Opfer und Täter

Interview mit Prof. Dr. David Matusiewicz

Patienten und Zahnärzte als Opfer digitaler Skepsis

Prof. Dr. David Matusiewicz
Tom Schulte

Prof. Dr. David Matusiewicz

Prof. Dr. David Matusiewicz von der Berliner FOM Hochschule forscht bereits seit vielen Jahren zum Thema Digitalisierung im Gesundheitswesen. Im Interview mit DZW-Redakteurin Joanna Cornelsen spricht er über den Wandel der Maslowschen Bedürfnisse, Patienten und Zahnärzte als Opfer von Cyberkriminalität, das Risiko digitaler Skepsis und die realen Gefahren der Digitalisierung.

Ob Patient oder Zahnarzt – unsere Grundbedürfnisse unterliegen gerade heute einem gravierenden Wandel. Wie hat die Digitalisierung unser Leben verändert?

Prof. Dr. David Matusiewicz: Das ist vollkommen richtig. Sie kennen sicherlich die gute alte Maslowsche Bedürfnispyramide. Es gibt Grundbedürfnisse wie Essen und Trinken, darauf aufbauend Sicherheitsbedürfnisse, soziale Bedürfnisse bis hin zur Selbstverwirklichung. Heute müssen wir noch das WLAN- und Strombedürfnis dazuzählen. Beim Restaurantbesuch beispielsweise unterhalten sich viele von uns kaum mehr mit seinem Gegenüber, sondern starren lieber jeder für sich auf sein smartes Telefon. Und der Smartphone-Akku braucht Strom … Die Digitalisierung hat jetzt schon unser Leben und unsere Grundbedürfnisse gravierend verändert.

Bis Ende 2018 sollen alle Praxen an Deutschlands größtes elektronisches Gesundheitsnetz angeschlossen werden. Gleichzeitig begleiten viele skeptische Stimmen den Prozess der Anbindung an die Telematikinfrastruktur (TI). Welche Gefahren und Schwachstellen sehen Sie in diesem Prozess?

Matusiewicz: Dass der Ausbau der TI-Infrastruktur skeptisch gesehen wird, das wundert mich heute nicht wirklich, nachdem im Zuge der elektronischen Gesundheitskarte mehr als ein Jahrzehnt vergangen ist und Milliarden in den Sand gesetzt wurden. Die Gefahren sehe ich primär darin, dass wir weiter in einem derartigen Schneckentempo vorankommen wie in den vergangenen Jahren.

Für mich stellt sich die Frage, weshalb wir so viele einzelne, in sich geschlossene, unabhängige Systeme wie beispielsweise Praxisverwaltungssoftware brauchen und ob wir uns einen Gefallen tun, wenn wir weiterhin auf Stand-alone-Rechner setzen, um bloß nicht irgendetwas falsch zu machen. Jedes digitale System hat seine Gefahren, aber auch analoge Systeme haben ihre Schwachstellen. Die primäre Gefahr sehe ich eher darin, dass das Potenzial der Digitalisierung nicht ausgeschöpft wird, und sekundär im Bereich Datenschutz und Datensicherheit.

Sind Bedenken in puncto Datenschutz und Datensicherheit wirklich unbegründet? Inwiefern können Patienten und Zahnärzte Opfer von Cyberkriminalität werden?

Matusiewicz: Spätestens seit dem Hackerangriff auf die Neusser Klinik im Herbst 2016 und dem Angriff mit dem erpresserischen Computervirus „WannaCry“ auf das britische nationale Gesundheitssystem NHS fühlen sich viele Skeptiker und insbesondere Datenschützer für ihre restriktive und bremsende Haltung gegenüber der Digitalisierung im Gesundheitswesen bestätigt. Die Angst ist nicht neu und sicherlich auch nicht unbegründet. Schon der frühere US-amerikanische Vizepräsident Dick Cheney ließ die Fernsteuerungsfunktion seines Herzschrittmachers aus Angst vor einem Terroranschlag abschalten. Und aktuell hatten wir ja sogar einen Hackerangriff auf das Auswärtige Amt, der noch während der Pressekonferenzen andauerte …

Die Gefahr von Cyberkriminalität ist branchenübergreifend und macht auch vor Patienten oder Zahnärzten nicht halt. Man muss sie allerdings im Verhältnis zu den Chancen der Digitalisierung sehen und darf Datenschutz und Datensicherheit nicht als Totschlagargumente verwenden. Beides war und ist wichtig, jedoch gilt für mich im Zweifel: Leben retten statt Daten.

Was wäre aus Ihrer Sicht als Digital-Health-Experte das schlimmste Szenario – für Patienten und für Zahnärzte?

Matusiewicz: Dass Zahnroboter irgendwann die Weltherrschaft an sich reißen. Spaß beiseite! Die Entwicklungen verlaufen derart sprunghaft, exponentiell und dynamisch, dass man sich kein extremes Szenario ausmalen kann. Ein schlimmes Szenario wäre, dass die Zahnmedizin durch Spezialisierung derart teuer wird, dass sich viele die zunehmenden Innovationen (deren Nutzen teilweise noch nicht nachgewiesen ist) nicht leisten können und/oder die Kosten aus dem Ruder laufen.

Wo steht die Zahnmedizin im Vergleich zu anderen Branchen heute? Verschläft die Dentalbranche die digitale Transformation?

Matusiewicz: Ich schätze generell, dass das Gesundheitswesen rund zehn bis 15 Jahre hinter anderen Branchen wie dem Handel (E-Commerce) und der Automobilindustrie hinterherhinkt. Die Zahnmedizin steht – glaube ich – nicht so schlecht da. Wir stöhnen meist auf einem sehr hohen Niveau. Schauen wir uns eine hochmoderne Praxis heute an, so wird bereits viel mit digitaler Technik gearbeitet. In vielen Praxen flackern moderne Computermonitore als Flachbildfernseher an der Wand, und der Zahnarzt bespricht etwa die Kaubewegungen eines Patienten in einem selbst aufgezeichneten Video.

3-D-Röntgenbilder werden bereits (punktuell) genutzt und man kann beispielsweise in Indien einen digitalen Code für eine Zahnprothese erstellen lassen, die dann im deutschen Zahnlabor aus dem 3-D-Drucker herauskommt und nach deutschen Qualitätsstandards gesichert und verbaut wird. Ich würde nicht sagen, dass die Branche die Digitalisierung verschläft, sondern sich inmitten einer digitalen Transformation befindet. Es ist nicht mehr die Frage „ob“, sondern eher „wann“ diese Technologien zu einem neuen Standard werden.

Kann die Branche Opfer einer Selbstkannibalisierung werden, wenn sie dem Digitalisierungsprozess folgt?

Matusiewicz: Ich würde hier nicht von Kannibalisierung sprechen. Dass sich eine Branche im Laufe der Zeit verändert, ist ein völlig normaler Prozess. Es stellt sich vielmehr die Frage, ob in einem Prozess der schöpferischen Zerstörung eine ganze Branche völlig durch eine neue Technologie ersetzt werden kann. Im Zuge dessen spricht man von einer disruptiven Technologie. Ich glaube nicht, dass die Maschine am Ende den Zahnarzt gänzlich ersetzen kann, gleichwohl wird sie ihm und seinem Team, insbesondere in der Diagnostik, ein wichtiger Helfer. Der Zahnarzt wird sich künftig mehr auf den Patienten konzentrieren und mit ihm kommunizieren können. Zahnmedizin wird sich somit mehr zu einer kommunikativen Interaktion zwischen Zahnarzt und Patient entwickeln. Natürlich macht die Maschine keine Flüchtigkeitsfehler, wird nicht müde und kann immer auf dem aktuellen Stand der Technik gehalten werden. Allerdings gehört zur Heilkunst Medizin – in diesem Fall Zahnmedizin – noch etwas mehr dazu, zum Beispiel der „stroke of genius“, den keine Maschine hat.

Kann jemand, der von digitaler Skepsis getrieben wird, Opfer seiner selbst werden?

Matusiewicz: Wir haben beim Unternehmen Kodak gesehen, dass nach 300-jähriger erfolgreicher Geschichte ein Unternehmen tatsächlich die Digitalisierung verschlafen und Pleite gehen kann. Ich glaube, dass eine gesunde Skepsis hilft, die Dinge richtig einzuordnen. Man darf nur nicht zu lange warten und – wenn scheitern, dann zumindest schnell. Noch besser ist es, „voranzuscheitern“, damit meine ich, aus Fehlern schnell zu lernen.

Durch einen Generationenwechsel in der Zahnmedizin wird auch ein neues Verständnis von digitalen Möglichkeiten vorhanden sein, und die digitale Transformation wird aktiv vorangetrieben werden. Insbesondere im Bereich der Dokumentation und Verwaltung sind hier große Potenziale zu erwarten. Aber auch bildgebende Verfahren und die Möglichkeiten von „Präzisionszahnmedizin“ werden die Branche prägen und diese auf ein neues Level bringen. Vielleicht sitzt dann in Zukunft mein digitaler Zwilling beim Zahnarzt, während ich Zuhause mit andern Dingen beschäftigt bin. Somit sehe ich insgesamt hier keine Opfer, sondern Gewinner auf beiden Seiten. Die elektrische Zahnbürste hat uns doch trotz anfänglicher Skepsis auch einen Mehrwert gebracht, oder?

Prof. Dr. David Matusiewicz

Prof. Dr. David Matusiewicz

David Matusiewicz ist Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Gesundheitsmanagement an der FOM Hochschule für Oekonomie & Management. Seit 2015 verantwortet er als Dekan den Hochschulbereich Gesundheit & Soziales und leitet als Direktor das Forschungsinstitut für Gesundheit & Soziales (ifgs). Darüber hinaus ist er Gründungsgesellschafter des Essener Forschungsinstituts für Medizinmanagement (EsFoMed GmbH) und unterstützt als Gründer bzw. Business Angel punktuell Start-ups im Gesundheitswesen (bspw. Health Innovation GmbH).