Politik

Offener Brief

ZÄKWL und KZVWL adressieren Gesundheitsminister

Großinvestoren entdecken Gesundheitswesen als Geschäftsmodell.
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Großinvestoren entdecken Gesundheitswesen als Geschäftsmodell.

Die Kassenzahnärztliche Vereinigung Westfalen Lippe und die Zahnärztekammer WL wenden sich in einem offenen Brief an den Bundesgesundheitsminister und warnen davor, dass Kapitalgesellschaften sich in die zahnärztliche Versorgung einkaufen. Hintergrund des offenen Briefes ist die deutsche Niederlassung der „Colosseum Dental Deutschland GmbH“ in Münster, die versucht, mit privatem Kapital Zahnarztketten aufzubauen. Hinter der GmbH steckt die schweizerische Jacobs Holding, hervorgegangen aus der Kaffee-Dynastie mit dem Verwöhnaroma. Die „Colosseum Dental“ selbst betreibt nach eigenen Angaben bereits in sechs Ländern 211 Zahnkliniken. Derzeit versucht das Unternehmen auch in Deutschland und in Italien Fuß zu fassen (wir berichteten).

Hier der offene Brief im Wortlaut:

„Sehr geehrter Herr Minister Spahn!

Wir Zahnärzte in Ihrer politischen Heimat Westfalen-Lippe sind in großer Sorge um die Sicherstellung der Versorgung, die durch niedergelassene Zahnärzte freiberuflich, selbstständig und eigenverantwortlich gewährleistet wird. Das tun wir äußerst erfolgreich, durch eine qualitativ hochwertige Versorgung und engagierte Prävention haben wir Zahnärzte eine nachhaltige Verbesserung der Zahngesundheit in Deutschland erzielt, international belegen wir mittlerweile einen Spitzenplatz. Die Zahlen sind Ihnen bekannt. Innerhalb des gesamten medizinischen Sektors nehmen wir damit eine Sonderstellung ein.

Jetzt tritt in Westfalen-Lippe eine Situation ein, die wir bereits Ihrem Vorgänger intensiv vorgetragen haben, ohne dass die Gesundheitspolitik bisher reagiert hätte. Investoren mit Fremdkapital dringen in die vertragszahnärztliche Versorgung ein. Eine Investorengruppe aus den finanzstarken Golfstaaten hat eine kieferchirurgisch/zahnärztliche Klinik gekauft, ein Kaffeeröster, der europaweit bereits Umsätze von über 350 Millionen Euro mit aufgekauften Praxen realisiert, hat seine erste Niederlassung in Deutschland – in Münster – eröffnet. Münster gehört zu den finanzstärksten und gleichzeitig zahnmedizinisch bestversorgtesten Regionen in Westfalen-Lippe. Nicht eine Verbesserung der zahnärztlichen Versorgung ist das Ziel der Investoren, sondern maximaler Profit.

Wir stehen an einer Zeitenwende. Einerseits bemühen wir uns mit unseren Körperschaften nach allen Kräften, auch in Zukunft die flächendeckende zahnmedizinische Versorgung sicherzustellen. Wir nutzen intensiv alle Möglichkeiten, unseren beruflichen Nachwuchs für eine selbstständige eigenverantwortliche Tätigkeit niedergelassen in der eigenen Praxis zu begeistern. Gerade jetzt fangen kommerzielle MVZs an, eben diese für die zukünftige zahnärztliche Versorgung wichtige Gruppe zu locken.

Die bewährten bestehenden Praxen versucht man aufzukaufen – unter dem Deckmantel einer Netzwerkbildung. So sollen Großstrukturen bisher unbekannten Ausmaßes gegründet werden, die die selbstständigen, freiberuflichen und eigenverantwortlich tätigen Zahnärztinnen und Zahnärzte vom Markt drängen werden.

Kommerzialisierung ersetzt Eigenverantwortung der selbstständigen freiberuflichen Zahnärzteschaft, unsere Patienten werden zur Einnahmequelle dieser Großinvestoren. Sie werden nicht mehr individuell behandelt, um gesund zu werden, sondern um eine möglichst hohe Gewinnmaximierung dieser Konzerne zu sichern.

Die eingangs geschilderte sehr hohe Versorgungsqualität bleibt auf der Strecke. Wir fordern Sie deshalb dringend auf, endlich gesundheitspolitisch mit gesetzgeberischen Maßnahmen tätig zu werden, bevor es zu spät ist. Unsere Kammer- und Vertreterversammlung am 8./9. Juni wird sich intensiv mit dieser Thematik befassen.“