Zahnmedizin

Volkskrankheit Kreidezähne

MIH hat Karies in bestimmten Altersgruppen überholt

Pressekonferenz zum Thema MIH in Berlin
DGZMK/Lopata

In einer gemeinsamen Pressekonferenz in Berlin gaben die Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund und Kieferheilkunde (DGZMK), die Deutsche Gesellschaft für Kinderzahnheilkunde (DGKiZ) und die Deutsche Gesellschaft für Präventivzahnmedizin (DGPZM) einen aktuellen Überblick über die Prävelenz, Ursachen und möglichen Therapieansätze von MIH. Von links: Markus Brakel (Pressesprecher DGZMK), Prof. Michael Walter (Präsident DGZMK), Prof. Norbert Krämer (Präsident DGKiZ) und Prof. Stefan Zimmer (Präsident DGPZM).

Die Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation (MIH) stellt eine neue Volkskrankheit dar. In bestimmten Altersgruppen bei Kindern und Jugendlichen ist ihr Auftreten höher als das von Karies. Das stellte Prof. Dr. Norbert Krämer, Präsident der DGKiZ (Deutsche Gesellschaft für Kinderzahnmedizin), am 24. Mai auf einer Pressekonferenz der DGZMK (Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde) in Berlin heraus.

MIH bedeutet eine systemisch bedingte Strukturanomalie primär des Zahnschmelzes, die auf eine Mineralisationsstörung zurückzuführen ist. Sie tritt an einem bis zu allen vier ersten bleibenden Molaren auf. Solche „Kreidezähne“ sind äußerst schmerzempfindlich und reagieren sehr sensibel auf Hitze, Kälte und Zähneputzen. 

Bisphenol A kommt als Weichmacher ursächlich in Frage

MIH hat eine rasante Entwicklung durchlaufen. 1987 wurde die Krankheit erstmals wissenschaftlich beschrieben, heute lässt sich bereits von einer neuen Volkskrankheit sprechen: im Durchschnitt leiden 10 bis 15 Prozent der Kinder an MIH, bei den Zwölfjährigen liegt die Quote laut DMS V (Deutsche Mundgesundheitsstudie) inzwischen sogar bei mehr als 30 Prozent. Eine wesentliche Rolle bei der Entstehung scheinen Weichmacher aus Kunststoffen zu spielen, die mit der Nahrung aufgenommen werden. Aufgrund von Tierversuchen ließ sich ein Zusammenhang zwischen Bisphenol-A-Konsum und der Entwicklung von MIH nachweisen. Bei entsprechender Prophylaxe kann drohender Kariesbefall für solche Zähne dennoch abgewendet und deren Erhalt gesichert werden.

Frontzähne MIH
Prof. Norbert Krämer

Die Frontzähne sind häufig ebenfalls betroffen. Aufgrund der Farbveränderungen und dem Einbruch der Oberfläche ist die deutliche ästhetische Beeinträchtigung erkennbar. Die Kinder leiden auch psychisch unter diesem Aussehen.

Präzise Ursache weiterhin ungeklärt

Als weitere potenzielle Ursachen für MIH kommen Probleme während der Schwangerschaft, Infektionskrankheiten, Antibiotikagaben, Windpocken, Einflüsse durch Dioxine sowie Erkrankungen der oberen Luftwege in Betracht. Diskutiert wird ein multifaktorielles Geschehen. Dennoch gilt die präzise Ursache wissenschaftlich weiterhin als ungeklärt. Da die Schmelzentwicklung der ersten Molaren und der Inzisivi zwischen dem achten Schwangerschaftsmonat und dem vierten Lebensjahr stattfindet, muss die Störung auch in dieser Zeitspanne auftreten. Jüngste Untersuchungen deuten darauf hin, dass aufgenommenes Bisphenol A bei der Entstehung eine große Rolle spielt.

Schwere Form von MIH
Prof. Norbert Krämer

Schwere Form der MIH: Dieser Zahn brach unvollständig entwickelt in die Mundhöhle durch. Der Molar war hochgradig kälte- und berührungsempfindlich. Die Beläge auf der Oberfläche geben einen Hinweis darauf, dass selbst das Putzen der Zähne nur unter Schmerzen möglich war. Vor diesem Hintergrund sind die Zähne auch kariesgefährdet. Ebenfalls betroffen von der Erkrankung ist der zweite Milchmolar (rechts im Bild).

Schmerzempfindlichkeit lässt Lebensqualität sinken

Häufig weisen bei MIH die bleibenden Frontzähne und zunehmend auch die 2. Milchmolaren Fehlstrukturierungen auf. Klinisch fällt die unterschiedliche Ausprägung der Erkrankung auf. Die Mineralisationsstörung kann sich dabei auf einen einzelnen Höcker beschränken oder aber die gesamte Oberfläche der Zähne betreffen. Die milde Form der MIH zeigt eher weiß-gelbliche oder gelb-braune, unregelmäßige Opazitäten im Bereich der Kauflächen oder Höcker. Die schwere Form der Zahnentwicklungsstörung weist abgesplitterte oder fehlende Schmelz- und Dentinareale unterschiedlichen Ausmaßes auf. Die betroffenen Patienten klagen über Schmerzen beim Trinken, Essen und Zähneputzen. Dies beeinträchtigt die Lebensqualität der jungen Patienten und erschwert die Behandlung beim Zahnarzt. Dennoch ist in diesen Fällen ein schnelles therapeutisches Eingreifen dringend geboten.

MIH mit Kompositfüllung
Prof. Norbert Krämer

Mittel der Wahl zur Versorgung der MIH-Zähne sind Kompositfüllungen. Der Kleber versiegelt effektiv die erkrankte Oberfläche und Komposit gilt als guter Isolator gegen die Noxen. Zusätzlich kann die gesunde Zahnhartsubstanz optimal geschont werden, da das Füllungsmaterial eingeklebt wird. Amalgam ist als Füllungsmaterial für MIH-Zähne kontraindiziert.

Prävention nicht möglich – Prophylaxe schon

Weil sich die Veränderungen schon während der Zahnentwicklung ereignen und die genauen Ursachen noch nicht geklärt sind, ist eine wirksame Prävention gegen MIH nicht möglich. Dies erklärte Prof. Dr. Stefan Zimmer, Präsident der DGPZM (Deutsche Gesellschaft für Präventivzahnmedizin). Da MIH-Zähne aber eine raue Oberfläche und in der Substanz eine schlechtere Qualität aufweisen, sind sie besonders kariesanfällig. Deshalb muss über das Zähneputzen hinaus eine besonders intensive Prophylaxe betrieben werden, um die Zähne vor Karies zu schützen. Hierfür stehen insbesondere Fluoridierungsmaßnahmen in der häuslichen Umgebung und der Zahnarztpraxis zur Verfügung, die altersbezogen angewandt werden müssen. Regelmäßige Untersuchungen beim Zahnarzt, die Behandlung mit Fluoridlack und der Aufbau der Zähne mit verschiedenen Techniken können dazu beitragen, auch von MIH befallene Zähne bei guter Pflege ein Leben lang zu erhalten.


Unter dem Titel „Im Fokus“ widmet sich die DZW regelmäßig besonderen Schwerpunktthemen. In den nächsten beiden Wochen wird die Kinderzahnheilkunde im Mittelpunkt stehen. Interviews, Reportagen und Expertentipps zur Kinderzahnheilkunde werden wir unter https://www.dzw.de/fokus-themen ab dem 4. Juni 2018 veröffentlichen.  

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