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Wer frei sein will, muss loslassen können

Kommentar von Dr. Jan H. Koch zu Qualifikation und Delegation in der geriatrischen Oralmedizin

Die Mundhygiene und -gesundheit betreuungsbedürftiger und immobiler Menschen ist häufig schlecht. Folgen sind stark reduzierte Lebensqualität und im schlimmsten Fall schwere und lebensgefährliche Erkrankungen. Das gilt trotz aller Bemühungen zahnärztlicher Organisationen und eines Teils der Zahnärzteschaft – und eine durchgreifende Verbesserung ist nicht in Sicht.

Ursachen wurden kürzlich auf den Tagungen der DGAZ in Köln und der DG Paro in Garching bei München immerhin klar benannt: zu geringe Quantität und Qualifikation bei Fachpersonal und Mängel in der zahnmedizinischen Ausbildung, eingeschränkte Delegationsmöglichkeiten zum Beispiel in der Parodontitistherapie, mangelhafte Strukturen für die Umsetzung des Versorgungsauftrags, besonders bezüglich barrierefreier Praxen oder nachhaltiger Konzepte für die aufsuchende Behandlung.

Verharren in der eigenen Spielfeldhälfte

Leider bleibt die Zahnärzteschaft bei allen Punkten in weiten Bereichen ineffektiv. Das hat vielschichtige Gründe. Ein sehr zentraler ist der angesprochene Mangel an qualifiziertem Personal. Fortbildungen für präventive, parodontologische und verwaltungsbezogene Aufgaben belasten Praxen durch Ausfallzeiten und schwierig zu moderierende Veränderungen im Team. Obwohl Fortbildungskosten weitgehend übernommen werden, scheinen die kammerbasierten Aufstiegsfortbildungen weder für Praxisinhaberinnen noch für das Personal attraktiv zu sein.

Abhilfe könnten hier, wie bereits in einigen anderen Ländern, an Universitäten angesiedelte Studiengänge zu Diplom-DHs schaffen, die den Kompetenzbereich wesentlich erweitern. Sie könnten das Berufsbild aufwerten und sollten auch zu besserer Bezahlung führen. Denkbar ist eine Akademisierung wie in der Pflege, die auch die Forschung und Lehre (Lehrpraxen wie die von Dr. Dominik Niehues) über praxisbasierte Projekte voranbringen kann. Für einfachere Prophylaxeaufgaben genügen sicher bisherige Ausbildungswege.

Mehr delegieren, konsequent überwachen

Verschärft wird die für alle Seiten frustrierende Situation durch den sehr engen Delegationsrahmen, der abgesehen von Mundhygienemaßnahmen keine eigenständigen Leistungen aufsuchender „Assistenz“-Fachkräfte erlaubt. Auch hier könnte eine bessere Qualifikation in Kombination mit telemedizinischer Technik neue Möglichkeiten schaffen, sodass gut qualifizierte Fachkräfte „ihren“ Patienten in Pflegeeinrichtungen und zu Hause auch ohne ärztliche Begleitung substanziell helfen könnten, einschließlich zum Beispiel parodontaler Diagnostik und Nachsorge.

Will die Zahnärzteschaft frei bleiben, muss sie auch loslassen können, mehr Delegation erlauben und wird dafür bei klugem Vorgehen ganz sicher belohnt. So ist der Erkrankungsgrad – auch allgemeinmedizinisch – und damit das individuelle Behandlungsrisiko selbstverständlich immer ärztlich abzuklären, und zwar im Vorfeld und fortlaufend durch aufsuchende Betreuung. Im Zweifel muss die Behandlung in der Praxis oder der Klinik erfolgen. Ein Vorschlag für gerodontologische Schwerpunktpraxen liegt auf dem Tisch und könnte zu einer Entspannung beitragen.

Es gibt nur eine Medizin

Neben der Zahnärzteschaft sind selbstverständlich andere Spieler – zum Beispiel Gesetzgeber, Gemeinsamer Bundesausschuss und Pflegedienstleister – mit verantwortlich für die unhaltbaren Zustände. Damit sich das ändert, muss die Kommunikation effektiviert und Strukturen müssen verbessert werden. Sehr hilfreich wäre hierfür eine konsequente Integration der Oralmedizin in die übrigen Disziplinen – es gibt nur eine Medizin – und ebenso eine engere Verzahnung der Ausbildungsgänge von Prophylaxefachkräften, Pflegepersonal und weiteren Berufen wie Logopäden, Physiotherapeuten und auch Zahntechnikern. Der Ball liegt in der Hälfte der Zahnärzteschaft, die anderen müssen aber ebenfalls mitspielen.