Meine Meinung

Gastkommentar

Die Metamorphose unserer Profession

Angesichts der zahlreichen Veränderungen, die auf unterschiedlichen Ebenen auf unseren zahnärztlichen Berufsstand einwirken, bedarf es keiner prophetischen Gabe, um festzustellen: Die orale Medizin in Deutschland steht vor vielfältigen und gewaltigen Herausforderungen.

Wir müssen uns auf die Alterungswelle vorbereiten

Und der Wandel ist von mehr als technologischem Fortschritt, Digitalisierung oder künstlicher Intelligenz getrieben. Weitere grundlegende Veränderungen innerhalb unserer Profession mit großen Auswirkungen in den kommenden Jahren sind die Feminisierung des Berufsstands, die wachsende Zahl von Praxen in der Hand von Fremdinvestoren (MVZ) und die schwindende Bereitschaft des beruflichen Nachwuchses zur eigenen Praxisgründung. Gesellschaftlich müssen wir uns auf die Alterungswelle einstellen, die mit der Babyboomer-Generation als künftige Rentner Mitte dieses Jahrzehnts erst richtig zum Tragen kommen wird.

Die Möglichkeiten intensiv nutzen

Dies sind die vielleicht markantesten Aspekte, die einen radikalen Wandel für die Zahnmedizin erwarten lassen. Die Vorteile der Digitalisierung etwa beim Röntgen oder im Praxismanagement sind nicht von der Hand zu weisen. Allerdings dürften die damit verbundenen hohen Investitionen für größere Praxisstrukturen wie MVZ deutlich leichter zu stemmen sein als für eine Einzelpraxis. Dennoch müssen wir die modernen Möglichkeiten intensiv nutzen! Wenn etwa künstliche Intelligenz bei der Bildanalyse kariöser Defekte eine fast um die Hälfte höhere Trefferquote erzielt als das menschliche Auge, können wir solche Entwicklungen – im Sinne der bestmöglichen Versorgung unserer Patienten – nicht einfach ignorieren.

Wie weit können unsere DH und ZMP eigenständig vor Ort und am Patienten agieren?

Wir sollten – besonders angesichts der wachsenden Zahl immobiler älterer und alter Patienten – ganz genau schauen, wie wir die Möglichkeiten der Digitalisierung auch in der Betreuung dieser Patientengruppe sinnvoll einsetzen können. Denn unser Ziel – die gesunde Mundhöhle – ist vor allem über die Prävention erreichbar. Hier könnten die neuen elektronischen Verfahren genauso eingesetzt werden wie in der häuslichen Zahnpflege oder der Vernetzung einer Praxis mit der häuslichen Pflege.

Auch bei der Betreuung von Patienten in Pflegeeinrichtungen könnte die Telemedizin für die Praxen eine gute Hilfe sein. Und natürlich müssen wir ausloten, wie weit unsere DH und ZMP unter Kontrolle des Praxisinhabers eigenständig vor Ort und am Patienten agieren können, um des bestehenden und zu erwartenden Bedarfs Herr zu werden.

Wir müssen mit einer Stimme sprechen

Ganz besonders müssen wir uns aber auch vor Dissonanzen in den eigenen Reihen wappnen. Einzelne Fachgebiete dürfen nicht in Versuchung kommen, den Berufsstand für ihre Interessen zu dominieren. Beispielhaft sei hier die Umsetzung der AO-Z und der dort gerade stattfindenden Kämpfe um die Präsenz einzelner Fächer im Lehrplan genannt. Wir müssen mit einer Stimme sprechen! Hier schließe ich mich dem Postulat des neuen DGZMK-Präsidenten, Prof. Dr. Roland Frankenberger an, der konstatiert: Es gibt nur eine Zahnmedizin!

Auch wenn Prävention bereits heute eine sehr dominante Rolle bei der Patientenbetreuung spielt – gleichzeitig aber noch längst nicht angemessen honoriert wird –, ihre Bedeutung wird noch weiter zunehmen. Aber auch jenseits aller Präventionsbemühungen – besonders in der Seniorenzahnmedizin – wartet auch weiterhin viel Arbeit auf Zahnärztinnen, Zahnärzte und ihre Praxisteams. Daran wird auch die Digitalisierung nichts ändern. Viel wird in Zukunft einfach davon abhängen, wie gut uns die gerade stattfindende Metamorphose unserer Profession vor dem Hintergrund all der skizzierten Herausforderungen gelingen wird.