Meine Meinung

Der Kommentar

Zu kurz gesprungen – Primärprävention bleibt ein Traum

Dr. Jan H. Koch
privat

Dr. Jan H. Koch

Kommentar von Dr. Jan H. Koch zu PZR und neuer PAR-Richtlinie

Um Missverständnissen vorzubeugen: Die neue PAR-Richtlinie ist zweifelsfrei ein großer Fortschritt. Sie schafft die Voraussetzungen, dass alle gesetzlich Versicherten mit Parodontitis erkannt und angemessen behandelt werden können. Trotzdem bleibt der Bema eine Reparatur-­Gebührenordnung. Primäre Prävention – also Maßnahmen, um Patienten vor einer Erkrankung zu schützen – wurde trotz ­bekannter Methoden nicht umgesetzt. Ebenso ernüchternd ist der eklatante Unterschied zwischen dem von der Berufsvertretung formulierten Anspruch („Präventionsweltmeister“) und der in den Praxen gelebten Wirklichkeit: Wer sich eine PZR leisten kann, erhält in den meisten Fällen nur die unter dem medizinischen Standard liegende „Waschstraße“. Nachzulesen ist dies in der neuesten GOZ-Analyse für das Jahr 2019 [1].

Leistungen nur für Erkrankte

Als dzw-Leser haben Sie sicher die Publi­kationen zur PAR-Richtlinie verfolgt und denken vielleicht: Jetzt ist doch alles inklusive, mit PSI-Screening (Bema 04), Aufklärungsgespräch (ATG), Mundhygiene-­Instruktion (MHU) und professioneller ­Belagentfernung (AIT). Diese Leistungen gibt es aber mit Ausnahme des PSI nur für parodontal Erkrankte. Alle anderen müssen weiterhin zur privaten PZR gehen – und hoffen, dass sie eine vollständige präventive Betreuung auf Basis der Axelsson-­Methode erhalten. Leider werden sie häufig enttäuscht: Die mäßig honorierten Nummern 1000 und 1010 wurden laut GOZ-Analyse nur rund 1,7 Millionen Mal abgerechnet, bei rund 7 Millionen PZR-Sitzungen (Berechnungsbasis: 160 Millionen Mal Nr. 1040/24 Zähne pro Patient)

Paro-Pass zeigt frühzeitig Handlungsbedarf

Was also tun, wenn Sie Prävention in der eigenen Praxis wirklich primär umsetzen wollen? Angesichts vieler aufgeklärter ­Patienten ist das gar nicht so schwierig. Empfehlenswert ist zum Beispiel der Paro-­Pass der Initiative Ankerzahn.de. Dieser zeigt Patienten mit einer leicht verständlichen Ampel grünes Licht (Gesundheit) oder möglichen Handlungsbedarf. Das geschieht wie bei Vordruck Nr. 11 auf der Basis des Parodontalen Screening-Index (PSI). Die Codes 1 und 2 (Gingivitis) erfordern laut Paro-Pass bereits umfassende Mundhygiene-Beratung und Risiko-Aufklärung, nicht erst die Codes 3 oder 4 (Parodontitis). Damit Praxen tatsächlich handeln können, benötigen sie zudem deutlich mehr motiviertes und gründlich ausgebildetes Personal – eine weitere wichtige Baustelle.

Große Chance vertan

Noch einmal: Es geht nicht darum, die PAR-Richtlinie an sich zu kritisieren. Aber sie ist ein sekundär präventives Konzept und wirkt erst, wenn das „Kind“ bereits in den Brunnen gefallen ist. Sie ist insofern zu kurz gesprungen, und es wurde eine große Chance vertan – wohl um das GOZ-basierte PZR-Modell zu retten. Die oralmedizinische Standesvertretung muss sich daher fragen lassen, warum der schon 2006 von der BZÄK angekündigte Paradigmenwechsel zu einer „präventionsorientierten ZMK-Heilkunde“ auf Gebührenebene nicht weiterverfolgt wurde. Die Antwort weist sicher über den oralen Bereich hinaus und liegt auch in einer reparativ ausgerichteten deutschen und west­lichen Medizin.

Eine Hoffnung bleibt: In der Agenda der KZBV (!) für die nächsten fünf Jahre ist der Punkt Prävention gut formuliert als Absichtserklärung enthalten [2]. Eine Kostprobe: „Das zahnärztliche Gespräch ist ein wichtiger Faktor zur Förderung der Mundgesundheitskompetenz (…). Diese Bedeutung spiegelt sich bislang jedoch nicht im (…) Bema wider.“ Bis tatsächlich etwas Grundlegendes passiert, müssen interessierte Patienten also Geld haben. Und sie benötigen das Glück, eine wirklich präventiv handelnde Praxis zu finden.

Quellen

[1] BZÄK. Statistisches Jahrbuch 2019/20, mit GOZ-Analyse 2019 (Print-Ausgabe)
[2] KZBV, Agenda Mundgesundheit (Punkt „Präventive Maßnahmen verstetigen und ausbauen“)

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