Zahnmedizin

Mundhöhlenkrebs

Früherkennung ist überlebenswichtig

Vigilant Biosciences

Bestimmte Faktoren können das Risiko, an Mundkrebs zu erkranken, begünstigen.

Mehr als 13.800 Menschen erhalten in Deutschland jährlich die Diagnose Mundhöhlenkrebs. In rund 5.500 Fällen verläuft die Krankheit tödlich und die Überlebensrate hat sich in den vergangenen Jahren nur minimal verbessert. Das liegt vor allem daran, dass die Krankheit oft zu spät diagnostiziert wird und dann nur schlecht auf die gängigen Therapien anspricht. Umso wichtiger ist die Früherkennung: Eine rechtzeitige Diagnose kann die Chancen auf Heilung nahezu verdoppeln und damit Leben retten.

Mit weltweit mehr als 657.000 diagnostizierten Fällen und fast 330.000 Todesfällen pro Jahr ist Mundhöhlen- und Rachenkrebs eine globale Herausforderung. [1] Die Weltgesundheitsorganisation geht bis ins Jahr 2030 sogar von einem Anstieg auf jährlich 856.000 aus. Zu mehr Aufmerksamkeit für das Krankheitsbild haben in den vergangenen Jahren prominente Beispiele geführt: So erkrankte Rockmusiker Eddi van Halen im Jahr 2000 an Zungenkrebs und ließ zwei Drittel seiner Zunge entfernen. Vor zehn Jahren machte Schauspieler Michael Douglas seine Erkrankung an Rachenkrebs öffentlich.

Höheres Risiko für Männer

Die Krebsarten im Kopf- und Halsbereich sind zu 90 Prozent Plattenepithelkarzinome, die in derSchleimhaut von Mundhöhle und Oropharynx entstehen. Für Männer steht Mundhöhlenkrebs bei den bösartigen Tumoren an siebter Stelle – mit steigender Tendenz – und die meisten Betroffenen sind zwischen 55 und 65 Jahren alt. Demgegenüber haben Frauen zwar ein geringeres Risiko, doch im Alter von 50 bis 75 Jahren ist das Risiko für Mundhöhlenkrebs auch bei ihnen höher. Während es bei Männern häufiger zu Tumorbildungen am Mundboden, an der Zunge und im Rachen kommt, sind bei Frauen eher die Lippen und Speicheldrüsen betroffen – Bereiche mit einer günstigeren Prognose. [2]

Tumorbildung als Spätfolge einer HPV-Infektion

Auch bei jüngeren Menschen haben die Krankheitsfälle zugenommen, was Experten auf die Verbreitung des Humanen Papillomvirus (HPV) zurückführen. Dieser Erreger wird durch den direkten Haut- bzw. Schleimhautkontakt übertragen und verursacht Geschlechtskrankheiten. Eine späte Folge kann die HPV-bedingte Tumorbildung in der Schleimhaut sein. HPV-assoziierte Erkrankungen haben zwar eine bessere Prognose, allerdings müssen die jüngeren Patienten oft mit den Langzeitfolgen von Erkrankung und Behandlung leben.Dazu können sichtbare Entstellungen im Gesicht sowie Beeinträchtigungen der Sprache und Schluckbeschwerden gehören.

Vielfältige Symptome

Die Symptome, die auf eine Erkrankung hinweisen, sind vielfältig. Das können weißliche oder roten Flecken im Mund sein, nicht verheilende Wunden oder auch Schwellungen im Mund, Halsschmerzen und Schluckbeschwerden, Mundgeruch und Probleme mit den Zähnen, aber auch Ohrenschmerzen, Veränderungen der Stimme oder das Empfinden eines Fremdkörpers im Hals.

Früherkennung für eine bessere Überlebensrate

Weltweit liegt die Überlebensrate bei Mundhöhlenkrebs bei 50 Prozent, was vor allem aus zu späten Diagnosen resultiert. Demgegenüber führt die Früherkennung in Stadium I und II zu Überlebensraten von bis zu 90 Prozent. Vor allem asymptomatische Verläufe führen dazu, dass mehr als die Hälfte der Diagnosen erst im Stadium III und IV erfolgt. Dann liegt die Fünf-Jahres-Überlebensrate in Deutschland für Männer bei ca. 47 Prozent, für Frauen bei 63 Prozent. [3]

Größter Risikofaktor: Tabak- und Alkohlkonsum

Auch wenn prinzipiell jeder an Mundhöhlenkrebs erkranken kann, gilt das Rauchen von Tabak nach wie vor als größter Risikofaktor. Die Tumore treten dann vor allem am Mundboden, an der Zunge, den Tonsillen (Mandeln) und am Zungengrund auf. Auch übermäßiger Alkoholkonsum ist ein Risikofaktor und wirkt in Kombination mit Tabakkonsum synergetisch. In vielen Teilen Asiens und in asiatischen Migrantengruppen ist das Kauen von Betel Quid Tradition. In diesem Zusammenhang tritt Mundhöhlenkrebs häufiger an Zunge und Wangenschleimhaut auf.
Darüber hinaus kann eine Vielzahl anderer Faktoren die Erkrankung bedingen, von unterschiedlichen Umweltfaktoren, Passivrauchen und ungesunder Ernährung über mangelnde Mundhygiene bis hin zu Immundefiziten.

Mundschleimhaut im Fokus der Vorsorgeuntersuchung

Zahnärzte spielen für die Früherkennung eine wichtige Rolle. So können routinemäßige Vorsorgeuntersuchungen mit vollständiger Schleimhautinspektion das Risiko minimieren, Veränderungen zu übersehen. Zur Vorsorgeuntersuchung gehört dabei das Abtasten der verschiedenen Bereiche - des äußeren Kopfes und Halses einschließlich Unterkiefer, Hals, Drüsen und Lymphknoten sowie der Mundhöhle und Zunge, Wangen, Mundboden und -dach sowie Lippen bis hin zum hinteren Teil des Rachens mit Mandeln und Zungengrund. Im Fokus stehen klinische Merkmale von oralen Läsionen. Im Verdachtsfalls können potentiell bösartige Veränderungen mittels Biopsie von Mundschleimhauterkrankungen mit gutartiger Ursache unterschieden werden.

Technologien der oralen Zytologie zur Früherkennung 

Darüber hinaus nutzen Zahnärzte in der klinischen Praxis Technologien der oralen Zytologie. Autofluoreszenz basiert auf veränderten Wechselwirkungen von Licht mit Epithel und Stroma aufgrund von Veränderungen in Struktur und Stoffwechsel. Bei der Chemilumineszenz-Technologie kommt eine Mundspülung mit einprozentiger Essigsäurelösung zum Einsatz, bevor die Mundschleimhaut unter diffusem, chemilumineszentem, blau-weißem Licht betrachtet wird. Abnorme Zellen der Schleimhaut absorbieren dieses Licht anders als gesunde Zellen. Bei der Toluidinblau-Färbung kommt ein vitaler Farbstoff zur Identifikation von Schleimhautanomalien in Mund und Rachen zum Einsatz.
Auch die Untersuchung von Speichel-Biomarkern spielt eine zunehmende Rolle. Sie basiert darauf, dass Körperflüssigkeiten wie Speichel Veränderungen in der microRNA anzeigen, die mit Plattenepithelkarzinomen assoziiert sind. Nichtinvasive Speicheltests stehen bereits kurz vor der Markteinführung. Sie können Zahnärzte künftig bei der Früherkennung unterstützen. Der Patient bekommt damit in kürzester Zeit Informationen zu einer ersten Inzidenz – ein wichtiger Schritt für die Verbesserung der Überlebensraten bei Mundhöhlenkrebs.

Literatur:
[1] WHO, World Health Organization, 2019, www.who.int

[2] Zentrum für Krebsregisterdaten, Robert Koch Institute Germany (www.krebsdaten.de -> Kapitel aus “Krebs in Deutschland” Mundhöhle und Rachen-COO-C14)
[3] Pereira LH, Reis IM, Reategui EP, Gordon C, Saint-Victor S, Duncan R, Gomez C, Bayers S, Fisher P, Perez A, Goodwin WJ, Hu JJ, Franzmann EJ. Risk Stratification System for Oral Cancer Screening. Cancer Prev Res (Phila). 2016 Jun;9(6):445-55

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