Politik

KZBV & BZÄK

Von Mützen, vier Feldern und einem Frühjahrsfest

Empfang der Zahnärzteschaft in Berlin
Delphotostock - stock.adobe.com

Empfang der Zahnärzteschaft in Berlin

KZBV und BZÄK hatten am 15. Mai zu ihrem alljährlichen Frühjahrsfest in die Britische Botschaft geladen und die Gäste kamen in Scharen. Die Stimmung war, trotz Regens, wie bei einem guten Familienfest. Nicht jeder mag jeden, aber alle haben ein gemeinsames Interesse: Sie wollen das Gesundheitssystem gestalten. Das wurde in den drei Eingangsreden von Dr. Wolfgang Eßer, Vorstandsvorsitzender der KZBV, Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und Bundesärztekammerpräsident Dr. Peter Engel deutlich. Das im Detail nicht alle immer einer Meinung sind, brachte Eßer direkt auf den Punkt: „Sehr geehrter Herr Minister: Es reicht nicht aus, uns Zahnärzten einfach die ‚Mütze‘ der Ärzte überzustülpen. Dass Steuerungsinstrumente im ärztlichen und im zahnärztlichen Bereich gleich gut funktionieren, ist ein Märchen.“ Danach arbeiteten sich die drei Redner an vier Feldern ab, die derzeit in der gesundpolitischen Landschaft blühen.

Medizinische Versorgungszentren

Als „Fehlentwicklung“ bezeichnete Eßer die Zahnarzt-MVZ. Was für die Sicherung der Versorgung im ländlichen Raum politisch gedacht und gewünscht war, hat sich als Flop erwiesen. Die 500 dieser MVZ sind alle dort entstanden, wo die Versorgung nie ein Problem war: in Großstädten, Ballungsräumen und einkommensstarken ländlichen Gebieten. Hier hat die politische Steuerung also nicht zu gewünschten Effekten geführt. Hier zeigt sich deutlich, dass die „Ärztemütze“ eben nicht auf den Zahnärztekopf passt. Angehende Zahnärzte seien, so Eßer, anders als ihre jungen Arztkollegen eben durchaus bereit, sich im ländlichen Raum niederzulassen. Spahn zeigte sich in seiner Rede dann beratungsoffen und einsichtig „genauer hinschauen zu müssen“.

Gebührenordnung

Das Dilemma der wertschätzenden Vergütung brachte Engel am Ende seiner Rede wunderbar auf den Punkt. „Ein Tierarzt erhält für eine Zahnextraktion bei einem Kleintier 12,82 Euro. Eine Zahnärztin bekommt für die Zahnextraktion bei einer Studienrätin 7,88 Euro. Auch dem größten Haustierliebhaber bleibt hier ein Ungleichgewicht nicht verborgen“, führte Engel augenzwinkernd aus. Dann forderte er den ‚lieben Herrn Spahn‘ auf, in einem ersten Schritt den zahnärztlichen Punktwert an den ärztlichen anzugleichen, um die großen Unterschiede zwischen EBM und BEMA – GOÄ und GOZ zu verringern. Einen anderen Aspekt der Honorierung hatte Eßer schon moniert: die Degressierung, die stufenweise Verringerung der Honorierung. Diese sei, so Eßer, „demotivierend“, „unfair“ und fördere die Unterversorgung, da sie die Anreize zur Niederlassung konterkariere. Auch im Bereich Prävention und Paradontitistherapie sei der gegenwärtige GKV-Leistungskatalog au f dem Stand der 1970er Jahre.

Digitalisierung

Beim Thema Digitalisierung war Spahn naturgemäß ganz in seinem Element und schlug ein paar Pflöcke ein, an denen er digitale Gesundheitswesen gedeihen sehen will. Dazu gehörte das eindeutige Bekenntnis zur Telematikinfrastruktur. „Wir brauchen ein sicheres Netz“, appellierte Spahn und konstatierte vor der versammelten Zahnärzteschaft: „Das ist ganz einfach: Entweder wir gestalten das hier im deutschen Gesundheitswesen gemeinsam – und zwar bald! – oder es kommt von wo anders. Entweder gestalten oder erleiden. Ich bin fürs Gestalten.“ Eßer hatte zuvor die Zahnärzte als technikaffin, offen und begeisterungsfähig für Innovationen charakterisiert und verwies auf die aus seiner Sicht digitalen zahnärztlichen „Leuchtturmprojekte“ „elektronische Antrags- und Genehmigungsverfahren“ und das „digitale Bonusheft“. Engel schlug auch nachdenklichere Töne an. Die Digitalisierung solle helfen, die immensen Bürokratielasten abzubauen, da Zahnärzte allein 100 Tage im Jahr mit Dokumentations- und Informationspflichten beschäftig seien. Das „ist nicht im Sinn des Zahnarztberufs.“ Als Gefahr beschrieb Engel die Tendenz zur Kommerzialisierung des Gesundheitswesens. „Das organisierte Gesundheitswesen darf den technischen Fortschritt nicht fachfremden Digital-Giganten wie Google, Amazon und Co. überlassen, die im Gesundheitsmarkt – und ich sage hier bewusst Markt – das große Geschäft wittern, sondern muss selbst mit innovativen Ideen aufwarten.“ Auch im Bereich Telemedizin gilt es, einen sinnvollen Nutzungsrahmen zu definieren und nicht einfach der technischen Machbarkeit hinterherzulaufen.

Pflege

Als weiteres großes Anliegen nannte Spahn die „mundgesundheitliche Versorgung bei Pflegebedürftigen“. Hier sehe er großen Handlungsbedarf. Es sei einfach ein großer Unterschied, ob ein Arzt mit seinem Arztkoffer in ein Pflegeheim komme oder ein Zahnarzt, der naturgemäß ganz anderes Gerät brauche. Engel betonte nochmals den langen Weg, den BZÄK und KZBV auf dem Weg zur besseren Betreuung und Prävention von Pflegebedürftigen gegangen seien und das lange allein durch ehrenamtliches Engagement getragen sei. „Um Politik und Krankenkassen von dem notwendigen Handlungsbedarf zu überzeugen, mussten wir lange Zeit viele dicke Bretter bohren.“ Gute Mundgesundheit sei entscheidend für die Lebensqualität von Pflegebedürftigen. „Es gibt also gute Argumente, damit hier Zahnärzte, Krankenkassen und Politik an einem Strang ziehen.“

Das wird allerdings höchste Zeit. Denn schon in der DZW-Frühjahrsausgabe vom 26. Mai 1993 zitieren wir den damaligen Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Zahnerhaltung, Prof. Dr. Klaus Ott: „Da der Anteil älterer Menschen an der Gesamtbevölkerung ständig steigt, müssen sich Zahnärzte zunehmend auf diese Patienten einstellen.“

Warten wir also ab, welche gesundheitspolitischen Blüten in diesem Jahr noch aus dem Boden sprießen werden.