Opfer und Täter

DZW-Umfrage

Gewalt in Zahnarztpraxen? DZW-Leser berichten

Aggressiver Mann droht mit Faust
AFPics/shutterstock.com

Auch in Zahnarztpraxen kommt es zu Übergriffen. 

Hausärzte und Rettungssanitäter werden immer häufiger Opfer von gewalttätigen Übergriffen. Weil es keine konkreten Zahlen zu Gewalt gegen Zahnärzte gibt, führte die DZW eine Umfrage durch. Wir wollten wissen:

  • Welche Erfahrungen mit Gewalt oder Übergriffen haben Sie in Ihrer Zahnarztpraxis gemacht?
  • Wurden Sie – oder Ihre Mitarbeiterinnen – angegriffen?
  • Wie schützen Sie sich und Ihr Team?

Hier finden Sie spontane Statements der DZW-Leser:

Eine Zahnarztpraxis in NRW schickte folgende Nachricht: "Man wird im Notdienst regelmäßig belogen, bedroht oder angepöbelt. Das passiert eigentlich fast in jedem Notdienst."


Eine ZFA mailte uns diese Aussage: "Ich wurde von einer Patientin geschubst, weil ich ihr den Zutritt ins Büro meines Chefs verweigert habe. Beleidigungen wie 'Fotze' oder 'Blöde Kuh' kamen schon des öfteren vor, gerade wenn Patienten unser Erstattungs- und Kostensystem nicht verstanden haben oder eine Mahnung nicht verstanden haben."


Diese Nachricht erreichte uns über Facebook: "Erst vorgestern hat mich ein Patient grob am Arm gepackt und mich aus dem Zimmer geworfen, obwohl ich nur ein Material holen wollte, das in diesem Zimmer in einem Schrank lagert. Ich werde nie verstehen, wie man sich so fehl verhalten kann."


Eine Zahnärztin, die sich per E-Mail meldete, war folgender Situation ausgesetzt: "2014 kam eine Patientin zu mir und wollte sich neue Prothesen machen lassen. Da sie an Fibromyalgie leidet und ich schlechte Erfahrungen gemacht habe, überwies ich sie in die Zahnklinik. Sie kam dann zurück, weil sie keinen Termin bekommen hatte und bettelte mich an. Sie hatte einen sehr schlechten Kiefer, aber ich fertigte ihr eine obere und untere Prothese. Mit der unteren gab sie Schmerzen an und ich überlegte, wie ich ihr helfen kann. Die untere machte ich weichbleibend. Darüber war sie glücklich und zufrieden, umarmte mich und schenkte mir einen selbst gestrickten Schal.
Nach mehr als zwei Jahren kam sie dann in meine Praxis und war sehr aggressiv, beleidigte, beschimpfte mich und drohte mir. Eine Kontrolle oder Untersuchung lies sie nicht zu. Im Wartezimmer saßen andere Patienten und ein Kind. Nach zwei Jahren muss was verändert werden, zumal die Frau zehn Kilo abgenommen hatte. Ich bekam dann eine Mängelrüge ihrer Krankenkasse ohne persönliche Anrede! Nach zwei Gutachten wurde die Mängelrüge zurückgenommen. Die Patientin verklagt mich danach. Ich hätte Schuld an einem Zahnverlust. Das ist natürlich Unsinn, aber die Klage wurde angenommen und läuft schon das zweite Jahr. Die Frage nach dem geschenkten Schal beantwortete die Patientin: Diesen habe ich dieser Zahnärztin verkauft und ich warte heute noch auf mein Geld.
Ich konnte viele meiner Patienten nicht mehr behandeln, vielleicht auch durch die lange Gerichtsabhandlung, und überwies sie an Kollegen. In jedem Patient sah ich einen potentiellen Angreifer oder einen Kläger. Ich fiel in ein tiefes Loch, konnte nicht mehr schlafen und essen. Ich kam mit dieser Situation nicht zurecht, man hilft jemandem und bekommt so einen Schlag zurück. Dazu kam noch, dass mein Mann vor zehn Jahren durch den gleichen Richter seine Praxis zwangsweise verkaufen musste und aus diesem Erlös konnte sein damaliger Partner seine Schulden in Raten abbezahlen. Mir kamen dann nur noch die Tränen und so ging ich zu einem Psychologen. Er meinte, es genüge eine Person, in so eine Situation zu kommen. Eine Anzeige bei der Polizei hatte ich gemacht, aber gegen eine Auflage wurde das Verfahren eingestellt."


Ein Zahnarzt, der sich an unserer Umfrage beteiligt hat, kann gleich von mehreren Übergriffen berichten:

„Ein Patient hatte eine Leistung von seiner Krankenkasse nicht erhalten. Daraufhin trat er in einen Sitzstreik in unserem Wartezimmer und musste schließlich von der Polizei abgeführt werden. Wenige Woche später wiederholte sich das Ereignis bei seinem Hausarzt. Der Patient erschoss den Arzt in seiner Praxis und richtete sich dann selbst, das war vor etwa 25 Jahren.“

„Im Rahmen der 01 untersuchte ich ein etwa 15-jähriges Mädchen. Der Vater verbot uns, mit dem Spiegel in den Mund seines Kindes zu begutachten. Das Mädchen selbst war sehr eingeschüchtert und durfte nicht mit uns reden. Alarmiert fragten wir nach weiteren Vorsorgeuntersuchungen, wie beispielsweise beim Gynäkologen. Das Mädchen erklärte uns, dort nicht hin zu dürfen. Weitere Nachfragen unterband der Vater, in dem er uns körperlich bedrohte: Er stellte sich in der Behandlungssituation mit erhobenen Fäusten vor uns. Wir gaben den Vorfall an das Jugendamt weiter.“

„Ein verurteilter Gewalttäter stellte sich mit Schmerzen bei uns vor. Bei der Behandlung konnte keine vollständige Schmerzfreiheit erzielt werden. Der Patient konnte mit der Situation kaum umgehen und wurde  immer wieder massiv ausfallend. Es drohte ein Übergriff gegen das Behandlerteam durch den Patienten. Die Behandlung wurde abgebrochen und eine Sanierung in ITN angestrebt. Die eigentliche Narkosebehandlung kam nicht zustande, da der Patient erneut inhaftiert wurde.“

„Meine Anmeldung ist bereits um 7 Uhr mit einer Helferin besetzt, obwohl Behandlungsbeginn um 8 Uhr ist. In dieser Situation wurde meine Assistentin massiv verbal bedroht.“

Sein Fazit: „Diese und andere ähnliche Ereignisse sind auch im Zusammenhang der politisch gewünschten 24-Stunden-Bereitschaft zu sehen.Wir sind eine Praxis mit zwei Zahnärzten in einer Kleinstadt. Wer sorgt für die Sicherheit des Behandlerteams, wenn nachts ein Betrunkener nach einer Schlägerei mit einem ausgeschlagenen Zahn in die Praxis kommt?


DZW-Umfrage

Wir haben gefragt, ob unsere Leser schon einmal Übergriffe in ihrer Praxis erlebt haben. Das (nicht repräsentative) Ergebnis: Gewalt in Zahnarztpraxen kommt vor, aber zum Glück selten. Dies gaben 49 Prozent der Befragten an. 41 Prozent der Umfrageteilnehmer haben noch nie Übergriffe im Berufsalltag erlebt. Nur wenige Zahnärzte, die an unserer Umfrage teilgenommen haben, gaben an, dass sie schon häufiger Gewalt in der Praxis erlebt haben (10 Prozent).