Funktionsdiagnostik: „Ein Funktions-Screening gehört zu jedem Erstbefund“

01. Februar 2017
Funktionsdiagnostik: „Ein Funktions-Screening gehört zu jedem Erstbefund“
Dr. Markus Greven (Bonn und Wien) erwartet präzise optische Aufzeichnungstechnik bis 2020

Die Tagung der International Academy of Advanced Interdiscplinary Dentistry (IAAID) im Januar gab einen Überblick zum Spektrum und aktuellen Stand funktionsorientierter ZMK-Heilkunde. Mit IAAID-Präsident Dr. Markus Greven, der in Bonn praktiziert und als Gastprofessor an der Medizinischen Universität Wien lehrt, sprach in München Dr. Jan H. Koch.

IAAID-Präsident Dr. Markus Greven: „Entscheidende Impulse erhoffe ich mir aus den bevorstehenden Studienreformen für Zahnmediziner und in der Folge für alle anderen Mediziner.“ (Foto: privat)

Herr Greven, wie viel Funktion benötigen normale Patienten? Damit meine ich solche, die nicht über Schmerzen oder andere Probleme im kraniomandibulären Bereich klagen?
Dr. Markus Greven:
Jede restaurative Behandlung kann zu einer Dekompensation des Kauorgans führen. Ein Funktions-Screening gehört deshalb genauso zum Erstbefund wie die Untersuchung auf Karies, Parodontitis und Mundschleimhauterkrankungen. In unserer Klinik nehmen wir uns für jeden neuen Patienten eine Stunde Zeit, die dieser natürlich auch bezahlt.

Welches Screening empfehlen Sie?
Dr. Markus Greven: Der klinische Funktionsstatus der DGFDT/DGZMK nach Jakstat und Ahlers reicht aus. Zusätzliche systemisch-medizinische Parameter enthält das CMD-Screening der VieSID. Zeigt der Bewegungsapparat des Patienten Auffälligkeiten mit möglicher Verbindung zum Kauorgan, folgt eine Untersuchung beim Orthopäden. Idealerweise sollte dieser zusätzlich osteopathisch ausgebildet sein.

IAAID wird ICOM – stomatognathe Funktion als Teil der Medizin

Die International Academy of Advanced Interdiscplinary Dentistry (IAAID) wurde 2006 von weltweit tätigen Zahnärzten gegründet, die die Vienna School of Interdisciplinary Dentistry (VieSID) absolviert haben. Gemeinsame Basis ist die systemisch orientierte Funktionslehre von Professor Dr. Rudolf Slavicek (Wien). Die bisher separat agierenden asiatischen und europäischen Sektionen werden zukünftig unter der Bezeichnung International Conference of Occlusion Medicine ICOM gemeinsam auftreten (occlusionmedicine.com). „Medicine“ soll zeigen, dass funktionsorientierte Zahnmedizin integraler Teil der Medizin ist. Die nächste internationale Tagung findet im März 2017 in Japan statt.

Was ist neu in der Funktionslehre? Wann kommt der virtuelle Patient?
Dr. Markus Greven: Den rein virtuellen Patienten wird es nie geben, Grundlage bleiben das Patientengespräch und die klinische Diagnostik. Neben der Statik muss dabei immer die Dynamik berücksichtigt werden. Im Prinzip hat sich hier seit Alfred Gisy, also seit über 100 Jahren, nichts geändert.

Was sich ändert, sind die Werkzeuge, mit denen wir diagnostizieren und therapieren. Die diagnostische Zukunft sehe ich in opto-elektronischen Aufzeichnungssystemen in Verbindung mit Gesichts-Scans. Hoch auflösende Videotechnik wird es ermöglichen, die anatomische, funktionelle und ästhetikbezogene Situation jedes Patienten präzise zu simulieren. Dieser Prozess wird einfacher als bisher durchführbar sein. In komplexen Fällen benötigen wir weiterhin dreidimensionale Röntgendiagnostik.


Einen Bericht über die Ergebnisse und Perspektiven der IAAID-Tagung lesen Sie hier.

(Illustration: Shutterstock / decade3d - anatomy online)


Und was bringt das für Patienten und normale Praxen?
Dr. Markus Greven: Wir werden eine funktionell besser abgestimmte restaurative Qualität erreichen können. In Verbindung mit neuen Entwicklungen wie 3D-Druck und der an der Universitätszahnklinik München entwickelten Dentinkern-Technik könnten die Restaurationen auch kostengünstiger als bisher herstellbar sein. Kieferorthopädie und orale Chirurgie profitieren ebenfalls zunehmend von digitalen, funktionsbezogenen Systemen. Die Komplexität vieler Patientenfälle wird aber, wie bisher, gut ausgebildete Kollegen erfordern.

Die notwendige interdiszplinäre Zusammenarbeit lässt oft zu wünschen übrig. Wie könnte die Situation verbessert werden?
Dr. Markus Greven: Das Problem ist, dass zu viele Kollegen in ihrer Fachdisziplin fest stecken. Das gilt mindestens ebenso für unsere Kollegen aus der „großen“ Medizin. Wir alle sollten Augen und Ohren offen halten und uns austauschen. Entscheidende Impulse erhoffe ich mir aus den bevorstehenden Studienreformen für Zahnmediziner und in der Folge für alle anderen Mediziner.

 

Dr. Jan H. Koch

Dr. med. dent. Jan Hermann Koch ist seit dem Jahr 2000 als freier Fachjournalist und Berater tätig. Arbeitsschwerpunkte sind Fachartikel, Pressetexte und Medienkonzepte für Dentalindustrie und Verbände. Seit 2013 schreibt Dr. Koch als fester freier Mitarbeiter für die DZW und Fachmagazine, unter anderem die Kolumne ZahnMedizin kompakt (Nachfolge Dr. Karlheinz Kimmel).

Ähnliche Beiträge