Panorama

Erste Hilfe

Zahnarzt bricht auf Tenniscourt zusammen

Leben retten leicht gemacht
Karin Kaiser/MHH

Leben retten leicht gemacht: Dr. Christian Napp, Lennart Stalp, Mirko Philipp und Professor Dr. Johann Bauersachs mit einem Defibrillator.    

 

Mirko Philipp freute sich auf das Tennistraining am Abend des 31. Januar 2018. Ein Tag, den der Zahnarzt mit einer Praxis in der List so schnell nicht mehr vergessen wird: Er hatte sich mit zwei Mitspielern und dem Trainer zu einer Stunde im Sportpark Isernhagen verabredet. „Alles war gut“, erinnert sich der 55-Jährige. „Nach dem Aufwärmen folgten die ersten Ballwechsel, doch dann weiß ich nichts mehr. Irgendwer hat den Stecker gezogen.“ Philipp bricht in der Tennishalle zusammen.

Herzdruckmassage im Rhythmus von „Staying alive“

„Er hat noch ‚aua‘ gerufen. Wir dachten, er sei umgeknickt“, erinnert sich Mitspieler Lennart Stalp. Der 21-Jährige eilte auf die andere Seite des Courts. „Schnell merkte ich, dass er bewusstlos war, kaum noch Puls hatte, und die Atmung schließlich ganz aussetzte.“ Dem Medizinstudenten im sechsten Semester war schnell klar, dass es um Leben und Tod ging. Sofort leitete er Wiederbelebungsmaßnahmen ein. „Eine Reanimation hatte ich auch in meinem Studium noch nie gemacht“, sagt Stalp, „doch an die Herzdruckmassage konnte ich mich noch aus dem Erste-Hilfe-Kurs erinnern.“ Und an das Lied „Staying alive“ von den Bee Gees: „Das ist genau der richtige Rhythmus für die Herzdruckmassage.“ Doch auch die anderen Tennisspieler blieben nicht untätig. Eine Mitspielerin wählte sofort die 112, andere holten geistesgegenwärtig den Defibrillator, der in der Tennishalle hängt.

Mit Defibrillator gegen plötzlichen Herztod

In Deutschland sterben jährlich mehr als 100.000 Menschen am plötzlichen Herztod. Kommt es zum Kammerflimmern, sinkt die Pumpleistung des Herzens abrupt auf null und es tritt ein Kreislaufstillstand ein. „Der Einsatz eines Defibrillators ist die einzige Möglichkeit, den Kreislauf wiederherzustellen“, erklärt Professor Dr. Johann Bauersachs, Direktor der Klinik für Kardiologie und Angiologie der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Dabei wird das Herz durch gezielte Stromstöße einer AED (automatisierte externe Defibrillation) „entflimmert“.

Die Bedienung ist sehr einfach

Je schneller die Defibrillation erfolgt, desto größer ist die Chance, dass der Betroffene überlebt und keine schweren Hirnschäden davonträgt. „Im Krankenhaus werden mit dem Einsatz von Defibrillatoren gute Erfolge erzielt. Kommt es aber außerhalb von Kliniken zu Zwischenfällen, vergeht oft zu viel Zeit, bis defibrilliert wird“, erläutert Bauersachs. „Dank der Defibrillatoren vor Ort, die auch Laien gefahrlos bedienen können, werden Menschenleben gerettet.“ So auch im Sportpark Isernhagen. „Ich habe die Herzdruckmassage fortgesetzt, weitere Helfer haben den Defibrillator vorbereitet“, erinnert sich Stalp. „Die Bedienung ist sehr einfach, denn er redet mit den Helfern und sagt genau, was man tun muss“, erklärt der Student. „Der Defibrillator analysiert selbsttätig, ob ein Stromstoß notwendig ist, da kann man gar nichts falsch machen.“ Bei Philipp rettet der Stromstoß sein Leben. „Als der Rettungsdienst nach knapp zehn Minuten eintraf, schlug sein Herz bereits wieder“, freut sich der angehende Mediziner.

 

Keine Warnzeichen

Philipp hat von all dem nichts mitbekommen. „Ich habe einen Filmriss. Ich bin erst wieder auf der Intensivstation der MHH wach geworden.“ Mit einer medikamentösen Therapie und einem einzigen Stent konnten die Kardiologen um Bauersachs das Durchblutungsproblem in den Herzkranzgefäßen beheben. „Bei mir hatten sich keine Warnzeichen bemerkbar gemacht“, so Philipp.

Jeder kann zum Lebensretter werden

Laut Bauersachs ist das für viele Patienten nicht untypisch. „Menschen sterben am plötzlichem Herztod – ganz ohne gesundheitliche Vorzeichen. Und gerade in solchen Fällen ist es wichtig, dass die Umstehenden sofort mit den Wiederbelebungsmaßnahmen beginnen, also der Herzdruckmassage, und den Notarzt rufen.“ Wo immer es Defibrillatoren gibt – zum Beispiel in vielen U-Bahn-Stationen, aber auch in öffentlichen Gebäuden – sollten sie unbedingt genutzt werden. „So kann jeder ganz einfach zum Lebensretter werden“, betont der Kardiologe. Philipp ist sich bewusst, wie viel Glück er hatte. „Ich bin meinen Lebensrettern sehr dankbar.“ Doch dabei wollte er es nicht belassen. „Ich habe einen Defibrillator gekauft und in meine Praxis gehängt. Und wenn ich am Wochenende zu Tennisturnieren fahre, nehme ich ihn mit. Wer weiß denn schon, ob es in den anderen Hallen Defibrillatoren gibt.“