Probefahren, schwäbische Ästhetik, das richtige Bild und mehr

Feierlich aufgenommen: 22 fortbildungsengagierte Zahnärztinnen und Zahnärzte sind jetzt Mitglieder der Karlsruher Konferenz.
02. April 2015
Probefahren, schwäbische Ästhetik, das richtige Bild und mehr
Karlsruher Konferenz hatte mit Blick auf die Ästhetik die Ästhetik im Blick

Wenn die Akademie für zahnärztliche Fortbildung Karlsruhe die Ästhetik zum Thema einer Karlsruher Konferenz macht, dann stehen nicht nur Bilderserien ästhetisch optimal gelöster Fälle im Fokus. Es wird vielmehr hinterfragt, was heute wie geht und das Feld „Ästhetik“ aus verschiedenen Blickwinkeln abgesteckt – immer mit Bezug zur täglichen Praxis. So war es auch am 20. März 2015. Vier Referenten mit hoher Expertise in ihrem Thema präsentierten vielfach sehr inspirierend den Stand des Wissens und Empfehlungen für die Praxis.

Bei komplexen Restaurationen mit Bisshebungen sollten die Patienten mit Langzeitprovisorien zunächst einmal längere Zeit funktionell „probefahren“, bevor die endgültige Restauration vom Zahntechniker hergestellt wird. Diese Empfehlung gab Prof. Dr. Daniel Edelhoff (München) in seinem Startvortrag. Sei bei stark abradierten Gebissen eine Hebung von mehr als vier bis fünf Millimetern nötig, sollte die Anpassung über Langzeitprovisorien in zwei Phasen  erfolgen, um dem Patienten und seiner Muskulatur eine langsame Adaptation an die neue Situation zu ermöglichen. „Bringen Sie erst hinten alles in Ordnung, bevor Sie an die Social Six gehen.“ Anhand der Abrasion der Langzeitprovisorien lasse sich vor dem Erstellen der endgültigen Restauration der nötige Anpassungsbedarf gut feststellen.

Dann seien, wie Edelhoff am Fall eines noch sehr jungen Patienten demonstrierte (drei Liter zuckerhaltige Cola am Tag, stark biokorrodiertes und abradiertes Gebiss mit bis auf Gingivaniveau reduzierten Schmelzrändern – „So schön kann ich das gar nicht präparieren, hier hat die Phosphorsäure aus der Cola ganze Arbeit geleistet“ –), Eingriffe zum Beheben eines Gummy Smiles, wie sie von amerikanischen Ästhetikexperten gerne vorgenommen werden, überflüssig. „Wird die natürliche Bisshöhe und Okklusion wieder hergestellt, verschwindet in der Regel auch das in der Ausgangssituation festgestellte Gummy Smile. Die Amerikaner gehen hier viel zu hart vor“, so Edelhoff.

Für die Planung und Gestaltung der Restaurationen sowohl im posterioren wie im anterioren Bereich leisten heute CAD/CAM und moderne Materialien große Hilfe. Sie erlaubten auch ein wesentlich weniger invasives Vorgehen als noch vor zehn oder 15 Jahren. Vor allem Glaskeramiken (Lithiumdisilikat), Presskeramik, Zirkoniumdioxid für Gerüste und Kombitechniken seien für ästhetische, minimal-invasive und haltbare Restaurationen bewährt.

Nach wie vor eine gute Wahl im Seitenzahnbereich seien – verklebte – Goldrestaurationen, die durch das Einkleben keine retentive Präparation mehr benötigten. Die modernen Hochleistungskunststoffe und Hybridkeramiken für die CAD/CAM-Fertigung ermöglichten ausreichend stabile und zugleich gut anpassungsfähige Langzeitprovisorien. Für den Einsatz als finale Versorgung lägen noch nicht genügend klinische Daten vor, auch wenn die Hersteller das bereits gerne empfehlen, so Edelhoff.

Prof. Dr. Hans Jörg Staehle (Heidelberg) fasste seine mit viel Beifall bedachte Präsentation unter dem Fazit „schwäbische Ästhetik“ zusammen – bezahlbar gestalten, solide anfertigen, auf Haltbarkeit Wert legen, Zurückhaltung walten lassen, nicht immer das Maximum machen, Nutzen und Risiken abwägen und auch den Low-Tech-Verfahren eine Chance geben. Er zeigte Lösungen für ästhetische Probleme mit minimal-invasiven Verfahren wie kleine Subtraktionen und Kompositrekonstruktionen bis hin zur Rehabilitation von stark korrodierten und/oder abradierten Gebissen und zum Lückenschluss über Zahnverbreiterungen mit Komposit.

„Das ist im Ergebnis nicht immer so hochästhetisch wie das, was der Techniker im Labor gestalten kann. Aber es sind ästhetisch vor allem für den Patienten zufriedenstellende, schnelle und kostengünstige Lösungen, die eine sehr hohe Lebensdauer haben, leicht repariert werden können und Ihnen immer noch alle Möglichkeiten mit Prothetik oder Implantologie offenhalten“ so Staehle. Der Patient müsse vorher natürlich über die Limitationen aufgeklärt und zu einer guten Mundhygiene vor allem im Interdentalbereich angehalten werden. Dazu müssen die Restaurationen hygienefähig gestaltet und dies mit passenden Interdentalbürsten auch gleich getestet werden.

Warum es für den Zahntechniker bei ästhetisch herausfordernden prothetischen Arbeiten auf das richtige Bild ankommt und was Zahnarzt und Patient dafür vom Techniker an Planungs- und Entscheidungshilfe bekommen können, zeigte Zahntechnikermeister Christian Lang aus Köln. Ein korrekt aufgenommenes, richtig fokussiertes Porträtfoto des Patienten vor der Behandlung biete ihm zusammen mit den Befunden (Gegenbiss, Gesichtsbogen, Registrat etc.) die Grundlage für eine am Rechner vorgenommene Ästhetikplanung, die für Zahnarzt und Patient schon zu etwa 80 Prozent zeigen könne, wie das Ergebnis der Behandlung aussehen könnte und wie viel tatsächlich präpariert werden müsse. „Fotografieren Sie, bevor Sie präparieren“, so sein Appell. Er bevorzuge die digitale Farbnahme mit modernen Farbmessgeräten, deren Ergebnisse genauer und von äußeren Einflüssen unabhängiger sei als die Verfahren mit den Farbmustern.

Die Fotodokumentation der verschiedenen Arbeitsphasen, auch von der Einprobe oder dem Wax-up, gegebenenfalls Videos mit Sprechproben und Aufnahmen aus verschiedenen Perspektiven geben ihm als Techniker viele wertvolle Informationen, um die Arbeit funktional, phonetisch und ästhetisch gestalten zu können. Am 26. und 27. Juni 2015 wird Lang in Karlsruhe dazu auch einen Teamkurs für Zahntechniker und Zahnärzte anbieten.

Den chirurgischen Blick auf die Ästhetik brachte der abschließende Vortrag von Dr. Peter Randelzhofer aus München. Dabei standen Weichgewebe und Prothetik bei Implantatversorgungen im Fokus. Eine sorgfältige Planung und Analyse der Situation und der Patientenwünsche, die Auswahl der geeigneten Implantatdurchmesser, die enge Zusammenarbeit mit dem Techniker, Langzeitprovisorien, Platform switching und individualisierte Keramikabutments seien wichtige Schlüssel zum Erfolg bei der roten Ästhetik. Dabei könne der Prothetiker bereits am Modell das Emergenzprofil „gestalten“. Nach Manipulationen am Weichgewebe müsse eine Wartezeit von vier Monaten eingeplant werden, die mit einen Langzeitprovisorium überbrückt werden sollte, das auch für das Ausformen von Ovate Pontics und Emergenzprofilen genutzt werden könne.

Prof. Dr. Winfried Walther, Direktor der Akademie, stellte zudem mit seinen Mitarbeitern wieder eine Reihe neuer Veranstaltungen in der Akademie vor – unter anderem zum Wissenschaftlichen Arbeiten, die Herbstkonferenz zum Thema Kommunikation und ein gemeinsam mit Prof. Dr. Johannes Einwag gestaltetes Curriculum speziell für junge Zahnärztinnen und Zahnärzte, das ihnen mit fünf Modulen sowohl fachlich-praktisch wie betriebswirtschaftlich den Start in die Praxis erleichtern soll.

Dr. Norbert Engel, Vorsitzender des Verwaltungsrats der Akademie, konnte zudem wieder 22 fortbildungsengagierte Zahnärztinnen und Zahnärzte in den Kreis der Karlsruher Konferenz aufnehmen.