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Der Kommentar

Der Winter naht – auch in diesem Jahr wieder völlig unerwartet

Von Chefredakteur Marc Oliver Pick
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Von Chefredakteur Marc Oliver Pick

Das Motto des „Freedom Day“, also dem selbsterklärten Ende der Corona-Pandemie, wurde – im Nachhinein betrachtet – vielleicht doch zu früh ausgerufen. Es war ja auch kaum damit zu rechnen, dass sich ein Virus eventuell nicht daran halten würde. Auch, dass es die Menschen bei sinkenden Temperaturen wieder verstärkt ins Warme ziehen könnte, war in dieser Ausprägung kaum vorauszusehen.

Mangel an Konzepten und entschlossenem Handeln

Jetzt allerdings stehen wir wieder einmal vor dem Phänomen, dass uns die In­zi­denzen um die Ohren fliegen, es an zielführenden Konzepten und entschlossenem Handeln aber mangelt. Die gute Nachricht ist immerhin, dass die Krankenhäuser, und dort speziell die Intensivstationen, anders als um die gleiche Zeit vor einem Jahr, trotzdem noch nicht am Rande des Kollapses stehen – noch nicht beziehungsweise noch nicht überall.

Bayern ruft den Katastrophenfall aus, ein anderes Bundesland denkt laut über die Totalabsage aller Weihnachtsmärkte nach. Zur selben Zeit im Rheinland wurde fröhlich-trotzig der 11. 11. als Beginn der neuen Karnevals-Session gefeiert – wenn auch in Köln ohne das Dreigestirn, da der Prinz wegen einer Corona-Infektion verhindert ist (gute Besserung nach Köln!).

Vierte Welle kommt gerade richtig in Schwung

Eine kurzfristig vor wenigen Wochen gestartete bundesweite Impfkampagne konnte wenig bis gar nichts daran ändern, dass der Impffortschritt einfach nicht wieder in die Gänge kommen will, Impfunentschlossene kaum zur Impfung motiviert werden konnten. Die Kampagne konnte auch nicht die Heftigkeit der vierten Welle brechen, die gerade richtig in Schwung kommt. Zurzeit liegt die Durchführung der Impfungen wegen geschlossener Impfzentren bei den Hausärzten und mobilen Impfteams. Getestet wird gleichzeitig vergleichsweise wenig, weil Tests seit Oktober kostenpflichtig sind. Und der Chef des Weltärztebundes, Prof. Dr. Frank Ulrich Montgomery, spricht öffentlich von einer „Tyrannei der Ungeimpften“ …

Wie kann es sein, dass das Durcheinander erneut ein solches Ausmaß annimmt? Dafür gibt es wohl gleich mehrere Gründe: Zum einen hält sich ein Virus nicht an Wunschszenarien, die politisch motiviert zur Grundlage von Strategien gemacht werden. Das Virus wartet nicht ab, es mutiert – Ergebnis ist unter anderem eine Delta-Variante, die infektiöser ist als der ursprüngliche Wildtyp des Virus.

Virus hält sich nicht an Wunschszenarien

Dagegen helfen uns zwar sämtliche in Deutschland zugelassenen Impfstoffe, aber deren Wirkung lässt im Zeitverlauf schnell nach. Wer früh geimpft wurde, läuft jetzt also als erster Gefahr, einen nur noch geringen und weiter schwindenden Schutz zu genießen. Und wer wurde in Deutschland mit Prio 1 geimpft? Und, für die Praxen noch wichtiger, wer wurde danach in Prio-Gruppe 2 geimpft?

Unterschiede im Tempo der nachlassenden Wirksamkeit gibt es zudem zwischen den verschiedenen Impfstoffen. Eine Einmal-Dosis Janssen kam mir zwar im Juni entgegen, jetzt empfiehlt mir die Corona-App, zeitnah meinen Hausarzt zwecks Booster zu kontaktieren …

Trügerischen Gefühl von Sicherheit

Schließlich ist es auch der Status des vollständig geimpften Impflings, per Zertifikat nachweis- und jederzeit vorzeigbar, der viele Geimpfte in einem trügerischen Gefühl von Sicherheit wiegt. Zwar ist die Wahrscheinlichkeit eines schweren Krankheitsverlaufs zumindest kurze Zeit nach der Impfung geringer, dieser Effekt aber nimmt stetig ab. Das Virus weitergeben kann jeder Geimpfte sowieso. Vor einer „Pandemie der Ungeimpften“ zu sprechen, ist also schlicht falsch. Es ist einfach frustrierend, dass die aktuelle Entwicklung zwar schon im Sommer für Herbst und Winter prognostiziert wurde, aber kaum zielführende Konsequenzen erfolgt sind.

Mittlerweile sollte es sich herumgesprochen haben, dass die Zahnarztpraxis so ziemlich der sicherste Ort ist, den man zurzeit aufsuchen kann. Zielführend ist dieser Besuch allemal, trägt er doch entscheidend zur Gesamtgesundheit bei.