Kinderzahnheilkunde

Interview mit Dr. Gisela Zehner (Teil 3)

Vertrauen ist das A und O

Kinder spielen Zahnarzt
Claudia Paulussen - stock.adobe.com

Um Vertrauen aufzubauen, sollten Kinder in die Behandlung immer mit einbezogen werden.

Kinder sind besondere Patienten. Was Zahnärzte, die sich in diesem Bereich spezialisieren möchten, mitbringen sollten, erklärt Dr. med. Gisela Zehner, FZÄ für Kinderstomatologie, im DZW-Interview (Teil 3). 

Was können Praxisteams tun, um einen empathischen Rapport, also ein Vertrauensverhältnis, zu ihren kleinen Patienten aufzubauen?

Dr. Gisela Zehner: Rapport ist die wichtigste Voraussetzung für eine erfolgreiche Kinderzahnbehandlung, und der anfangs dafür erforderliche Zeitaufwand zahlt sich später doppelt und dreifach wieder aus! Dieses vertrauensvolle, von Empathie getragene Verhältnis zwischen Patient und Behandlungsteam entsteht in einer Kinderzahnarztpraxis bereits durch die besondere Praxisatmosphäre, die kindgerechte Einrichtung und das auf Kinderzahnbehandlung spezialisierte Personal. Der erste Kontakt der kleinen Patienten mit dem Praxisteam ist dabei ausschlaggebend für den späteren Rapport.

Was fördert den Rapport?

Zehner: Eine kindgemäße Kommunikation auf gleicher Augenhöhe ausschließlich mit dem Kind – die Eltern hören nur zu –, Rollenspiele mit Handpuppen beispielsweise zur Begrüßung, wobei das Kind Zahnarzt spielt und die Zähne der Handpuppe kontrolliert. Wichtig sind außerdem eine kindgerechte Verhaltensführung mit der Tell-Show-Do-Methode sowie die Einführung bestimmter Behandlungsrituale, die dem Kind Sicherheit geben und Vertrauen aufbauen. Eine sofortige Behandlung sollte nur bei Schmerzen stattfinden, denn der erste Zahnarztbesuch dient dem Kennenlernen der Praxis und des Behandlungsteams, wobei lediglich eine Kontrolluntersuchung durchgeführt und gegebenenfalls noch der Behandlungsplan mit den Eltern besprochen werden sollte.

Zur Rapportstärkung werden die Kinder später bei der eigentlichen Behandlung immer mit einbezogen und dürfen auch selbst Entscheidungen treffen – beispielsweise welche Farbe der Sauger oder der Spülbecher haben soll. Auch werden die kleinen Patienten gebeten, bei der Behandlung zu helfen, indem sie die Instrumente festhalten oder die „Zahnteufel“ selbst wegsaugen dürfen. Das gibt ihnen das Gefühl, die Behandlung mit beeinflussen zu können, und stärkt damit ihr Selbstwertgefühl.

Welche Möglichkeiten gibt es bei der Behandlung von ängstlichen Kindern?

Zehner: Ängstliche Kinder dürfen vor ihrer eigenen Zahnbehandlung bei anderen Patienten helfen – so werden sie mit allen zahnärztlichen Geräten vertraut gemacht und gewöhnen sich daran. Wenn kleine Angsthasen eine entspannte Zahnbehandlung in Kinderhypnose bei einem anderen Kind miterleben, wirkt diese Beobachtung über das Spiegelneuronensystem so, als ob das ängstliche Kind selbst diese angenehme Zahnbehandlung erlebt hätte. Das ist für die spätere Behandlung dieses Kindes sehr nützlich und stärkt ebenfalls den Rapport. Letztendlich muss noch betont werden, dass die kleinen Patienten nie enttäuscht oder gar angelogen werden dürfen, da ein guter Rapport dann sofort zunichte gemacht wird.

Sie sprechen von „spannender und entspannender Behandlung im Zauberwald“: Wie gelangt man dorthin?

Zehner: Nachdem ein guter Rapport hergestellt wurde, arbeiten viele Kinderzahnärzte mit Hypnose (vgl. Kossak und Zehner: Hypnose beim Kinderzahnarzt, Springerverlag 2011). Bei unserem Behandlungskonzept mit Kinderhypnose wird dem kleinen Patienten suggeriert, sich eine schöne Reise in einem Zauberluftballon vorzustellen. Indem ganz tief in den Bauch ein- und ausgeatmet wird, was gleichzeitig zu einer guten Entspannung führt, wird das Kind in Gedanken in seinem Zauberballon hoch in die Luft getragen. Fingerpüppchen, Zauberstäbe oder ein Zaubervogel können als Begleiter mit auf Reisen gehen. Im Zauberwald angekommen, kann der kleine Patient individuell – je nach Behandlungssituation und Vorlieben – die tollsten Dinge erleben, die vom Behandlungsteam wechselseitig suggeriert werden (Doppelinduktion) und die kindliche Aufmerksamkeit fesseln – es geht in Trance.

Wie hilft dieser Zustand bei der Behandlung?

Zehner: In einem solchen entspannten Zustand ist die Schmerzempfindlichkeit stark reduziert, sodass Füllungsbehandlungen beispielsweise überwiegend ohne Betäubung durchgeführt werden können. Deshalb kann die Zahnbehandlung „wie nebenbei“ erfolgen, sie wird vom Kind gar nicht als solche wahrgenommen, da es sich in einer angenehmen „Wohlfühl-Trance“ befindet.

Kinder im Vor- und Grundschulalter sind Tranceexperten, denn beim Spielen gehen sie ständig spontan in eine Trance, die aber meist nur kurz andauert. Sie sind schnell wieder auf etwas Neues fokussiert, und dieses sprunghafte Tranceverhalten wird bei der zahnärztlichen Kinderhypnose genutzt.

Wie kann man diesen Zustand für die Dauer der Behandlung aufrechterhalten?

Zehner: Während der Zahnbehandlung wird die Aufmerksamkeit der kleinen Patienten spontan wechselnd auf Zaubergeschichten, Erlebnisse im Zauberwald, Geschichten von den Zahnteufelchen oder zwischendurch auch auf Gegenstände wie beispielsweise ein Deckenbild,  die ausgesuchte Fingerpuppe oder den Zauberstab gelenkt. Das führt sie immer wieder in eine kurze, angenehme Trance, und die kindliche Wahrnehmung wird von der eigentlichen Zahnbehandlung weg hin auf ein angenehmes Erleben gelenkt (QuickTimeTrance).

Durch diese spontan wechselnden Trancezustände sind die kleinen Patienten in der Lage, normale Zahnbehandlungen auch über einen längeren Zeitraum entspannt und stressfrei zu erleben. Zusätzlich kann Akupressur zur Anxiolyse, Beruhigung, Schmerzlinderung und auch gegen den Würgereiz angewendet werden, was die Kinderhypnose wirksam unterstützt. Das Behandlungsteam geht während der Kinderhypnosezahnbehandlung ebenfalls in eine angenehme Arbeitstrance, was ein sehr entspanntes Arbeiten ermöglicht.

Da bei jedem Kind individuelle Geschichten erfunden und immer unterschiedliche Hilfsmittel wie Fingerpüppchen, Zaubervogel oder Zauberstab verwendet werden, ist eine solche Kinderhypnosezahnbehandlung spannend und entspannend zugleich, und es ist eine Freude zu erleben, wie stolz und glücklich die Kinder und auch ihre Eltern nach einer solchen erfolgreichen Zahnbehandlung mit QuickTimeTrance sind!

Dr. Gisela Zehner

Dr. Gisela Zehner

FZÄ für Kinderstomatologie, übernahm nach dem Studium der Zahnmedizin eine wissenschaftliche Tätigkeit in der Kinderabteilung der Universitätszahnklinik Leipzig. Sie absolvierte eine Ausbildung zur Fachzahnärztin für Kinderstomatologie und eine Weiterbildung in Kieferorthopädie. 1990 ließ sie sich in Herne in einer Kinderzahnarztpraxis nieder. Sie hat seither zahlreiche Fortbildungen absolviert, etwa im Bereich Akupunktur,  Hypnose, Homöopathie für Zahnärzte, energetische Psychologie, ganzheitliche Zahnheilkunde, systemische Kieferorthopädie, myofunktionelle Therapie und Kinesiologie.

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