Oralmedizin kompakt

Neues aus der Forschung

Korrekte Röntgentechnik wichtiger als Bleischürze - Update

Neues aus der oralmedinischen Forschung
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Ob häufige, niedrig dosierte Strahlenexposition durch Zahnfilme das Krebsrisiko erhöht, ist ungeklärt. Daher werden in der Praxis zum Strahlenschutz unter anderem routinemäßig Halbschürzen, Schilden oder Schilddrüsenkragen angewendet. Eine Untersuchung aus den USA zeigt jedoch, dass Paralleltechnik mit Haltersystem und rechteckiger Blende mit an den Untersuchungsbereich angepasster Größe einen deutlich größeren Effekt hat [1]. Gegenüber einem Rundtubus ohne Blende lässt sich die absorbierte Strahlung damit je nach verwendetem Produkt um zirka 50 Prozent reduzieren.

Schilddrüsenschutz hat keinen signifikanten Nutzen

Bei Kindern und jungen Patienten wirkt Strahlung deutlich stärker, was vor allem in Bezug auf Schilddrüsengewebe relevant ist. Dies erfordert laut Autoren, die rechtfertigende Indikation besonders sorgfältig abzuwägen und einen speziellen Schilddrüsenschutz zu verwenden [1]. Dieser auch für Erwachsene empfohlene Schutz hat jedoch nach einer Schweizer Untersuchung – ebenso wie eine Standard-Röntgenschürze – keinen signifikanten Nutzen [2]. Grund ist, dass die unvermeidbare Streustrahlung zu fast 100 Prozent zur Belastung nicht oraler Gewebe einschließlich Keimzellen beiträgt. Dagegen lasse sich durch Paralleltechnik und geeignete Tubus-Blenden-Kombinationen, korrekte Geräte-Einstellungen und empfindliche Filme eine erhebliche Dosisreduktion erreichen.

Entsprechend enthalten die aktuelle Strahlenschutz-Verordnung und Durchführungsempfehlungen der BZÄK keine Hinweise zu Röntgenschürzen, Röntgenschilde oder Schilddrüsenkragen. Dagegen werden diese in Strahlenschutz-Aktualisierungen von Kammern noch empfohlen.

Durch Paralleltechnik und geeignete Tubus-Blenden-Kombinationen, korrekte Geräte-Einstellungen und empfindliche Filme lässt sich eine erhebliche Dosisreduktion erreichen [1,2]. Um eine möglichen minimalen Effekt zu nutzen, wird zum Beispiel am Funktionsbereich Kinderzahnheilkunde der Universität München (Prof. Dr. Jan Kühnisch) dennoch ein Schilddrüsenschutz verwendet. Weiterhin wird auf eine „strikte Indikationsstellung“ und „Einengung des Strahlenfeldes“ geachtet.

Handgehaltene Geräte und DVT

Grundsätzlich geeignet sind nach einer aktuellen US-amerikanischen Empfehlung auch handgehaltene Geräte, die zum Beispiel in Pflegeheimen einsetzbar sind [3]. Zu beachten sei jedoch eine mögliche erhöhte Strahlenbelastung für Anwender und eine schwierigere Qualitätssicherung bei der Belichtung. Eine Reihe strahlenhygienischer Probleme können auch bei Verwendung digitaler Volumentomografen auftreten [3]. Unter anderem variiert die Strahlendosis je nach Gerät erheblich und die Schulung erfolgt häufig in Schnellkursen durch Medizinprodukte-Berater statt durch röntgenologisch erfahrene Oralmediziner.

Mehr noch als bei Erwachsenen muss die Indikation für DVT-Aufnahmen bei Kindern sehr zurückhaltend gestellt und nach Möglichkeit sollten reduzierte Auflösungen und Bildausschnitte gewählt werden. Hinzu kommt, dass bei DVT-Aufnahmen aus technischen Gründen kein Schilddrüsenschutz verwendbar ist [4]. In Deutschland ist eine Leitlinie zur Röntgenanwendung bei Kindern angemeldet, die sich jedoch nur auf zweidimensionale Aufnahmen bezieht [5].

Dr. Jan H. Koch

Hinweis: Beiträge in der Rubrik Oralmedizin kompakt können nicht die klinische Einschätzung des Lesers ersetzen. Sie sollen lediglich – auf der Basis aktueller Literatur und/oder von Experten-Empfehlungen – die eigenverantwortliche Entscheidungsfindung unterstützen.


Literatur

[1] Johnson KB, Ludlow JB. Intraoral radiographs: A comparison of dose and risk reduction with collimation and thyroid shielding. J Am Dent Assoc 2020;151:726-734.
[2] Roth J. Abschirmungen bei zahnärztlichen Röntgenaufnahmen. Zur Wirksamkeit von Strahlenschutzmitteln bei Röntgenaufnahmen am Patienten. Swiss Dent J 2006;116:1151-1154.
[3] Lurie AG, Kantor ML. Contemporary radiation protection in dentistry: Recommendations of National Council on Radiation Protection and Measurements Report No. 177. J Am Dent Assoc 2020;151:716-719.e713.
[4] Lurie AG, Kantor ML. Authors; response. J Am Dent Assoc 2021;152:340-341.
[5] DGZMK. Rechtfertigende Indikation bei zweidimensionalen Röntgenaufnahmen in der Kinder- und Jugendzahnheilkunde. Angemeldetes Leitlinienvorhaben Registernummer 083 - 006. Klassifikation S2k. geplante Fertigstellung: 30.06.2022. 2019.
 

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