Opfer und Täter

Identifizierung und Altersbestimmung

Wer bin ich? Und wenn ja, wie alt?

Die Anthropologin Prof. Dr. Ursula Wittwer-Backofen studierte Biologie, Chemie und vorderasiatische Archäologie. Seit 2002 hat sie den Lehrstuhl in Freiburg inne.
Dr. Helge David/DZW

Die Anthropologin Prof. Dr. Ursula Wittwer-Backofen studierte Biologie, Chemie und vorderasiatische Archäologie. Seit 2002 hat sie den Lehrstuhl in Freiburg inne.

Ein unscheinbarer 1970er-Jahre Bau in Freiburg im Breisgau: Hier verbirgt sich ein wohl einzigartiges Institut für biologische Anthropologie mit Schwerpunkt Forensik. Wir besuchen Prof. Dr. Ursula Wittwer-Backofen an ihrer Arbeitsstätte. Sie leitet die wissenschaftliche Einrichtung und ist in ihrem Arbeitsbereich die gefragte Expertin in Deutschland. Hierzulande gilt sie als die Zahn- und Schädel-Profilerin, was sie lachend bestätigt. In all ihren Arbeitsbereichen gehe es schließlich immer darum, die jeweilige Individualität und die persönlichen Lebensumstände zu erfassen. Der Ausgangspunkt sei stets der einzelne Mensch.

 

Es gibt kaum ein Rätsel zur Identifizierung historischer Toter, bei dem ihre Expertise nicht gefragt ist. Und das gilt zunehmend auch für aktuelle forensische Fälle.

Am Anfang ihrer Forschungsarbeit standen eher klassische Forschungsfragen der Anthropologie. Es ging um die Rekonstruktion historischer Bevölkerungen und ihrer Lebensbedingungen. Daraus erwuchs ein komplexes Methodenspektrum, um biologische Marker, die durch Umweltbedingungen und Mensch-Umwelt-Interaktionen geprägt werden, interpretieren zu können. Und was im historischen Kontext funktioniert, lässt sich auch auf die Gegenwart übertragen. Zumal wir die heutigen Lebensbedingungen sehr viel besser kennen als den Lebensalltag von vor vielen hundert Jahren. „Das Methodenspektrum, das wir dort erarbeitet haben, lässt sich natürlich auch auf moderne forensische Fälle übertragen“, erläutert Wittwer-Backofen.

Der Zahn der Zeit

Am Freiburger Institut entwickelten sich zwei forensische Arbeitsschwerpunkte: die Identifizierung von Toten und die Altersbestimmung anhand der Zahnzementbestimmung. Dieses Verfahren wurde am Institut verfeinert und gilt als das derzeit beste Verfahren zur Altersbestimmung in der Forensik. Die Aussagekraft von Zähnen ist besonders groß, da es sich um Hartgewebe handelt, das Informationen zu den Lebensumständen auch unter schwierigen Bedingungen speichert. Zähne sind zudem auch für die DNA-Analytik und weitere analytische Anwendungsmöglichkeiten besonders geeignet, da sie aufgrund ihrer Härte gut gegen Kontamination geschützt sind. Zur Zahnzementbestimmung werden feine Querschnitte des Zahns im Mikrotom erstellt. Unter dem Mikroskop sind dann feine „Jahresringe“ sichtbar. Die Anzahl der Linien wird um nach Geschlecht standardisierte Durchbruchsalter ergänzt. Die potenzielle Fehlerspanne beträgt 2,5 Jahre. Daraus errechnet sich das Alter der Person mit einer Sicherheit von 98 Prozent. Das einzige Problem des Verfahrens: Es wird derzeit zwingend ein extrahierter Zahn benötigt.

 

Zahndünnschnitt bei 20-facher Vergrößerung. Die roten Kreuze markieren die 46 gezählten Zementlinien. Hinzuaddiert wird das Durchbruchsalter, um das chronologische Alter zu erhalten. Unter Berücksichtigung der möglichen Fehlerspanne ergibt sich ein Alter von 54 bis 59 Jahren.
Prof. Dr. Ursula Wittwer-Backofen

Zahndünnschnitt bei 20-facher Vergrößerung. Die roten Kreuze markieren die 46 gezählten Zementlinien. Hinzuaddiert wird das Durchbruchsalter, um das chronologische Alter zu erhalten. Unter Berücksichtigung der möglichen Fehlerspanne ergibt sich ein Alter von 54 bis 59 Jahren.

Eine in-vivo-Methode sieht Wittwer-Backofen erst in weiter Wissenschaftsferne. Zwar hat sie bereits vielversprechende Tests mit einem Teilchenbeschleuniger unternommen, die auch zu positiven Ergebnissen geführt haben. Aber von der Idee, mit einer Sonde in das Zahnfach einzudringen und dort Zahnzement-Aufnahmen machen zu können, sei man methodisch noch weit entfernt.

Ein weiterer Anwendungsbereich der Altersbestimmung ist die Prüfung auf Verrentungsansprüche bei Menschen, deren Geburtszeitpunkt nicht ordentlich dokumentiert ist. Das betrifft in Deutschland vor allem türkischstämmige Mitbürger, die aus ländlichen Regionen der Türkei stammen und nun ins Rentenalter kommen. Auch hier können Wittwer-Backofen und ihr Freiburger Institut weiterhelfen, wenn ein extrahierter Zahn vorliegt.

 

Ursula Wittwer-Backofen zeigt die feinen Zahnzementlinien.
Dr. Helge David/DZW

Ursula Wittwer-Backofen zeigt die feinen Zahnzementlinien.

Der „Friedrich-Schiller-Code“

Ein weiterer Forschungsschwerpunkt von Wittwer-Backofen und ihrem Team ist die „Identifizierung“. Die Geschichte birgt viele Geheimnisse und etliche davon konnte Wittwer-Backofen bereits enträtseln. So fand sie mit interdisziplinären Forscherteam heraus, dass die rätselhafte „Dunkelgräfin von Hildburghausen“ nicht – wie es Gerüchte seit Jahrhunderten kolportierten – die überlebende Prinzessin Marie Thérèse war, Tochter von Marie Antoinette und Ludwig XVI. Aber ihr Lieblingsprojekt war der „Friedrich-Schiller-Code“, bei dem zwei vermeintliche Schädel von Friedrich Schiller auf Echtheit untersucht wurden. „Es war gar nicht die Bedeutung von Schiller selbst, sondern weil sich hier eine solche Dynamik entwickelt hat. Es ist zu einem richtigen Kriminalfall geworden“, sagt Wittwer-Backofen. Schiller wurde nach seinem Tod im Kassengewölbe in Weimar bestattet. Jahre später wollte man seine Gebeine dann in der Weimarer Fürstengruft bestatten, konnte sie aber nicht eindeutig identifizieren. Umgebettet wurden dann die sterblichen Überreste, die auch Goethe als die echten deklarierte. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde ein weiterer Schädel als Schillers „identifiziert“. Sicherheitshalber wurde dieser ebenfalls in die Fürstengruft überführt, „ob der oder der andere spielte dabei eine geringe Rolle“, merkt Wittwer-Backofen lachend an. Das Forschungsprojekt „Friedrich Schiller Code“ sollte Licht in die Frage bringen, welcher nun der richtige sei. Der zweite Schädel konnte schnell ausgeschlossen werden. Es war ein Frauenschädel. Anhand einer Gesichtsweichteil-Rekonstruktion konnte die erste Hofdame von Anna Amalia identifiziert werden. Anders sah es mit den äußeren Merkmalen des ersten Schädels aus. Er passt vom Geschlecht, vom Alter und auch morphologisch gut zu der Totenmaske Schillers. Die Zahnzementaltersbestimmung ergab einen Mittelwert von 45 Jahren und das entspricht damit exakt dem Sterbealter Schillers. Das große Aber: Die Molekulargenetik schließt den Schädel als Schillers Schädel aus. Es wurden DNA-Proben von Schillers Schwestern und Söhnen genommen und mit dem des Schädels verglichen. Es zeigte sich kein Verwandtschaftsverhältnis.

Wer ist wer?

Identifizierung spielt auch bei aktuellen Fällen zunehmend eine zentrale Rolle. „Bei unbekannten Toten bauen wir für die Gesichtsrekonstruktion virtuell das Weichgewebe nach bestimmten Regeln auf. Dazu haben wir Algorithmen entwickelt, um auf die individuelle Grundlage des Schädels aufbauen zu können. Wir arbeiten nur noch virtuell“, erläutert Wittwer-Backofen. Modelle in Plastilin entstehen höchstens noch für Museen. Der Standard für forensische Fälle ist virtuell. Am Rechner können so auch neue Erkenntnisse eingearbeitet und Anpassungen bei Haaren, Schmuck und Kleidung vorgenommen werden.

Bei der Identifizierung von Lebenden gibt es häufig nur Bildmaterial von Überwachungskameras oder Smartphones, vielfach stammen sie von Banküberfällen oder Tankstellenrauben. Es gibt allein hierbei über 200 Gesichtsmerkmale, die überprüft werden Eine gute Abbildung vom Ohr sei so gut wie ein Fingerabdruck, erklärt Wittwer-Backofen. Das Ohr zeigt auf relativ kleinem Raum eine Vielzahl an individuelle Feinmerkmalen. Körpermaße, Bewegungsanalysen, das Verhältnis von Stand- zu Spielbein – die Zahl möglicher Merkmale ist groß, um Täter zu identifizieren oder Verdächtige auszuschließen. „Jeder Fall ist einzigartig“, meint Wittwer-Backofen. Und einzigartig ist die forensische Anthropologin auch. Noch – denn das in Deutschland junge wissenschaftliche Fach hat ein großes Zukunftspotenzial und bietet Platz für wissenschaftlichen Nachwuchs.