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Der Kommentar

Corona-Maßnahmen: Ein Blick auf die Nachbarn

Von Chefredakteur Marc Oliver Pick
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Von Chefredakteur Marc Oliver Pick

Am vergangenen Freitag hat der Bundesrat wider Erwarten dem Corona-Maßnahmenpaket der Ampel zugestimmt. Geplant ist – auch wenn die epidemische Lage nationaler Tragweite mittlerweile ausgelaufen ist – ein ganzes Maßnahmenbündel mit 2-G- und 2-G-Plus-Regeln je nach Erreichen beziehungsweise Überschreiten bestimmter Grenzwerte, einer teilweisen Impfpflicht für im Pflegebereich Beschäftigte, 3G im öffentlichen Personennahverkehr und am Arbeitsplatz etc. Eine generelle Impfpflicht soll es allerdings nach wie vor – bis auf Weiteres zumindest – nicht geben.

Entscheidend soll künftig die Hospitalisierungsinzidenz sein, wenn es um Maßnahmen geht, die von einzelnen Bundesländern genutzt werden können, etwa ­regionale Lockdowns. Generelle, bundesweit verpflichtende Lockdowns sind nicht mehr vorgesehen.

Hospitalisierungsinzidenz neuer maßgeblicher Indikator

Mit der Hospitalisierungsinzidenz wurde ein neuer maßgeblicher Indikator beschlossen, der je nach Höhe Maßnahmen rechtfertigen soll. Das Problem daran ist allerdings, dass diese Zahl immer eine Betrachtung der Vergangenheit ist, man auch künftig nur reagieren kann, ohne vorbeugend aktiv tätig werden zu können. Das liegt einerseits in der Natur der Sache, hat aber nicht unwesentlich auch mit den ­veralteten und zu langsamen Meldeketten zu tun, die in Deutschland immer noch an der Tagesordnung sind.

Angesichts der immer dramatischer ­verlaufenden Entwicklung der Pandemie – Bundesgesundheitsminister Jens Spahn in der PK vom vergangenen Freitag: „Wir sind in einer nationalen Notlage“ – bleibt es fraglich, ob die beschlossenen Maßnahmen ausreichen werden, die vierte Welle zu brechen. Klar ist schon jetzt, dass selbst die Spontanimpfung aller Nichtgeimpften plus maximaler Booster-Rate nichts mehr an der kurzfristigen Entwicklung ändern werden.

Wielers Frustration brach sich Bahn

Das hatte RKI-Präsident Lothar Wieler in seiner Brandrede einen Tag zuvor mehr als deutlich gemacht. Lothar Wieler steht sonst eher nicht unter Verdacht, emotional zu werden. Dass der Grad seiner Frustration sich jetzt so offen Bahn bricht, ist schon bemerkenswert. Wieler sagte, bei einer Rate von 0,8 Prozent Infizierten, die an Covid-19 sterben, bedeuteten aktuell 52.000 Infizierte, dass etwa 400 Patienten sterben werden. „Und was mir wichtig ist, das müssen alle, die jetzt zuhören, ganz klar begreifen: Daran gibt es nichts mehr zu ändern! Wir können das nicht mehr ändern.“ Seine Schlussfolgerung: „Es muss jetzt Schluss sein, dass irgendwer irgendwelchen anderen Berufsgruppen aufgrund von irgendwelchen Umständen nicht ­gestattet zu impfen. […] Jeder Mann und Maus, die impfen kann, soll gefälligst impfen. Sonst kriegen wir diese Krise nicht in den Griff.“

Für genau eine solche Unterstützung steht die Zahnärzteschaft, so die Bundeszahnärztekammer, (erneut) bereit. „Wenn es gewünscht ist, unterstützen wir gerne die ärztliche Kollegenschaft, um Tempo in die Booster-Impfungen zu bringen und diese flächendeckend anzubieten. Wir müssen alle verfügbaren Kräfte bündeln, um die vierte Corona-Welle zu brechen. Das schützt Menschenleben“, sagte Prof. Dr. Christoph Benz, Präsident der Bundeszahnärztekammer. Ein starkes Signal Richtung Berlin. Noch haben Zahnärztinnen und Zahnärzte keine Befugnis, selbst zu impfen, es gilt der Arztvorbehalt. Die Zustimmung der Ärzteschaft vorausgesetzt müsste also eine Ausnahmeregelung her, notfalls eben zeitlich befristet. Impfungen durch Zahnärzte würden zwar zwangsläufig große organisatorische Umstellungen bedeuten, nicht jede Praxis wird das leisten können, aber der Einsatz wäre freiwillig.

Österreich wird erneut in einen Lockdown ­gehen

Zurück zum Maßnahmenkatalog: Österreich wird erneut in einen Lockdown ­gehen. Zeitlich soll dieser auf 20 Tage ­beschränkt sein – zumindest für Geimpfte und Genesene. Gleichzeitig soll es im ­Februar 2022 eine Impfpflicht geben …

Da der Blick in die Zukunft, gerade in der aktuellen Situation, schwerfällt: Vielleicht lohnt ein Blick auf Österreich, um herauszufinden, welche Maßnahmen taugen könnten, um die derzeitige vierte Welle zu brechen. Meint Jens Spahn vielleicht das, wenn er sagt „Wir sind in einer Lage, wo wir nichts ausschließen sollten“?

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