ab dem 3. Trimester indiziert
Ist eine dentale Sedierung während der Schwangerschaft unumgänglich, ist die inhalative Sedierung mit Lachgas die sicherste Methode, die ein Zahnarzt einsetzen kann. Obwohl einige in-vitro-Studien eine fruchtschädigende Wirkung von Lachgas nachgewiesen haben, sind bisher keine klinisch signifikanten Nebenwirkungen auf Fötus oder Neugeborenes nachgewiesen worden. Deshalb, und weil weder die Stärke noch die Häufigkeit uteriner Kontraktionen durch Lachgas vermindert wird, wird N2O in Kombination mit O2 in vielen Ländern als Standardverfahren zur Linderung von Geburtsschmerzen eingesetzt. Die meisten pharmakologischen Wirkstoffe sind plazentagängig, und Lachgas ist hier keine Ausnahme. Der Übergang von Lachgas über die Plazentaerfolgt rasch und das Gas entfaltet beim Fötus die gleiche zentral dämpfende Wirkung wie bei der Mutter, wird allerdings innerhalb von nur drei bis fünf Minuten schnell und nahezu vollständig aus dem Körper des Kindes wieder ausgeschieden. Die Sauerstoffkonzentrationen fötalen Blutes können dramatisch sinken, wenn weniger als 20 Prozent Sauerstoff mit dem Lachgas verabreicht werden. Diese Gefahr ist aber inzwischen rein theoretischer Natur, da moderne Applikationsgeräte dies wirksam verhindern.

Für Mitarbeiterinnen gilt: Weg vom Lachgas
Während der kurzfristige Einsatz von Lachgas bei schwangeren Patientinnen unproblematisch ist, sieht die Lage für das zahnärztliche Personal (sowohl für Zahnärztinnen als auch für weibliche zahnmedizinische Fachangestellte) etwas anders aus. Die chronische Belastung durch Spuren von Lachgas wird unter anderem für Neuropathien, verminderte Fertilität, Blutbildveränderungen und Spontanaborte verantwortlich gemacht; durch die Reaktion mit Vitamin B12 soll es zudem in der Langzeitanwendung bei kardiochirurgischen Patienten zu megaloblastischen Anämien gekommen sein. Aus forensischen Gründen sollten schwangere Mitarbeiterinnen deshalb vorsichtshalber nicht in einem Behandlungsraum tätig sein, in dem Lachgassedierungen durchgeführt werden, und eine unnötige chronische Exposition von Mitarbeitern sollte generell vermieden werden. Dennoch sind Probleme beim Arbeitsschutz selten – obwohl sich durch die weite Verbreitung der Lachgasanwendung in der Zahnmedizin mittlerweile weltweit hunderttausende zahnmedizinische Mitarbeiter mit dieser Technik befassen.
Dr. med. Frank Mathers, Köln
 


 

Dr. Frank G. Mathers

Dr. Frank G. Mathers, geboren im Jahr 1959 in Kingston, USA, studierte Medizin an der University of Maryland, University of Illinois, Chicago/USA, und der Universität Bonn. Er ist Facharzt für Anästhesiologie und Intensivmedizin, besitzt Zusatzbezeichnungen in Notfallmedizin und Schmerztherapie und ist niedergelassen in eigener Praxis in Köln.
Mathers leitet das Institut für dentale Sedierung in Köln und veranstaltet Weiterbildungskurse in Sedierungsverfahren für Zahnärzte (www.sedierung.com).

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