Parodontologie

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Immunsystem und Parodontitis: Alles im Gleichgewicht?

Parodontitis und Diabetes hängen eng miteinander zusammen. Ein neuer Behandlungsleitfaden für Zahnärzte soll Ende Juli 2017 erscheinen.
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Parodontitis und Diabetes hängen eng miteinander zusammen. Ein neuer Behandlungsleitfaden für Zahnärzte soll Ende Juli 2017 erscheinen.

Beim oral Gesunden steht eine Reihe funktionierender Abwehrmechanismen wie die Epithelschranke der Mukosa und Komponenten des Speichels wie Lysozym und IgA zur Verfügung. Ebenso bestimmt das Verhältnis zwischen pro- und antiinflammatorischen Zytokinen das Ausmaß des Entzündungsgeschehens.

Wichtige Rolle in der Abwehr

Den segmentkernigen Granulozyten kommt als Abwehrbarriere gegen potenziell pathogene Parodontalkeime eine besonders wichtige Rolle zu. Bei Vorliegen von bakteriellen Lipopolysacchariden oder anderen Antigenen migrieren sie durch das gingivale Saumepithel. Neben der primären phagozytotischen Tätigkeit aktivieren sie Makrophagen zur Sekretion von Interleukinen (vor allem IL1 und IL6) und TNFα. Diese wirken ihrerseits auf das Endothel der gingivalen Gefäße und ermöglichen so ein weiteres Einwandern von Abwehrzellen in das Infektionsgebiet.

Die segmentkernigen Granulozyten zerstören zusätzlich bakterielle Erreger durch proteolytische Enzyme und können über die NADPH-Oxidase Sauerstoffradikale induzieren, welche die Strukturen der bakteriellen Zellwände angreifen und die Keime abtöten. Störungen im Phagozytoseverhalten der Abwehrzellen fördern daher massiv das Entstehen aggressiver Parodontopathien.

Abwehr und Schutzmechanismen im Gleichgewicht

Allerdings haben diese Abwehrmechanismen auch ihre Schattenseiten. Nicht nur die pathogenen Keime werden angegriffen, bei massiven oder überschießenden Reaktionen wendet sich die Abwehr auch gegen körpereigene Strukturen. Durch die genannten Interleukine werden die Osteoklasten aktiviert, was zu vermehrtem Abbau von Kieferknochen führt. Im Idealfall besteht ein Gleichgewicht zwischen pro- und antiinflammatorischen Komponenten des Immunsystems. Interleukin 10 etwa wirkt als Schutzfaktor für die parodontalen Gewebe. Die komplexen Zusammenhänge und Interaktionen machen verständlich, dass beispielsweise genetische Polymorphismen diese Homöostase empfindlich beeinflussen können.

Bekannte und weniger bekannte Veränderungen am IL-1-Rezeptorantagonisten

Ein bekannter, gut erforschter Risikofaktor in diesem Zusammenhang ist der Polymorphismus im Interleukin-1-Gencluster. Veränderungen an der Genstruktur an bestimmten Positionen des IL-1a- und IL-2ß-Gens führen zu unkontrolliert vermehrter Produktion von IL-1 und damit zu überschießender Immunreaktion mit den bereits bekannten Folgen. Hierfür liegen bereits standardisierte Tests vor. Bei Bestätigung eines positiven Genotyps empfiehlt sich dann für die betroffenen Patienten ein engmaschiges zahnärztliches Recall- und Prophylaxeschema, um eine frühe Intervention im Bedarfsfall zu ermöglichen.

Ebenso haben aber auch die weniger bekannten Veränderungen am IL-1-Rezeptorantagonisten (IL-1-RN-Gen) sowie an Genen, welche für protektive Interleukine kodieren, schwerwiegende Folgen für die orale Gesundheit. Derartige genetische Variationen findet man häufig bei kindlicher oder jugendlicher „Early Onset Periodontitis“ (EOP).

Funktionsstörungen der Abwehrzellen haben vielschichtige Auswirkungen

Daneben gibt es eine Reihe von genetischen Syndromerkrankungen, welche neben ihren Auswirkungen auf den Gesamtorganismus auch Folgen für die oralen Strukturen haben. Dazu gehört das Papillon-Lefevre-Syndrom, eine autosomal rezessive Erkrankung mit Plantar- und Palmarhyperkeratose und generalisierter frühkindlicher beziehungsweise juveniler Parodontitis. Ursachen der oralen Symptome sind eine verminderte Beweglichkeit und Chemotaxis der neutrophilen Granulozyten mit Veränderungen im Kathepsin-C-Gen. Besonders die Abwehrmechanismen gegen den mit aggressiver (oft juveniler) Parodontitis assoziierten Aggregatibacter actinomycetem comitans und gegen schwarzpigmentierte Anaerobier wie Porphyromonas gingivalis sind erheblich eingeschränkt.

Weitere, wenn auch seltene Syndrome sind das Chediak-HigashiSyndrom mit Funktionsstörungen bei Lympho- und Granulozyten, das „Leucocyte Adhesion Deficiency Syndrom“ (LADS) mit Rezeptordefekten der Zelloberflächenadhäsion der Granulozyten, das „Lazy Leucocyte Syndrom“ und die hereditäre Akatalasie mit defekter Katalaseproduktion der Peroxisomen der Blut- und Gewebezellen.

Funktionierende Immunabwehr als Schlüssel zur oralen Gesundheit

Neben den genannten Defekten hat auch eine Reihe von Allgemeinerkrankungen erhebliche Auswirkungen auf das Immunsystem. So gehen erworbene Immundefekte wie HIV und Aids mit einer Reihe von typischen oralen Manifestationen einher.

Die Häufigkeit und das Ausmaß dieser Läsionen zeigen enge Korrelation mit dem Abfall der CD4-Zellen und dem gleichzeitigen Anstieg der Virusbelastung im Blut. Es kommt zu massiven pseudomembranösen und erythematösen Candidainfektionen, EBV-assoziierter Haarleukoplakie, linearem Gingivaerythem und nekrotisierender ulzerierender Gingivitis und Parodontitis (NUG, NUP). Konsumierende Erkrankungen wie Malignome und besonders hämatopoetische Erkrankungen bedingen eine Herabsetzung der Immunabwehr, welche sich frühzeitig durch vermehrte Neigung zu therapierefraktären, aggressiven oralen Entzündungen äußert. Sogar eine Reihe von psychischen Erkrankungen und vor allem massiver psychischer Stress führen durch Überaktivierung des Kortisolsystems zu einer Unterdrückung der zellulären Immunabwehr.

Grunderkrankungen und Medikationen können Hinweise liefern

Eine exakte Anamnese der Grunderkrankungen und Medikationen von zahnärztlichen Patienten kann hier wichtige Hinweise auf mögliche Auslöser für eine Exazerbation von gingivalen und parodontalen Erkrankungen geben. In solchen Fällen ist interdisziplinäre Zusammenarbeit mit den einschlägigen Fachärzten ein wesentliches Kriterium für die Wiederherstellung der oralen Gesundheit.