Zahnärzte

Interview

Neues Endo-Curriculum in Herne

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Theorie und Praxis: Das Programm ist auf die praktische Umsetzung ausgerichtet, ohne dabei die wissenschaftlichen Grundlagen zu vernachlässigen.

Unter der wissenschaftlichen Leitung von Prof. Michael Hülsmann, Göttingen, startet Ende November das neue Curriculum Endodontie an der Haranni Academie in Herne. Im DZW-Interview erläutert Hülsmann das Programm, stellt die Referenten vor und outet sich zur „Arbeit unter Tage“.

Sie sind der neue wissenschaftliche Leiter des Endodontie-Curriculums der Haranni Academie. Was erwartet die Teilnehmer?

Prof. Michael Hülsmann: Wir haben das Programm neu strukturiert und versucht, die Ausrichtung auf die praktische Umsetzung in der Praxis deutlich zu verstärken, ohne dabei die wissenschaftlichen Grundlagen zu vernachlässigen. Es geht uns nicht darum, High-Tech-Endodontie zu vermitteln, die sich immer nur an den zuletzt auf dem Markt erschienenen Instrumenten und Materialien orientiert, sondern darum, den Teilnehmern Konzepte und Hilfsmittel vorzustellen, die ihnen die Möglichkeit geben, die Mehrzahl der notwendigen Wurzelkanalbehandlungen in ihrer Praxis erfolgreich zu managen. Wir werden den Teilnehmern nicht sagen, dass sie unbedingt ein Mikroskop kaufen und ein bestimmtes Feilensystem benutzen müssen und nur noch diese und jene Fülltechnik anwenden dürfen, sondern die Vorteile und Grenzen des Mikroskops sowie Kriterien zur Feilenbewertung vorstellen. Wir möchten die Teilnehmer zur eigenständigen Beurteilung der Feilensysteme befähigen und ihnen die unterschiedlichen Möglichkeiten der Wurzelkanalfüllung mit den jeweiligen Indikationen, Vor- und Nachteilen demonstrieren. Ziel ist nicht, dass die Teilnehmer genau das machen, was die Referenten „predigen“, sondern dass sie ihr individuelles Behandlungskonzept fundiert begründen können. Das zweite Ziel ist, anstelle eines „Universalkonzepts“ für alle Behandlungssituationen die Idee eines differenzierten, einzelfallbezogenen und problemorientierten Vorgehens zu vermitteln. Statt vieler Folien mit Zusammenfassungen wissenschaftlicher Studien sollen Falldarstellungen und klinisch relevante Informationen den Kurs prägen. Hinzu kommen selbstverständlich viele praktische Übungsblöcke mit Mikroskopen, NiTi-Instrumenten und entsprechenden Motoren, mit kalten und warmen Fülltechniken, zur Stiftversorgung oder Revisionsübungen. Natürlich können wir bei der begrenzten Zahl der Kurstage nur einen Ausschnitt aus dem großen Spektrum der Endodontie präsentieren, aber die wichtigsten Grundlagen und Eckpfeiler werden thematisiert. Wenn die Teilnehmer dann „Hunger auf mehr“ entwickeln, wäre das natürlich umso besser.

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Prof. Michael Hülsmann

Welche Referenten konnten Sie für die einzelnen Module gewinnen?

Hülsmann: Die Teilnehmer erwartet ein Mix aus „alten Hasen“, zu denen (außer mir) natürlich auch Kerstin Bitter und Edgar Schäfer aus Münster gehören. Dem momentanen „Generationswechsel“ unter den Referenten Rechnung tragend, haben wir dazu mit Christian Krupp aus Hamburg, Sebastian Bürklein aus Münster und Steffi Baxter aus Göttingen junge Referenten mit viel klinischer Expertise und exzellentem wissenschaftlichem Hintergrund eingeladen.
Zusätzlich wird Christine Baumeister-Henning, vielen Besucher der Haranni Academie sicher bestens bekannt, einen halben Kurstag lang Tipps zur optimalen Abrechnung endodontischer Leistungen vermitteln. Das Ziel eines optimalen Nutzens in der täglichen Praxis für die teilnehmenden Kollegen stand auch hier im Mittelpunkt der Überlegungen.

Wie ist der Anteil Theorie – praktische Übungen auf die Module verteilt?

Hülsmann: Wir haben Übungsblöcke zur Präparation der Zugangskavität, zur maschinellen Präparation, zu unterschiedlichen Wurzelkanalfülltechniken, zur Versorgung mit Faserstiften und zur Revisionsbehandlung. Aber natürlich sind die Präsentation und Diskussion von Röntgenbildern und klinischen Fällen ebenfalls praktische Übungen. Bei Übungen innerhalb eines Curriculums gewinnen die Teilnehmer aber auch immer nur einen ersten, mehr oder weniger oberflächlichen Eindruck – nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Sie haben ein Modul, das sich mit der Abrechnung endodontischer Leistungen beschäftigt. Warum sind diese Kenntnisse für Praxen so wichtig?

Hülsmann: Hochwertige Endodontie – und die fängt nicht erst beim Mikroskop an – wird als Kassenleistung immer noch nicht annähernd kostendeckend honoriert, deshalb ist es zunächst wichtig, dass das breite Spektrum in Frage kommender Abrechnungspositionen auch vollständig und kreativ ausgeschöpft wird. Zusätzlich muss natürlich über Mehrkostenvereinbarungen, außervertragliche Leistungen, Analogpositionen und Steigerungsfaktoren nachgedacht werden. Wenn die Teilnehmer dann noch eigene Erfahrungen austauschen und Ideen einbringen, kann auch das ein sehr effektiver praxisrelevanter Übungsblock werden.

Haben die Teilnehmer auch die Möglichkeit, eigene Fälle zu besprechen?

Hülsmann: Die Teilnehmer stellen jeweils in einer kurzen Präsentation einen eigenen Behandlungsfall vor, einen zweiten während des Abschlussgespräches am letzten Kurstag. In einigen anderen Curricula ergibt das häufig die lebhaftesten und produktivsten Diskussionen, die manchmal auch durchaus kontrovers, aber immer kollegial, verlaufen. Hier können komplexe Fälle und schöne Erfolge, aber auch unklare Situationen, Problemlösungen und auch Misserfolge präsentiert und zur Diskussion gestellt werden.

Ihre Leidenschaft für Endo kurz auf den Punkt gebracht…

Hülsmann: Ich bin ein Kind des „Potts“ (Bottrop): die schmutzige Arbeit untertage, in komplexen Schachtsystemen und unter schwierigsten technischen Bedingungen, das Fördern von schwarzem Gold an die Oberfläche und das abschließende Füllen der geschaffenen Hohlräume sind mir also von Geburt an mitgegeben. Natürlich auch, dass es hier viele Probleme und Misserfolge gibt und die Arbeit in Schacht 7 gelegentlich Folgen über Tage (Risse in den Häusern) zeigt!


Vita

  • 1974 bis 1980 Studium in Göttingen
  • 1998 Habilitation
  • 2009 bis 2013 kommissarischer Direktor der Abteilung Präventive Zahnmedizin, Parodontologie und Kariologie, Universitätsmedizin Göttingen
  • 2015 bis 2018 Vizepräsident des VDZE
  • Chefredakteur der Zeitschrift „Endodontie“
  • Section Editor des „International Endodontic Journal“