Meine Meinung

Der Kommentar

Deutschland will den Impfpass – jetzt

Von Chefredakteur Marc Oliver Pick
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Von Chefredakteur Marc Oliver Pick

Es ist noch gar nicht so lange her, da zierte die von der BZgA initiierte Multimedia-Kampagne „Deutschland sucht den Impfpass“ Plakatwände und Litfaßsäulen in ganz Deutschland, flimmerte auf Kinoleinwänden und über Fernsehbildschirme. Die clever gemachte BZgA-Kampagne warb für die Inanspruchnahme von Impfungen gegen Masern, Mumps und Röteln.

Aktuell sucht Deutschland intensiver denn je nach dem Impfpass, sei er rosa-grün-weiß oder gelb. Denn der Impfpass ist Bestandteil der Dokumentensammlung, die „Impflinge“ zur ersten und zweiten Corona-Schutzimpfung vorlegen müssen. Auch wenn viele, zu viele, noch auf einen Impftermin warten müssen, den Papierkram kann man ja schon mal zusammensuchen. So emsig waren die Deutschen sonst nicht, wenn es um klassische Impfungen oder Impfauffrischungen ging.

Impfbereitschaft ist so hoch wie selten zuvor

Von breiter Impfskepsis oder Ablehnung der Corona-Schutzimpfung ist derzeit wenig zu spüren, im Gegenteil, die Impfbereitschaft ist so hoch wie selten zuvor. Und das aus ziemlich nachvollziehbaren Gründen: Es ist Anfang Juni, die Urlaubszeit 2021 rückt näher. Viele machen sich Gedanken, was wohl aus dem Jahresurlaub wird, wenn man das begehrte „Impfzertifikat“ nicht rechtzeitig erhält, weil man nicht schnell genug einen Impftermin erhalten hat. Und das ist wenige Wochen vor Ausbruch der Sommerferien wirklich ein Problem. Die Menge verfügbarer Impfdosen konnte zuletzt deutlich erhöht werden und wird weiter steigen. Auch die mit­impfenden niedergelassenen Ärzte haben für einen Impfturbo gesorgt, der Deutschland im internationalen Impffortschritts-Vergleich gut aussehen lässt. Wegen der nun bei vielen Erstgeimpften anstehenden Zweitimpfungen steht allerdings vorübergehend weniger Impfstoff für Erst­impfungen zur Verfügung.

Hinzu kommt, dass die aktuell noch geltende Variante der Impfpriorisierung ab 7. Juni endgültig fällt. Danach kann sich jeder – vorerst ausgenommen Kinder unter zwölf Jahren – impfen lassen. Brachte schon der Ansturm auf die Terminreservierungen bei den ersten Prioritätengruppen, den Über-80-Jährigen und später den Über-70-Jährigen, die Websites (und vor allem Telefon-Hotlines) der Impfzentren an den Rand des Kollapses, wird das nicht besser werden, wenn Anfang Juni alle Altersgruppen gleichzeitig versuchen werden, noch einen Impftermin zu ergattern, um irgendwie bis zum Sommer die Zweitimpfung und damit das begehrte, EU-weit anerkannte Impfzertifikat zu erhalten (und selbst nach erfolgter Zweitimpfung gilt eine Karenzzeit von zwei
Wochen, bis man als voll­ständig immunisiert gilt).

Nachholtermine zum Vorurlaubs-Check beim Zahnarzt?

Es locken natürlich außerdem die „neuen“ Freiheiten im öffentlichen und privaten Leben, die man mit dem Impf­zertifikat endlich wieder in Anspruch nehmen kann, sei es das Shopping-Erlebnis ohne vorherige Terminvereinbarung, sei es der Besuch der Gastronomie oder zumindest der Außengastronomie, der vielen bei allmählich steigenden Tem­peraturen wieder in den Sinn kommt. So gesehen ist es erstaunlich, dass der schlichte Wunsch nach Urlaub und ein wenig Normalität einen Impfzuspruch bewirkt, für den man sonst multimediale Aufklärungskampagnen brauchte.

Das noch frische Gefühl, dass wir uns langsam, aber konstant dem Ende der pandemiebedingten Einschränkungen nähern, wird auch unter Patienten zu der Einsicht führen, die aus Angst vor An­steckung immer wieder aufgeschobenen Vorsorge- oder Behandlungstermine beim Zahnarzt nun doch endlich wahrzunehmen. Vielleicht wird der Betrieb in den Praxen in diesem Frühsommer sogar heftiger sein als in den Jahren zuvor, wenn zu den Nachholterminen die sonst üblichen Termine zum Vorurlaubs-Check beim Zahnarzt noch hinzukommen. 

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