Der rote Faden für mehr Evidenz

Dem roten Faden folgen – auch in der EbZ
Der rote Faden für mehr Evidenz
Wissen schnell beschaffen und für die tägliche Arbeit nutzen

In tausenden von Fachbeiträgen wird jedes Jahr enormes Wissen angehäuft. Leider funktioniert der Transfer in die Praxis sehr schleppend, sodass medizinische Leitlinien erst nach vielen Jahren weitgehend umgesetzt werden. Doch wie soll sich die Situation ändern, wenn der Studien-Tsunami ungefiltert und meistens auf Englisch auf Zahnärzte zurollt [1]?

Prof. Jens C. Türp (Universitätsklinikum für Zahnmedizin, Basel) gibt hierzu in der Zeitschrift Parodontologie (Quintessenz) praxisgerechte Ratschläge. Im Vordergrund steht der Patient oder die Patientin: So gibt das Deutsche Netzwerk Evidenzbasierte Medizin (EbM, Netzadressen siehe Tabelle) vor, dass Patienten die beste Behandlung nach aktuellem wissenschaftlichem Stand erhalten sollen [2]. Um dies zu erreichen, müssen laut Türp drei Faktoren vereint werden:

  1. Die persönliche klinische Erfahrung des Behandlers (interne Evidenz),
  2. die aktuelle Studienlage zum individuellen Patientenfall (externe Evidenz)
  3. und die Wünsche des Patienten [2, 3].

Datenbanken auf den Punkt

Um die externe Evidenz erfolgreich anzuwenden, benötigen Zahnärzte einen roten Faden inmitten der Informationsflut (siehe Grafik). Die meist verwendete Datenbank PubMed bietet jedoch nicht alle relevanten Studien zu einem bestimmten Thema an. Auch sind deutschsprachige Zeitschriften, die den Qualitätsanforderungen dieser Plattform entsprechen, nicht enthalten. Die Gründe hierfür sind unklar. Zugriff auf deutschsprachige Artikel bietet die Datenbank Livivo der Zentralbibliothek für Medizin (ZB Med).

Schritte für eine erfolgreiche EbZ in Anlehnung an Türp JC [2] (© Consuela Codrin)

 

Oft ist das klinische Problem zu speziell

In den Datenbanken PubMed und Livivo finden sich alle Studiendesigns, von der schwächsten Evidenz der Fallstudie bis hin zur stärksten Evidenz des systematischen Reviews. Effektiver können Datenbanken sein, die nur systematische Übersichten anbieten, beispielweise die Cochrane-Library. Wenn keine Artikel mit starkem Evidenzgrad zu finden sind, ist der nächstschwächere zu wählen. Oft ist das klinische Problem aber so speziell, dass nur einzelne Fallstudien oder Meinungen anerkannter Autoritäten vorliegen.


Hilfreiche Web-Adressen
www.pubmed.gov
www.livivo.de
www.thecochranelibrary.com
ebm-netzwerk.de
www.equator-network.org


Wer sich ernsthaft mit EbZ und EdM auseinandersetzt, wird erkennen, dass Studien zu gewissen Fragen fehlen oder deren Qualität mangelhaft ist. Dies verdeutlicht den ausgeprägten Bedarf, hochwertige Forschung in lückenhaften Thematiken zu fördern. Um Studien kritisch bewerten und ihre Relevanz einordnen zu können, hat das EQUATOR Network Checklisten und Flussdiagramme entwickelt, die kostenfrei als Word-Dateien abrufbar sind.

Fazit: (Zahn-)Mediziner setzen neues Wissen häufig erst mit Verzögerung in der Praxis um. Wenn die Fragestellung für den individuellen Fall klar ist, der Behandler weiß, wo er suchen kann und wie er gefundene Studien bewerten soll, wird die investierte Zeit jedoch häufig kürzer sein als erwartet. Der Aufwand lohnt sich im Interesse der Patienten ganz sicher.

Consuela Codrin, Freising


Literatur

[1] Rebscher HK, Stefan. Wissensmanagement in Gesundheitssystemen: medhochzwei, 2014.
[2] Türp JC. Evidenzbasierte Zahnmedizin. Parodontologie 2015;26:113-121.
[3] Sackett DL, Rosenberg WM, Gray JA, Haynes RB, Richardson WS. Evidence based medicine: what it is and what it isn't. BMJ (Clinical research ed) 1996;312:71-72.

Consuela Codrin, angestellte Zahnärztin in Kelheim. Seit 2013 Volontärin im Bereich Dental-Fachjournalismus bei Dr. Jan H. Koch, Freising. Abgeschlossener Fernstudiengang Journalistik (ILS, Hamburg). Autorin regelmäßiger Beiträge für die dzw und Grafikerin.

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