Praxisführung

Zickenalarm?

Das Zusammenspiel der Generationen

Ziege
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Zickig? Manchmal reagieren Kollegen ihrer Generation entsprechend. Das birgt Konfliktpotenzial, kann aber auch Chancen bieten.

Manche stempeln es als Zickenalarm ab, andere verstehen nicht, warum die Zusammenarbeit so schwer ist und wieder andere schütteln den Kopf und wissen nicht, was sie tun sollen. Konflikte im Team sind an der Tagesordnung, wenn viele Generationen zusammentreffen.

Denn jede Gruppe hat eine andere Auffassung von Arbeit, von Zusammenarbeit, vom Umgang mit Patienten und von optimalen Abläufen. Dann kracht es, weil die Dinge nicht besprochen werden. Besonders dann, wenn eine Gruppe die kritischen Aspekte des Verhaltens der anderen Gruppe thematisiert und sich daran aufhält, anstatt zu würdigen, was diese leistet. Jetzt ist die Führungskraft als Verständiger und Schlichter gefragt. Das gelingt immer dann besonders gut, wenn sie es schafft, den Fokus auf die Stärken der Personen zu lenken.

In einer Zahnarztpraxis wird Erstaunliches geleistet. Nur in wenigen anderen Berufen wird so dicht zusammengearbeitet: Nase an Nase. Und in genauso wenigen Berufen müssen Fehler von anderen direkt ausgeglichen werden, damit Patienten nicht zu Schaden kommen. Eine echte Herausforderung, die man sich hin und wieder bewusst machen sollte. Gerade dann, wenn man das Gefühl hat, dass alle sich ein bisschen anstellen. Denn  „sich anstellen“ hat aus der Perspektive der Person durchaus Gründe.

Vier Generationen – verschiedene Präferenzen

Betrachten wir einmal die Präferenzen der Generationen genauer. Wenn wir nun Beschreibungen zusammenstellen, dann pauschalisieren wir. Erfahrungsgemäß trifft die Beschreibung auf etwa 70 Prozent der Personen zu. Individualitäten muss man sich gesondert anschauen. Hier sticht der Charakter die Generation bei der Wahl der Verhaltenspräferenzen. Im Arbeitsprozess finden sich im Moment vier Generationen.

Baby Boomer - die „guten Seelen“ der Praxis

Die Baby Boomer sind von der Kriegsgeneration großgezogen worden und etwa bis 1960 geboren. Sie haben gelernt, dass Sicherheit und ein regelmäßiges Einkommen wichtiger sind als Verantwortung zu übernehmen oder Freiräume zu haben. Ihnen ist es recht, wenn sie gesagt bekommen, was sie zu tun haben und die Abläufe zuverlässig und stabil funktionieren. Allzuviel Neues verunsichert sie eher.

Ihre Stärke liegt in der persönlichen Bindung zu Patienten. Sie kennen viele Personen, können geduldig auf Menschen eingehen, sind meist freundlich und sehr erfahren und haben für jeden ein freundliches Wort oder eine Nachfrage, weil sie sich erinnern, wohin es in den Urlaub ging oder welches Kind geheiratet hat oder Nachwuchs bekam. Diese Stärke kann im Team sehr hilfreich sein und manche Dinge, die vielleicht nicht optimal laufen, abpuffern. Oft sind diese Personen die „gute Seele“ der Praxis und manch einer kommt wegen ihnen. Als stabilisierendes Element sind sie im Team sehr hilfreich, auch dann, wenn sie mit modernen Medien ihre Schwierigkeiten haben. Hier kann dann eine gewiefte junge Kollegin unterstützen.

Generation X – ohne Fleiß kein Preis

Generation X, auch „Generation Golf“ genannt, wurde zwischen 1960 und 1980 geboren. Ihr sagt man ein ausgeprägtes Statusdenken nach. Sie möchte sich etwas leisten können und für etwas mehr Gehalt ist sie wechselbereit. Auch gefallen Personen dieser Generation wertige Accessoires oder die Möglichkeit, ein Poolcar zu nutzen – wenn es schick ist. Sie arbeiten, um sich das Leben angenehmer zu machen. Ihnen bei besonderer Leistung eine finanzielle Anerkennung zu geben, ist besonders wichtig. Ihre Stärke liegt darin, bereitwillig mehr zu arbeiten und sich besonders einzusetzen– wenn es honoriert wird. Wenn sie sich gut behandelt und anerkannt fühlen, dann sind sie zuverlässig dabei und leisten eine Menge. Oft mehr als die anderen. Im Team ist es wichtig, das anzuerkennen und ihnen Privilegien einzuräumen.

Generation Y – selbstbestimmt und verantwortungsvoll

Personen, die nach 1980 bis 2000 geboren wurden, gehören zur viel beschriebenen Generation Y. Sie tickt ganz anders als die anderen beiden Generationen und bescheren manchem Chef graue Haare. Wesentlich ist für sie, dass sie autonom arbeiten können. Sie wollen ihren Bereich haben, in den am besten auch niemand reinschaut und passen ihre Arbeitszeiten optimal an ihre privaten Bedürfnisse an.

Für sie ist ein Arbeitgeber prima, der es ihnen ermöglicht, auch mal länger frei zu nehmen, Tage aufzusparen und für wichtige Termine früher gehen zu können. Ein Schichtsystem finden sie attraktiver als andere und für ein Ausschlafen am Folgetag bleiben sie auch mal länger. Ins Team einbringen können sie ihre hohe Bereitschaft zur Autonomie und Übernahme von Verantwortung. Sie managen ihren Bereich und kümmern sich gern in diesem Rahmen um alles, am liebsten selbstbestimmt.

Digital Natives – am Zahn der Zeit

Personen, die nach 2000 geboren wurden, gehören zur Generation Z oder zu den „Digital Natives“. Sie können sich eine Welt ohne Smartphone nicht vorstellen und haben von Anfang an gelernt, ihren Fokus im schnellen Wechsel auf unterschiedliche Dinge zu richten. Neben ihrer digitalen Kompetenz sind sie nicht so schnell wie andere im Stress, wenn spontan gehandelt werden muss, weil Patienten nicht oder gleichzeitig kommen.

Sie sind extrem flexibel und erwarten nicht unbedingt stabile Prozesse. Gleichzeitig sind sie vernetzt, können ihre digitale Kompetenz einbringen und sind in der Lage, mehrere Chatgruppen gleichzeitig im Blick zu behalten. Was andere manchmal auf die Palme bringt, ist durchaus eine hohe Kompetenz, die für Patientenbindung eingesetzt werden kann. Vorausgesetzt, man kommt ihnen entgegen und ermöglicht einen regelmäßigen Blick aufs Smartphone.

Das Beste kombinieren

Mit diesen vier Generationen haben Sie unterschiedliche Wertvorstellungen und auch vier sehr unterschiedliche Kompetenzen in Ihrer Praxis, die Sie gut pflegen und einsetzen können. Denn auch Ihre Patienten stammen nicht alle aus einer Generation. Die Kunst besteht darin, das Verständnis für die jeweils anderen Personen zu erweitern und Toleranz zu üben. Auch wenn Sie sich selbst mit Ihrer Generation am wohlsten fühlen. Häufig mögen wir Menschen am liebsten, die genauso ticken wie wir selbst. Besonders weit kommen wir damit nicht. Das sieht man an kleinen Unternehmen, in denen der Chef Kopien seiner selbst einstellt. Hier fehlt es an ergänzenden Fähigkeiten.

Deswegen lohnt es, einen Teamworkshop zu diesem Thema zu gestalten: Was schätzt wer an wem? Wer tickt wie und kann was genau in die Praxis und in die Zusammenarbeit einbringen? Was nervt – muss aber toleriert werden? Wenn man sich dafür Zeit nimmt, ist es erstaunlich, was alles angesprochen wird. Und die Mitarbeiter sind häufig überrascht, was andere in ihnen erkennen und schätzen. Was früher als „Zickenalarm“ galt, macht nun die Unterschiedlichkeit sichtbar, die wir unbedingt in der Praxis brauchen, um zu einem leistungsfähigen Team zu werden.

Dr. Susanne Klein

Susanne Klein

Dr. Susanne Klein ist Referentin an der Pluradent-Akademie für das Thema „Praxisführung“. Sie ist maßgeblich verantwortlich für das Coaching von Praxisinhabern und Führungsteams zur Gestaltung von erfolgreicher Führung und Zusammenarbeit bei ProdentConsult. Die promovierte Psycholinguistin berät und coacht seit 1993 Führungskräfte in verschiedenen Unternehmen. Seit zehn Jahren bildet sie international zertifizierte Führungscoaches aus und hat eine Vielzahl von Publikationen in diesem Themenbereich veröffentlicht. Sie hat auch zwei international anerkannte Preise für ihre Programme gewonnen. 2015 wurde sie in den deutschen Vorstand des European Mentoring and Coaching Council gewählt. Kontakt per E-Mail an susanne.klein@pluradent.de.

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