Meine Meinung

Der Kommentar

Die Herausforderungen sind die Eltern, nicht die Kinder

Von Chefredakteur Marc Oliver Pick
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Von Chefredakteur Marc Oliver Pick

Im Kampf gegen frühkindliche Karies hat die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung einen großen Erfolg erzielt. Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) hat beschlossen, Kleinkindern bereits ab dem sechsten Lebensmonat Untersuchungs- und Prophylaxemaßnahmen zu ermöglichen. Damit konnte eine empfindliche Lücke im Präventionskonzept geschlossen werden. Im Verbund mit der Empfehlung der zahnmedizinischen Wissenschaft, die Fluoridgehalte von Kinderzahnpasten auf 1.000 ppm zu erhöhen, sind damit jetzt zwei wichtige Bausteine für mehr Zahngesundheit bei bis zu dreijährigen Kindern geschaffen worden.
Fakt ist, dass fast alle Altersgruppen in Deutschland von den bisherigen Prophylaxemaßnahmen enorm profitieren, das Kariesaufkommen seit Jahren sinkt. Fast, weil es eine Altersgruppe gibt, bei der sich dieser Erfolg nicht einstellen will: in der Gruppe der Klein- und Kleinstkinder. Rund 15 Prozent der Kinder unter drei Jahren haben Karies (in sozialen Brennpunkten sind es bis zu 40 Prozent), womit Deutschland, bezogen auf die Zahngesundheit dieser Altersgruppe, hinter den Ergebnissen zum Beispiel der Nachbarländer Dänemark, England und Frankreich zurückbleibt.

Dies wird sich möglicherweise ab Juli dieses Jahres ändern, wenn Kinder ab dem sechsten Lebensmonat bis zur Vollendung des 34. Lebensmonats Anspruch auf zusätzliche Früherkennungsuntersuchen und – bei zahnärztlich festgestelltem Bedarf – Fluoridierungsmaßnahmen haben. So weit, so gut.
Für die Zahnärztinnen und Zahnärzte wird dies eine ganz besondere Herausforderung sein, denn Kinder, sagen wir im Alter von sechs Monaten, dürften keine einfachen Patienten sein. Sicher gibt es Strategien, wie man auch Kleinstkinder, Säuglinge, dazu bewegt, den Mund zu öffnen, um sich einen Überblick über die Zahngesundheit – soweit Zähne vorhanden sind – zu verschaffen.

Die größere Herausforderung aber dürften die Eltern dieser Kinder sein, denn diese sind die eigentlichen Adressaten zahnärztlicher Aufklärung. Mütter und Väter müssen überzeugt werden – Stichwort „motivational interviewing“ –, ihren Kindern weniger Zucker zum Beispiel in Form gesüßter Getränke anzubieten, müssen angehalten werden, mit ihren Kindern regelmäßig die Zähne zu putzen und regelmäßig den Zahnarzt aufzusuchen. Auch wenn diese Beratung anspruchsvoll ist und weit in die Ernährungsberatung reicht, stellt dies schon den Idealfall dar, denn diese Eltern haben einen wichtigen Schritt getan, wenn sie mit ihren Kindern den Zahnarzt aufsuchen.

Was aber ist mit den Eltern aus den sogenannten „bildungsfernen Milieus“, die trotz einer frühkindlichen Kariesproblematik vermutlich erst gar nicht den Weg in eine Zahnarztpraxis finden werden? Oder die erst dann in die Praxis kommen, wenn das Kind bereits über Zahnschmerzen klagt oder der Kariesbefall selbst für Laien offensichtlich ist? Hier sind zusätzlich zu den neuen Früherkennungsuntersuchungen und erhöhten Fluoridgehalten in Kinderzahnpasten weitere Bausteine gefragt, um auch diese Eltern zu erreichen. Dies könnten zum Beispiel Konzepte sein, wie sie der Deutsche Arbeitskreis für Jugendzahnpflege (DAJ) 2017 in seinem Gutachten „Epidemiologische Begleituntersuchungen zur Gruppenprophylaxe 2016“ angeregt hat. Im vorgeschlagenen Aktionsplan „Prävention im Milchgebiss“ werden konkrete Vorschläge genannt, etwa die noch stärker aufsuchende Betreuung in den Brennpunkten. Diese dritte Säule erfolgreicher Prävention funktioniert nur dann, wenn neben Zahnärzten und Eltern alle Akteurinnen und Akteure der Gruppenprophylaxe einbezogen werden.

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