Panorama

Interview

„Man muss den Zahnarztberuf lieben“

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Malteser

Seit 2013 behandelt Eleonore Höhler-Rokohl Menschen ohne Krankenversicherung ehrenamtlich. Unter den Patienten sind auch viele Kinder.

In Deutschland leben nach Schätzungen des statistischen Bundesamtes rund 80.000 Menschen ohne Krankenversicherung. Die in 19 deutschen Städten ansässige Malteser Migranten Medizin hat sich zum Ziel gesetzt, diesen Patienten eine diskrete und kostenlose medizinische Versorgung zu ermöglichen.

Die Anlaufstelle der Malteser im Kölner St. Hildegardis Krankenhaus bietet neben einer Kinder- und Erwachsenensprechstunde als eine der wenigen eine zahnmedizinische Sprechstunde an. Rund 1.500 Patienten, auch aus dem weiten Umland, werden hier jährlich behandelt. Die DZW sprach mit Zahnärztin Eleonore Höhler-Rokohl, in Rente und seit 2013 ehrenamtlich für die Migranten Medizin der Malteser im Einsatz, und Isabel Kraus, Praxismanagerin, über ihren ungewöhnlichen Berufsalltag.

Wer nimmt das Angebot der kostenlosen zahnärztlichen Behandlung in Anspruch?

Höhler-Rokohl: Die allermeisten unserer Patienten sind Menschen aus Osteuropa, die sich in Deutschland in prekären Arbeitsverhältnissen befinden. Mehr als die Hälfte von ihnen sind Arbeitsmigranten aus Rumänien oder Bulgarien. Der Anteil der Deutschen, die zu uns kommen, liegt unter 10 Prozent. Das sind zum Beispiel ehemalige Selbstständige, die mal gut durchs Leben gekommen sind und privat versichert waren. Ihnen bleibt der Weg zurück in die gesetzliche Krankenversicherung verwehrt. Es gibt etliche Organisationen, die für die Betroffenen kämpfen. Man muss manchmal heftiger auftreten, denn es ist nicht leicht, wieder in die gesetzliche Krankenkasse aufgenommen zu werden, aber möglich. Insgesamt ist unser Patientenkreis bunt gemischt. Wir haben schon Afrikaner, US-Amerikaner, Künstler und ausländische Studenten behandelt. Es mag sein, dass manche unserer Patienten illegal in Deutschland sind, aber danach fragen wir nicht. Unser Angebot richtet sich nicht an Flüchtlinge mit Aufenthaltsstatus. Sie sind in der Regel krankenversichert.

Was ist mit Wohnungslosen?

Höhler-Rokohl: Obdachlose nehmen unsere Dienste selten in Anspruch, sie setzen sich nicht ins Wartezimmer. Auf sie muss man zugehen.

Was unterscheidet Ihre Patienten von Otto Normalpatienten?

Höhler-Rokohl:  Zunächst einmal nichts. Sie sind Menschen wie alle anderen auch. Für sie gelten die gleichen Rechte. Schwierig ist manchmal die Sprachbarriere. Dann helfen wir uns im Kollegenkreis aus. Unsere Prophylaxefachkraft Gürcan Salper spricht Türkisch, Dr. Reissenberger Rumänisch. Oder man ruft mal ins Wartezimmer hinein, wer übersetzen kann. Oft sorgen die Patienten aber auch selbst für Dolmetscher, zum Beispiel aus der Familie. Wenn man mit ihnen in ihrer Muttersprache spricht, blühen sie sofort auf, gerade die Kinder. Da hilft ein tröstendes ei, ei auf Türkisch mehr als auf Deutsch.

Wie überwinden Sie kulturelle Barrieren?

Kraus: Bei Erwachsenen kommt es vor, dass Männer lieber von Ärzten und Frauen lieber von Ärztinnen behandelt werden möchten. Auch in der Zahnsprechstunde. Wir versuchen, auf die Wünsche einzugehen und die Religion der Patienten zu achten. Wenn es nicht geht, geht es halt nicht.
Höhler-Rokohl:  Die Kollegen organisieren sich untereinander. Jeder hat seine Patienten. Die männlichen Kollegen verweisen Kinder oft an die Zahnärztinnen.
Kraus: Wir stellen immer wieder fest, dass Frauen vor allem für Kinder eher Bezugspersonen sind.

Was unterscheidet Ihre Arbeit vom üblichen Praxisalltag?

Höhler-Rokohl:  Ehrenamt wird finanziell nicht honoriert. Man muss den Zahnarztberuf lieben und ein Herz haben. Es gibt viele zahnärztliche Hilfsprojekte im Ausland, aber eigentlich müssen wir nur hier sitzen und die Welt kommt zu uns. Wir reparieren und konservieren hauptsächlich. Die Arbeit ist stark chirurgisch geprägt. Wir ziehen Schrottwurzeln und sind auf Notfallbehandlungen spezialisiert. Wir begegnen in unserem Berufsalltag einem völlig anderen Hygieneverständnis als dem, wie wir es in Deutschland kennen. Schmerzende Zähne möchten viele Patienten sofort gezogen bekommen. Hauptsache raus damit. Das Verständnis ist hier einfach ein anderes als bei uns, wo Ästhetik eine große Rolle spielt. Wir beraten die Patienten dann und zeigen Möglichkeiten der Zahnerhaltung auf.  Hier hat man oft ein Problem mit der Termintreue. Wenn ein Patient zehn kariöse Zähne im Mund hat, wird dies nach und nach behoben. Im Sinne der Zahnerhaltung kann eine Behandlung entsprechend lange dauern. Wir versuchen, Verständnis dafür zu wecken, dass sanierende Maßnahmen nicht von jetzt auf gleich umsetzbar sind.

Mit welchen Krankheitsbildern werden Sie besonders häufig konfrontiert?

Höhler-Rokohl: Die Zähne bleiben im Mund, bis sie nur noch Ruinen sind. Unsere Patienten kommen oft erst zu uns, wenn die Schmerzen unerträglich werden und die Zähne nicht mehr zu retten sind. Zahnerkrankungen, die durch mangelnde Hygiene entstehen, sind das größte Problem.

Wie helfen Sie Kindern? Dort kann man doch sicher noch viel präventiv bewirken.

Kraus: Das ist leider nicht so einfach, wie es klingt. Viele Verhaltensweisen, zum Beispiel der Konsum zuckerhaltiger Getränke im Kleinkindalter, sind eingeschliffen. Es gibt Haushalte, in denen es nicht eine Zahnbürste gibt.
Höhler-Rokohl: Wenn Eltern ihrem Kind, bis es drei ist, antrainieren, immer an einer Flasche mit Süßem zu nuckeln, sind die Milchzähne kaputt. Es klingt rabiat, aber da muss man einem kleinen Würmchen schon mal alle Milchzähne ziehen.
Kraus: Leider sehen es manche Eltern nicht ein, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Viele unserer Patienten sind Überlebenskünstler, aber Zahnhygiene ist für sie einfach uninteressant. Manchmal weiß man auch nicht, wie diese Menschen leben. Einige sind Analphabeten. Die Kinder gehen unregelmäßig zur Schule. Aber auch die beste Aufklärung dort bringt nichts, wenn es zu Hause dann nicht gelebt wird.

Spielen Verletzungen durch Gewalteinwirkungen in Ihrem Praxisalltag eine Rolle?

Höhler-Rokohl: Es kommt vor. Gerade bei Front- oder Schneidezahntraumata oder wenn Zähne locker sind, kann man davon ausgehen, dass Gewalt im Spiel war. Häusliche Gewalt wird nicht zugegeben. Oft sind es auch die Spätfolgen, die wir behandeln. Akute Fälle kommen bei uns, anders als in der regulären Praxis, sehr selten vor. 

Drogen nehmen nachweislich negativen Einfluss auf die Zahngesundheit. Welche Rolle spielt dieses Problem?

Höhler-Rokohl: Auf jeden Fall eine größere Rolle als Gewalt. Wenn wir ein Drogenproblem feststellen, sprechen wir den Patienten gezielt an. Wir können vor allem Menschen, die sich ihrer Sucht stellen, zum Beispiel durch die Teilnahme am Methadon-Programm, gut helfen. Wenn einer noch drauf ist, ist oft nur die Notbehandlung möglich. Ein großes Problem ist die Vernachlässigung der Mundhygiene und ihre Folgen.
Kraus: Alkohol und Nikotin nicht zu vergessen. Auch diese Drogen hinterlassen Spuren an den Zähnen.  

Wie klären Sie Ihre Patienten auf?

Kraus: Wir verteilen Zahnbürsten und Zahnpasta, aber das Thema Prophylaxe ist mühselig. Wenn sich einer 30 Jahre lang nicht die Zähne putzt, wird er nach 31 Jahren kaum damit anfangen. Wenn wir Zeit haben, beraten wir die Patienten zum Thema Mundhygiene. Allerdings haben wir ein personelles Problem.

Inwiefern?

Höhler-Rokohl: Im Ehrenamt ist es ein Kommen und Gehen. In der Zahnmedizin sind wir mit zehn Kollegen gut aufgestellt. Bei der Assistenz benötigen wir dringend Hilfe. Im Moment arbeiten hier zwei gelernte Zahnmedizinische Fachangestellte und zusätzlich eine dritte Fachkraft. Das ist zu wenig. Die Tätigkeit eignet sich für Wiedereinsteiger oder Menschen mit medizinischem Hintergrund, die ehrenamtlich arbeiten möchten. Anders als in der normalen Praxis gibt es bei uns keine Hierarchien. Auch die Zahnärzte übernehmen Aufgaben der Assistenz.

 

Kraus_Malteser
Malteser

Multitasking: Isabel Kraus (links) organisiert die Praxis und assistiert am Stuhl. In der zahnmedizinischen Praxis der Malteser wird kein Wert auf Hierarchien gelegt.

Welche medizinischen Fälle sind besonders herausfordernd?

Kraus: Die Menschen kommen sehr spät zu uns. Es kam schon vor, dass die Zähne derart vereitert waren, dass die Entzündung zu äußerlich sichtbaren Kieferzysten geführt hatte.
Höhler-Rokohl: Zahnmedizinische Probleme kombiniert mit anderen, schwerwiegenden Krankheiten, zum Beispiel einer offenen Tuberkulose, sind eine Herausforderung. Auch Hepatitis ist ein Problem. Oft wissen die Patienten nicht, dass sie erkrankt sind, oder sie erzählen es uns nicht. Außerdem kann es belastend sein, klassischen Frustrationspatienten, zum Beispiel mit unerklärlichen Gelenk- oder Nervenschmerzen, nicht helfen zu können. Wir arbeiten mit Internisten zusammen, aber aufgrund der begrenzten Mittel, die uns zur Verfügung stehen, stoßen wir hier an unsere Grenzen.

Wer bezahlt zahntechnische Leistungen?

Höhler-Rokohl: Eine komplizierte Prothetik ist für uns nicht finanzierbar, deshalb können wir sie nicht anbieten. Unsere Patienten sind auf die Spenden der Zahnlabore angewiesen. Wir sind über jede Zuwendung dankbar, aber wenn man sich den Bedarf anschaut, sind sie ein Tropfen auf den heißen Stein. Es wäre wünschenswert, wenn noch mehr Labore ein Kontingent für Zahnersatz zur Verfügung stellen würden.
Kraus: Zahnhygiene nimmt in Deutschland im sozialen Leben einen großen Stellenwert ein. Gerade bei jungen Menschen sind sichtbare Zahnlücken ein Problem, vor allem bei der Eingliederung in den Arbeitsmarkt.

Wie entscheiden Sie, wer welchen Zahnersatz bekommt?

Höhler-Rokohl: Das ist kein einfaches Thema. Meist beraten wir im Kollegenkreis darüber. Kleinere Wiederherstellungsmaßnahmen oder der Ersatz einzelner Zähne haben Vorrang.

 

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Malteser

In der zahnärztlichen Sprechstunde der Malteser Migranten Medizin wechseln sich zehn ehrenamtliche Zahnmediziner ab. Hier behandelt Dr. Peter Urbanowicz eine Patientin. 

 

Wie bekommen bedürftige Menschen mit, dass es die Sprechsunde gibt?

Höhler-Rokohl: Zufällig. Wenn unsere Patienten nicht mit anderen Organisationen in Verbindung stehen, die uns empfehlen, über Freunde, Familie oder Bekannte, die sich in einer ähnlichen Situation befinden.

Ist ein Ausbau des zahnmedizinischen Angebots bei der Malteser Migranten Medizin geplant?

Kraus: Das ist eine Frage der Finanzierung. In Köln finanzieren wir uns komplett über Spenden, in anderen Städten läuft die Finanzierung über das Erzbistum oder die Stadt, das ist ganz unterschiedlich.  Natürlich muss auch Personal da sein, das ehrenamtlich arbeitet.