Opfer und Täter

Rettungsbox, Endo und Implantate

Trauma bei bleibenden Zähnen

Bei Unfällen sind oft auch die Zähne betroffen.
Andrey Popov/Shutterstock.com

Bei Unfällen sind oft auch die Zähne betroffen.

Für eilige Leser

• Ein Beitrag im "ZahnRat" 94 (Patientenmagazin Westfalen-Lippe) fasst den Stand des Wissens zusammen.

• Patienten erhalten zahlreiche Tipps zum richtigen Verhalten, die zahnärztliche Therapie wird detailliert erläutert.

• Bei Avulsion ist meist eine Replantation und frühzeitige Wurzelfüllung indiziert.

• Wie Zahnverluste im Kindesalter längerfristig behandelt werden, ist umstritten.

• Therapeutische Details und Literaturhinweise enthalten aktuelle Leitlinien und Online-Plattformen (Kasten „nützliche Links“).

Beim Stichwort Zahntrauma denken viele zuerst an den „ausgeschlagenen“ Frontzahn. Die Klassifikation reicht jedoch von der Schmelzinfraktion ohne Zahnsubstanzverlust – über verschiedene Dislokations- und Lockerungsgrade – bis zur vollständigen Herauslösung aus der Alveole (Avulsion). Empfohlene Behandlungsmethoden, einschließlich Zeiträumen, sind auf einer englischsprachigen Seite und – für bleibende Zähne – in der aktuellen DGZMK-Leitlinie zusammengefasst [1, 2].

Für Patienten erläutern die Experten PD Dr. Yango Pohl (Bonn), Dr. Thomas Hacker und PD Dr. Jörn-Uwe Piesold (beide Erfurt) das Thema leicht verständlich und detailliert im aktuellen "ZahnRat" des Kammerbereichs Westfalen-Lippe. Demnach sollen Betroffene, bevor sie zum Zahnarzt gehen, mit sterilem Verbandmaterial Druck auf intraorale Weichgewebsverletzungen ausüben und von außen kühlen.

Vorhandene Zahnfragmente werden mit in die Praxis genommen. Ist ein Zahn avulsiert, sollte er nicht gereinigt oder desinfiziert, „nicht an der Wurzel berührt“ werden. Er wird nach Möglichkeit in einer Zahnrettungsbox (gibt es in der Apotheke) oder behelfsmäßig in fettarmer kalter H-Milch aufbewahrt ("ZahnRat", Seite 5: „So machen Sie’s richtig“; Link Zahnrettungsbox: siehe Kasten).

Gut dokumentieren

In der Praxis wird zunächst geklärt, ob eine Schädelverletzung oder Gehirnerschütterung vorliegt. In diesem Fall und bei größeren Verletzungen oraler oder extraoraler Gewebe, einschließlich des Kiefergelenks, erfolgt die Überweisung an eine Notfallaufnahme oder an kieferchirurgische Kollegen. Anderenfalls werden eine ausreichende Anamnese und die empfohlene klinische radiologische Diagnostik durchgeführt und der Ausgangsbefund fotografisch dokumentiert (strukturiertes Formular: siehe Kasten) [1].

Zurück zum "ZahnRat" für Patienten: „Erschütterte, gelockerte oder leicht verschobene Zähne“ (Kontusion, Subluxation, leichte Intrusion, Extrusion oder laterale Luxation) sind empfindlich und können vom Zahnarzt in ihre „ursprüngliche Position zurückgesetzt und (…) mit einer dünnen aufgeklebten Metallschiene ruhiggestellt werden". Gemeint ist eine vorsichtige Positionskorrektur leicht dislozierter Zähne unter Lokalanästhesie.

Sind apikale Gewebe verletzt, können Bakterien oder Toxine Desmodont und Pulpa verunreinigen. Der Biofilm ist auch hier prognostisch von größter Bedeutung. Bei vitaler Pulpa und unvollständigem Wurzelwachstum wird zunächst abgewartet [2]. Bei avitaler Pulpa sollte dagegen spätestens nach zwei bis drei Wochen eine endodontische Behandlung eingeleitet werden.

Bei Wurzelfrakturen ohne Verbindung zur Mundhöhle kann ebenfalls durch Schienung ruhiggestellt und engmaschig nachkontrolliert werden. Anderenfalls ist meist eine Extraktion, Wurzelbehandlung oder orthodontische Extrusion erforderlich. Größere Kronenfrakturen können bei jungen Patienten mit Komposit repariert werden, erfordern aber später minimal-invasive Keramikveneers ("ZahnRat": „Verblendschalen“, möglichst keine Vollkronen!) [3].

Was tun bei Avulsion?

Ein „ausgeschlagener“ Zahn kann „zurückgepflanzt“ und wiederum mit einer Schiene fixiert werden. Wurde er zuvor richtig aufbewahrt, sind die Einheilungschancen gut. Meist ist eine endodontische Behandlung erforderlich, die für eine gute Prognose innerhalb von sieben bis zehn Tagen [2], nach den "ZahnRat"-Experten noch vor der Reposition oder innerhalb einer Woche erfolgen sollte.

Nur bei weit offenem Lumen kann, je nach Zustand und Aufbewahrung des Zahnes vor dem Praxisbesuch, nach Schienung zunächst abgewartet werden. Kontrollen erfolgen bei den meisten Traumaformen mit endodonischer Beteiligung nach zwei Wochen (mit Röntgenbild), dann nach vier Wochen, drei Monaten, einem halben und einem Jahr. Therapeutische Details enthalten die genannten Quellen [1, 2].

Thema mit vielen Facetten

Im Gegensatz zu den meisten Kinderzahnärzten (und den Autoren des "ZahnRats") empfehlen einige chirurgisch ausgerichtete Kollegen nach Zahnverlust Implantationen bereits bei Heranwachsenden. Damit könnten alveoläre Resorptionen vermieden werden, notwendig ist aber ein gutes Timing und interdisziplinäres Konzept [4]. Alternativen sind zum Beispiel einflügelige Adhäsivbrücken, Transplantationen eigener Zähne oder Lückenschlusskonzepte.

Das Thema hat weitere Facetten. So sollte Risikosportlern zur Prävention ein geeigneter Mundschutz empfohlen werden (Hinweise im "ZahnRat"). Zu bedenken ist auch die Möglichkeit einer Misshandlung, erkennbar zum Beispiel an einem gerissenen Oberlippenbändchen oder isolierten Verletzungen der Oberlippe (Beratungs-Hotline siehe Kasten) [5].

Dr. Jan H. Koch

Links und Telefonnummern

www.dentaltraumaguide.org (große Informations-Plattform, initiiert von J. O. Andreasen)

www.frontzahntrauma.de/fileadmin/files/pdf/Frontzahntrauma-1.pdf (strukturierter Dokumentationsbogen für Trauma-Patienten)

www.zahnrettungskonzept.info/ (Informationen und Bezugsquellen für die Zahnrettungsbox)

Medizinische Kinderschutz-Hotline: (0800) 1 92 10 00

Dr. Jan H. Koch

Dr. med. dent. Jan Hermann Koch ist seit dem Jahr 2000 als freier Fachjournalist und Berater tätig. Arbeitsschwerpunkte sind Fachartikel, Pressetexte und Medienkonzepte für Dentalindustrie und Verbände. Seit 2013 schreibt Dr. Koch als fester freier Mitarbeiter für die DZW und Fachmagazine, unter anderem die Kolumne ZahnMedizin kompakt (Nachfolge Dr. Karlheinz Kimmel).