„Notfall-Ausbildung in sieben Tagen – ohne ZMF nicht zu schaffen“

Hilfsorganisation Bridge2Aid in Tansania: Clinical Officers bei einer Untersuchung
09. Mai 2017
„Notfall-Ausbildung in sieben Tagen – ohne ZMF nicht zu schaffen“
Bridge2Aid: Zahnmedizinische Fachangestellte bilden gemeinsam mit Zahnärzten Clinical Officers in Tansania aus

Misungwi District, Tansania 2011: Unser Geländewagen rollt über die staubigbraune Straße. Eine Herde Rinder weicht auf das trockene Grasland neben der Piste aus. Ein Mann steigt von seinem Rad, als er das Motorengeräusch hört, und sieht uns nach.  Die ersten Häuser gruppieren sich in einer losen Ansammlung um die Straße. Hierher verirrt sich kein Tourist. Für die nächsten sechs Tage wird dieses Dorf unser Einsatzort sein.

Wir – das sind sechs Zahnmedizinische Fachangestellte (ZMF), fünf Zahnarztkollegen und ich. Ich weiß noch nicht, was mich erwartet, ich bin das erste Mal dabei. Dreimal noch werde ich wiederkommen.
Wer in Deutschland morgens mit Zahnschmerzen aufwacht, ruft seinen Zahnarzt an und bekommt in der Regel noch am selben Tag einen Termin. In Tansania dagegen halten Menschen ihre Schmerzen oft jahrelang aus, ohne einen Zahnarzt zu Gesicht zu bekommen. Manche sehen nie einen, sie leben mit ihren Qualen und sterben damit. Oder daran.

Ein großformatiges Banner weist auf die Hilfsorganisation Bridge2Aid in Tansania hin. (Foto: Wegenast)

Bridge2Aid, eine britische Organisation, stellt sich dieser unhaltbaren Situation entgegen – mit der Hilfe von Zahnärzten und ZMF. 2002 gegründet, wuchs die Organisation so schnell, dass sie ihre Arbeit seit 2013 von Tansania auf Ruanda ausgeweitet hat. Ihr Auftrag: Fachwissen und -können in die zahnmedizinisch unterversorgten ländlichen Regionen tragen, damit die Menschen dort einander versorgen können, wenn die europäischen Teams wieder abreisen.

Die Klinik in Tansania (Foto: Wegenast)
Wartende Patientin vor der Klinik
(Foto: Wegenast)

In Tansania kommt das, was wir Fortschritt nennen, in sehr unterschiedlichem Tempo an: Selbst die Kinder auf den Dörfern kennen bereits Cola, trinken die flüssigen Zuckerbomben, die mittlerweile selbst hier billig zu haben sind. Eine Zahnbürste dagegen und den richtigen Umgang damit kennen sie nicht. Von einem Zahnarzt ganz zu schweigen: Über 70 Prozent der Bevölkerung in Tansania bekommen keine beständige zahnärztliche Behandlung.

  Hilfsorganisation Bridge2Aid in Tansania: Dr. Sabrina Wegenast und ein Clinical Officer bei einer Untersuchung
(Foto: Wegenast)
Unser Instrumentarium …
… und der Hygieneraum mit der Steri-Abteilung (Foto: Wegenast)

Schmerzen sind etwas, an das man sich nie gewöhnt. Sie werden nicht weniger quälend, nur weil sie über Jahre andauern, im Gegenteil: Sie zermürben den Menschen, rauben ihm seine Kraft, seine Gesundheit und machen ihn irgendwann unfähig, seinen Lebensunterhalt zu verdienen. An einem unbehandelten Abszess im Mund kann ein Mensch sterben.

In Europa bitten ZMF Patienten in wohnlich eingerichtete Wartezimmer, klimatisiert, mit freundlichem Ambiente gegen das mulmige Gefühl. Im Behandlungszimmer wartet der elektrisch verstellbare Behandlungsstuhl, das OP-Licht leuchtet jeden Winkel der Mundhöhle aus, für jeden Handgriff gibt es das passende Instrument, steril verpackt. Nach der Behandlung spült sich der Patient den Mund mit fließendem Wasser aus.

Unser Warteraum in diesem Dorf in Tansania sind ein paar Bänke im schmalen Schatten vor dem langgestreckten, flachen Gebäude und die Treppenstufen der Veranda. An einem Tag kommen rund 70 Menschen, um sich von uns behandeln zu lassen, manche müssen wir wieder wegschicken und auf später vertrösten. In unserem Behandlungszimmer stehen Holzstühle so eng beieinander, dass wir Behandelnden Rücken an Rücken arbeiten. Die Patienten sitzen auf den Stühlen, den Kopf an die Wand gelehnt. Was unter dem Licht unserer Taschenlampe sichtbar wird, hat nichts zu tun mit der Entscheidung zwischen Kassenfüllung oder ästhetischem Kunststoff – hier hilft oft nur noch die Zange. Trotzdem: Wenn unsere Patienten ein mulmiges Gefühl haben, dann zeigen sie es nicht. Die Hoffnung, den Schmerz loszuwerden, ist größer als alle Angst. Was Zahnärzte und ZMF hier gemeinsam für diese Menschen tun, ist wichtig. Am wichtigsten jedoch sind nicht die Menschen auf den Stühlen. Sondern unsere tansanischen Kollegen, die alles aufsaugen, was wir ihnen erklären und zeigen.

Dr. Sabrina Wegenast: „Ich wollte nicht aus Afrika zurückkehren und stolz erzählen, wie viele Tausend Zähne ich gezogen habe, während die Menschen dort mit derselben Situation zurückbleiben wie vorher.“
(Foto: privat)

Die Ausbildung dieser Clinical Officers (CO), des medizinischen Gesundheitspersonals, erfolgt in Teamarbeit: Hierarchien zwischen Zahnärzten und ZMF existieren praktisch nicht, jeder ist gleich wichtig mit seiner Aufgabe. Während Samantha auf der Veranda die ankommenden Patienten registriert, hütet sie wenn nötig gleichzeitig die Kinder der Patientinnen, die gerade drinnen behandelt werden. Sarah zeigt und erklärt währenddessen einem CO, wie er eine Gruppe wartender Patienten in der täglichen Mundhygiene unterweist: mit Plastikgebiss und Riesenzahnbürste. Cara eilt indessen konzentriert durch die Behandlungsräume und sorgt dafür, dass trotz des hohen Behandlungsaufkommens die Zahnärzte jederzeit alles Wichtige zur Hand haben.

Michelle desinfiziert inzwischen im Hygieneraum die Instrumente und zeigt den CO, wie sie mit den Drucktöpfen umgehen. Denn die ZMF sind verantwortlich dafür, dass die CO lernen, wie sie Reinigung, Desinfektion und Sterilisation durchführen – ohne Strom und fließendes Wasser, einfach in einem gasbetriebenen Drucktopf.

Erfolge von Bridge2Aid bis 2017

  • Anzahl der Trainingsprogramme: 84
  • ausgebildete Clinical Officers (CO): 460
  • Rate der erfolgreichen CO-Prüfungen: 92 Prozent
  • sichere Notfallversorgung für die Landbevölkerung in Tansania: mehr als 4,6 Millionen (15 Prozent)
  • versorgte Bevölkerungszahl je CO: 10.000 Menschen
  • kostenlose Zahnbehandlungen: 44.000

Diese Methode ist FDI-zertifiziert (World Dental Federation, www.fdiworlddental.org) und besonders wichtig: Viele unserer Patienten in Tansania sind HIV-positiv – durch unzureichende Hygiene beim Instrumentarium vor allem in ländlichen Gebieten wird das Virus übertragen. Das ist noch immer ein großes Problem. Die ausgebildeten CO jedoch können diese Methode der Sterilisation auf alle chirurgischen Disziplinen ausweiten.

Training der Clinical Officers (Foto: Wegenast)
ZMF bei Clinical-Officers-Schulung (Foto: Wegenast)

Nach sieben Tagen Training können die CO Zähne ziehen, beherrschen die Hygieneregeln und bekommen mit bestandener Prüfung ihre zahnärztliche Ausrüstung und einen Drucktopf geschenkt. Eine Notfall-Ausbildung in sieben Tagen – ohne ZMF nicht zu schaffen.

Zwölf Tage sind wir mit An- und Abreise und mit der Arbeit beschäftigt, wer möchte, kann noch eine dreitägige Safari anschließen. Bezahlt hat jeder von uns den Flug und die Einzelzimmer-Unterkunft in komfortablen, sauberen Hotels mit sehr gutem Essen sowie die Kosten für das Visum. Pro Person sind das rund 2.500 Euro – für einen Zahnarzt wesentlich leichter zu stemmen als für eine ZMF. Die meisten haben das Geld über ein Fundraising-Event in der Praxis zusammenbekommen und begleiten ihren Chef.

Mein persönlicher Grund, warum ich mit Bridge2Aid gegangen bin: Ich wollte nicht aus Afrika zurückkehren und stolz erzählen, wie viele Tausend Zähne ich gezogen habe, während die Menschen dort mit derselben Situation zurückbleiben wie vorher. Aber ohne die Unterstützung der ZMF wäre meine und die Arbeit der anderen Zahnärzte unmöglich gewesen. Allen Zahnmedizinischen Fachangestellten, die über einen freiwilligen Einsatz nachdenken, möchte ich daher sagen: Macht es – es lohnt sich! Für die Menschen dort sowieso, aber auch für Euch.

Dr. Sabrina Wegenast, Rheine

Dr. Sabrina Wegenast

Dr. Sabrina Wegenast ist Fachzahnärztin für Oralchirurgie im Zahnzentrum Rheine. Nach ihrem Staatsexamen 2009 in Tübingen arbeitete sie vier Jahre in der Mund-Kiefer- und Gesichtschirurgie in Großbritannien. Bereits viermal reiste sie mit der britischen Hilfsorganisation Bridge2Aid nach Afrika.

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