Opfer und Täter

Gewalt in der Zahnarztpraxis?

„Aggressives Verhalten und Übergriffe gibt es selten“

Frau in Abwehrhaltung
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Stopp! Manchmal kommt es zu anzüglichen Bemerkungen, Drohungen und Auseinandersetzungen in Zahnarztpraxen.

In den Medien wird immer wieder von Übergriffen auf Ärzte und Rettungssanitäter berichtet. Kommt das auch in Zahnarztpraxen vor? Konkrete Zahlen gibt es hierzu nicht, wie uns die BZÄK bestätigte. Deshalb befragte DZW-Redakteurin Evelyn Stolberg eine Zahnärztin, die Ansprechpartnerin für viele Kollegen ist: Dr. Tilli Hanßen arbeitet in eigener Praxis in Jesteburg (Niedersachsen), ist Notdienstbeauftrage im Kreis Harburg, Beauftragte für die Belange der Zahnärzte der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Niedersachsen, stellvertretende Vorsitzende im Ausschuss für die Belange der Zahnärztinnen und Delegierte der Bundeszahnärztekammer.

Frau Hanßen, ist die Gewaltbereitschaft der Patienten Zahnärzten gegenüber gestiegen?

Dr. Tilli Hanßen: Dazu liegen keine konkreten Zahlen vor, aber natürlich berichten die Kolleginnen und Kollegen ab und an von Übergriffen und aggressivem Verhalten in Zahnarztpraxen. Das kann dann jeden treffen: Die Anmeldungsmitarbeiterin, die Mitarbeiterinnen im Behandlungszimmer, die Prophylaxefachkräfte und natürlich die Zahnärztinnen und Zahnärzte.

Von welchen Übergriffen wird Ihnen berichtet?

Dr. Hanßen: Die Kolleginnen und Kollegen erzählen von anzüglichen Bemerkungen, Drohungen und körperlichen Übergriffen wie An-den-Busen-fassen.

Was raten Sie Ihren Kollegen?

Dr. Hanßen: Jede Praxis sollte einen Notfallplan entwickeln. Am wichtigsten sind genaue Absprachen im Team, wie grundsätzlich mit verbal oder körperlich übergriffigen Patienten umgegangen werden soll. Das sollte auch trainiert werden. Die Kassenzahnärztliche Vereinigung Niedersachsen bietet hierfür spezielle Kurse an. Ein Tipp ist beispielsweise, eine Pfeife an der Anmeldung zu platzieren, um darüber schnell Hilfe anfordern zu können.

 

Dr. Tilli Hanßen
Dr. L. Riefenstahl

Dr. Tilli Hanßen ist Notdienstbeauftrage im Kreis Harburg, Beauftragte für die Belange der Zahnärzte der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Niedersachsen, stellvertretende Vorsitzende im Ausschuss für die Belange der Zahnärztinnen und Delegierte der Bundeszahnärztekammer.

Wie gehen Sie in Ihrer Praxis mit übergriffigen Patienten um?

Dr. Hanßen: Sie werden sofort der Praxis verwiesen. Das wissen meine Mitarbeiterinnen. Sie informieren mich immer, wenn eine Situation unangenehm wird. Zum Glück kommt das selten vor, und richtig eingreifen musste ich nur einmal, als sich ein Patient unbedingt mit einer Mitarbeiterin privat treffen wollte.

Welche Erfahrungen haben Sie mit Flüchtlingen gemacht?

Dr. Hanßen: Ich persönlich nur positive. Ich habe sehr viele Syrer behandelt, die mir als Ärztin gegenüber immer sehr respektvoll aufgetreten sind. Allerdings fanden es meine Helferinnen nicht gut, dass syrische Männer, wenn sie alleine mit ihnen im Behandlungsraum waren, nicht mit ihnen gesprochen haben. Dazu muss man aber wissen, dass die Männer das aus Höflichkeit taten. Mit einer alleinstehenden Frau zu sprechen, wäre in ihren Augen nicht respektvoll gewesen.

Wie sieht die Situation im Notdienst aus?

Dr. Hanßen: Da sollte man ebenfalls im Team genau planen, wer zu welchem Zeitpunkt wo in der Praxis ist. Meine Mitarbeiterinnen lassen im Notdienst zum Beispiel noch keine Patienten in die Praxis, bevor die festgelegte Sprechzeit angefangen hat. Keiner sollte alleine mit einem fremden Patienten sein. Nach Ende der regulären Sprechzeit gebe ich meinen Mitarbeiterinnen frei. Wenn danach noch ein Patient behandelt werden muss, nehme ich meinen Mann mit in die Praxis. Das machen viele Kolleginnen auch so. Meine männlichen Kollegen nehmen wiederum häufig eine Mitarbeiterin oder die Ehefrau mit, damit ihnen später nicht unterstellt werden kann, übergriffig geworden zu sein.  Schwierig ist das für Kollegen mit kleinen Kindern, die man nicht mal eben alleine zu Hause lassen kann oder für Alleinstehende. Da wird dann oft der Ehemann von Mitarbeiterinnen gebeten, in die Praxis mit zu kommen. Man darf aber auch die Polizei anfordern, wenn man sich unsicher fühlt.

Womit muss man noch im Notdienst rechnen?  

Dr. Hanßen: Einem Kollegen wurden nachts die Reifen seines Autos zerstochen. So etwas kann natürlich auch während der regulären Behandlungszeiten passieren. Problematisch ist aber, dass man oft nicht mitbekommt, was sonst noch in der Praxis passiert. Angehörige eines Patienten haben vor kurzem Hand- und Winkelstücke gestohlen, während der Kollege eine Notdienstbehandlung durchführte. Wir raten deshalb allen Zahnärzten, Angehörige während des Notdienstes vor der Praxis warten zu lassen.


Gewalt in Zahnarztpraxen – Was haben Sie erlebt?

Immer wieder ist von Gewalt und Übergriffen gegen Ärzte und andere Angehörige von Gesundheitsberufen die Rede. Doch wie sieht es konkret bei den Zahnärzten aus? Die DZW hakte bei der BZÄK nach, Zahlen liegen hierzu jedoch keine vor.   

Deshalb fragt die DZW:

• Welche Erfahrungen mit Gewalt oder Übergriffen haben Sie in Ihrer Zahnarztpraxis gemacht?

• Wurden Sie – oder Ihre Mitarbeiterinnen – angegriffen?

• Wie schützen Sie sich und Ihr Team?

Die Antworten werden anonym Ende März auf www.dzw.de veröffentlicht. Senden Sie Ihre Antworten bitte per Mail unter dem Stichwort „Gewalt in Zahnarztpraxen“ an redaktion@dzw.de. Vielen Dank!


 

In NRW scheiterte eine Petition, deren Ziel es war, dass der zahnärztliche Notdienst auf bestimmte Zeiten eingeschränkt wird und nach Mitternacht keine Notdienstpflicht mehr für Zahnärzte besteht. Wie stehen Sie dazu?

Dr. Hanßen: Die Politik zwingt uns leider in vielen Regionen zu einem Rund-um-die-Uhr-Notdienst. Viele Zahnärzte wohnen aber nicht mehr wie früher in einer Wohnung über der Praxis. Wenn dann nachts um 1 Uhr ein Anruf kommt, und man wohnt weiter weg, ist die Durchführung des Notdienstes mit einem riesigen Aufwand verbunden. Dabei können erfahrungsgemäß die meisten Patienten die Nacht mit einer Schmerztablette überbrücken. Richtig schwere Notfälle, etwa Patienten mit Nachblutungen, müssen ohnehin in eine Klinik. Ein zahnmedizinischer Notdienst in der Zeit von 8 Uhr bis Mitternacht – auch am Wochenende – wäre in meinen Augen deshalb völlig ausreichend.