Praxis

Stolperfallen

So wird Ihre Praxis barrierearm

Barrierearm
Jenny Sturm - stock.adobe.com

Treppen sind Hindernisse für Rollstuhlfahrer. Finden sie keinen Aufzug vor, suchen sie sich unter Umständen einen anderen Zahnarzt.

Seit 15 Jahren besitzt Gerhard K. eine schicke Altbauwohnung. Der Zahnarzt aus Berlin kaufte mit Blick fürs Schöne und prüfte das Raumangebot für seine Mitarbeiter. Mehr als ein Jahrzehnt später fallen Patienten weg. Trotz steigenden Alters und damit oft einhergehender Zahnprobleme.

Der Knackpunkt: Die Praxis liegt im dritten Stock, einen Aufzug gibt es nicht, und den Treppenlift suchen invalide Patienten vergebens.

Alte Praxis, neue Barrieren

Holger Brummer ist Inhaber von „Praxenprofi“ und Ratgeber für barrierefreie Gestaltung. Seit 2002 unterstützen er und sein Team aus Architekten und Ingenieuren Zahnarztpraxenbetreiber deutschlandweit. „Bei der Praxisplanung machen sich die wenigsten Gedanken über mögliche Hindernisse für Patienten mit Handicap“, weiß Brummer aus Erfahrung. Daher lohne es sich vor Umbau oder Neukauf, einen Architekten, Sachverständigen oder erfahrenen Praxisplaner für die Thematik der Barrierearmut einzubeziehen. Experten wie Gregor Vogelmann, Sachverständiger für barrierefreies Planen und Bauen vom Institut für Qualitätskennzeichnung von sozialen Dienstleistungen (IQD) in Filderstadt, können Grundrisse und Aufteilungspläne sichten, bevor es losgeht. Sind Zahnärzte auf der Suche nach einer neuen Praxis, hilft vorab ein Klick auf Google Street View, um sich vom Schreibtisch aus einen ersten Eindruck der neuen Praxis zu verschaffen. Eine Besichtigung vor Ort wird dies allerdings nicht ersetzen.

Auch der Vermieter sollte in die Umbauten eingeweiht werden, zumal er baulich in die Pflicht genommen werden kann, wenn der Mietvertrag dies nicht explizit als Aufgabe des Mieters deklariert. Dasselbe gilt für die Behördengänge. Deshalb ist Vorsicht geboten, Verträge frühzeitig zu unterzeichnen.

Von innen nach außen bauen

Angefangen beim Parkplatz, lohnt es sich, genauer hinzusehen. Fehlen Parkmöglichkeiten, muss eine Stell­platzablösesumme für die Nutzung öffentlicher Stellplätze gezahlt werden. Das ist aber nur eine von vielen Fußangeln. Grundsätzlich rät Brummer deshalb: „Von innen nach außen arbeiten.“ Die wichtigsten Merkmale sind die Türen, die eine Mindestbreite von 90 Zentimetern aufweisen müssen. Das betrifft auch den Fahrstuhl, sofern einer vorhanden ist.

Bei den Sanitärräumen sollten Türen von Toiletten nach außen öffnen. Sie sollten eine Grundfläche von mindestens 6,5 Quadratmetern aufweisen. Denn die Bewegungsfläche eines Rollstuhls beträgt 1,5 Quadratmeter. Dieser Abstand sollte deshalb vor Waschbecken und dem WC zur Verfügung stehen. Bei Haltegriffen rechts und links von der Toilette ist zusätzlich ein Abstand von 90 Zentimetern nötig.

Der Flur sollte eine Mindestbreite von 1,40 Metern messen, damit Patienten am Rollator und im Rollstuhl problemlos die Räume erreichen können. Hindert eine Treppe den Zugang zur Praxis oder wichtigen Räumen, ist eine Rampe zu bauen mit maximal 6 Prozent Steigung. Verursacht die Treppe eine Rampenlänge von 6 Metern, muss ein Zwischenpodest eingebaut werden. Ein zusätzliches Geländer ist dann Pflicht. Ob man an einer Treppe im Gebäude ergänzend einen Lifter installieren kann, sollte ein Fachmann mit dem Vermieter klären. Denn wird das Treppenhaus durch den Treppenaufzug zu schmal, ist der Fluchtweg zu eng.

Kosten, die nutzen

Der Weg zur Barrierearmut ist kompliziert, aufwendig und hängt von der Zielgruppe der Nutzer ab. Das schlägt sich auch bei den Kosten nieder. So kommt ein Umbau schnell auf 50.000 bis 90.000 Euro. Dabei ist zu unterscheiden, ob Treppenlift oder Türen nur angebracht werden oder eine Umgestaltung durch Vergrößern der Räume nötig ist. Zusätzlich kosten Genehmigungen, Vorbereitung oder Planung nochmals rund 20.000 Euro.

Hat man als Zahnarzt das nötige Geld, lohnt sich ein Neubau. Dabei sollte die Barrierearmut in die Planung mit einfließen. „Mit 15 Prozent zusätzlichen Kosten ist bei Neubauten zu rechnen. Wer nachbessert, muss tiefer in die Tasche greifen“, erklärt Praxisplaner Vogelmann. So berechnen Architekten von vorne herein einen Umbauzuschlag, da sie sich mit dem bestehenden Objekt auseinandersetzen müssen.

Wandel erkennen und handeln

Demografischer Wandel und Patientenkomfort sorgen für Nachfrage nach barrierearmen Lösungen. So sind laut Statistischem Bundesamt 7,6 Millionen Menschen in Deutschland körperlich schwer beeinträchtigt. 55 Prozent sind älter als 65 Jahre. Tendenz steigend. „Vor 15 Jahren hat das Thema Barrierearmut niemanden interessiert“, erzählt Brummer. Heute halten Patienten eine solche Ausstattung für selbstverständlich. „Sie gilt als Grundversorgung der Öffentlichkeit und dient einem guten Image“, stellt der Leipziger Unternehmer klar. Fehlen Zugänge oder Umbauten, dann blieben Patienten künftig einfach weg.

Hendrik Stuewe

Der Hamburger Hendrik Stuewe (Jahrgang 1991), ist gelernter Industriekaufmann, Journalist und Fotograf (www. haendrixen-pictures.com). Sein Terrain sind Gesundheits und Management-Themen, die sich in Therapeuten-, Mediziner- oder Fitness-Magazinen wiederfinden.

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