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Weltfrauentag: Genderunterschiede in der Medizin

Studie: Deutsche wünschen sich stärkere Beachtung

Geschlechterunterschiede in der Medizin – dieses Thema ist in der Mitte der Bevölkerung angekommen. Laut einer neuen repräsen­tativen Studie der Pronova BKK wissen neun von zehn Deutschen, dass Männer für bestimmte Erkrankungen ein anderes Risiko haben als Frauen. Mehr als acht von zehn Menschen sind zudem überzeugt, dass auch Krankheitssymptome geschlechterspezifisch sind. Gleichzeitig erhalten 67 Prozent der 1.000 Befragten von Ärzten keine Informationen über unterschiedliche Wirkungen von Medikamenten auf Frauen und Männer. Aus Sicht der Befragten wird dies weder in der Forschung noch im Arztgespräch ausreichend berücksichtigt.
Abhilfe könnten mehr Informationen über geschlechterspezi­fi­sche Unterschiede und ein entsprechendes Handeln der Politik schaffen. Mit 88 Prozent glauben besonders viele Frauen, dass bei ihrem Geschlecht andere Symptome auftreten. 79 Prozent der Männer sind gleicher Ansicht.

Frau­en zeigen häufig ganz andere Symptome

„Die medizinische Forschung ori­e­ntiert sich am männlichen Norm­körper“, bestätigt Prof. Dr. Oertelt-Prigione, Inhaberin von Deutsch­lands erster Professur für die geschlechtersensible Medizin: „Frau­en zeigen bei den gleichen Erkrankungen aber häufig andere Symptome. So sind bei Männern die klassischen Symptome für einen drohenden Herzinfarkt starke Brustschmerzen, junge Frauen können in dieser Situation unter Übelkeit und Schwindel leiden. Asthma zeigt sich bei Jungen durch Geräusche beim Atmen, bei Mädchen oft durch trockenen Hus­ten.“ Bei der Diagnose von Erkrankungen, aber auch bei der Behandlung sei es sehr wichtig, dass Ärzte geschlechtsspezifische Unterschiede berücksichtigen.

„Frauen leiden generell öfter un­­ter Nebenwirkungen von Arzneimitteln. Gleichzeitig können Medikamente bei Frauen aufgrund von Körpergröße, Gewicht und Hor­mo­nen anders wirken als bei Männern“, so Oertelt-Prigione. „Wir haben bei klinischen Studi­en zu Coro­na festgestellt, dass das Geschlecht kaum beachtet wurde, obwohl längst bekannt war, dass Männer und Frauen unterschiedlich betroffen sind – es hatte sich einfach so etabliert und war gesellschaftlich akzeptiert. Inzwischen sehen wir bereits einen Wandel bei der Auswahl der Probanden für Studien. Die geschlechterspezifische Analyse erfolgt aber weiterhin zu selten.“

Ärzte, Pharmafirmen und der Gesetzgeber gefordert

Auch die Pharmaindustrie sollte nach Ansicht von 87 Prozent der Deutschen ihre Packungsbeila­gen anpassen und dort klar auf die Unterschiede bei der Verwendung durch Männer und Frauen hin­weisen. 86 Prozent der Befragten sehen den Gesetzgeber in der Pflicht, klare Vorgaben zu einer geschlechterangepassten Gesundheitsversorgung zu machen. „Hier wird sich erst etwas verändern, wenn es klare Regularien gibt. Beispielsweise muss die Politik dafür sorgen, dass nur noch Studien finanziert werden, die das Geschlecht berücksich­tigen“, erklärt Oertelt-Prigione. „Dort wo die Datenlage bereits gut ist, wie in der Kardiologie, können Leitlinienveränderungen ange­scho­ben und Therapien geschlechterspezifisch angepasst werden.“

Im Gespräch mit Ärzten wird besonders von Frauen mangelnde Transparenz beklagt: Nur 26 Prozent sagen, ihr Arzt habe sie über die unterschiedlichen Wirkungen von Medikamenten aufgeklärt – im Unterschied zu 40 Prozent der Männer. Insgesamt haben zwei Drittel der befragten Frauen und Männer keine entsprechende Auskunft bei der ärztlichen Behandlung erhalten.