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Herbert Stolle: Ein Kämpfer für die ­Freiheit der Dentallabore
Schwarz-Weiß-Portrait von Herbert Stolle

Herbert Stolle 1935–2020

Nachruf auf einen engagierten Standespolitiker: Zahntechnikermeister Herbert Stolle ist im Alter von 84 Jahren gestorben.

Herbert Stolle war ein Kämpfer, ein Kämpfer für die Freiheit des Zahntechnikerhandwerks. Und er hatte viel zu sagen, was einen im September 2018 als Stippvisite geplanten Besuch im historischen Stabsgebäude der Marine in Cuxhaven – Stolles Wohnsitz und gleichzeitig Redaktionssitz des „Sturmvogels“ – zu einem ausgedehnten und interessanten Nachmittag bei Tee mit Kandis und Kuchen werden ließ.

Für alle, die ihn kannten, kein Wunder, denn Stolles umfassendes Wissen über die Entwicklung des zahntechnischen Handwerks, die politischen Hintergründe für den „Verlust der zahntechnischen Freiheit“ – und seine Sicht darauf – sowie zahlreiche Anekdoten aus seinem bewegten Leben ließen sich nicht in einer Stunde vermitteln. Jetzt ist Herbert Stolle wenige Tage vor seinem 85. Geburtstag durch einen tragischen Unfall in seiner Wohnung gestorben.

Wander-, Sturm- und Lehrjahre

Am 23. Dezember 1935 in Cuxhaven geboren, brachten Stolle seine acht „Wander-, Sturm- und Lehrjahre“ von Cuxhaven nach Lindau und Konstanz, und er besuchte in Köln die Meisterschule für Zahntechniker. Mit dem Meisterbrief in der Tasche gründete er 1964 in seiner Heimat Cuxhaven sein erstes zahntechnisches Labor. Der wirtschaftliche Erfolg dieses ersten Standorts erlaubte es ihm, in weitere Dentallabore zu investieren. Neben Cuxhaven, Bremerhaven und Stade eröff­nete er an neun weiteren Standorten in Deutschland und sogar in Italien Labore. In nur anderthalb Jahrzehnten entwickelte sich Dental-Stolle mit 300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zum damals größten Dentallabor in Europa.

Laborgründer mit Weitsicht

Es ging Stolle aber nicht nur um Größe, sondern vor allem um Qualität. Um Qualität in der zahntechnischen Ausbildung und um Qualität im zahntechnischen Arbeitsumfeld. Den Stammsitz in Cuxhaven entwickelte Stolle gemeinsam mit dem Cuxhavener Architekten Paul-Otto Gerdts zu einem zukunftsweisenden, lichtdurchfluteten Gebäude mit optimalen Arbeitsbedingungen für Zahntechniker.

Daneben legte Stolle größten Wert auf eine fundierte zahntechnische Ausbildung und investierte viel Energie in die bestmögliche Qualifizierung des eigenen zahntechnischen Nachwuchses. Die von ihm Ende der 80er-Jahre ins Leben gerufene „Gruppe 2000“ bot ein Forum für die besten Auszubildenden aller Standorte, die Fortbildungen unter anderem an der Universitätsklinik in Aachen und sogar in Italien besuchen konnten.

Engagierter Wissensvermittler

Aber auch über seinen eigenen Betrieb hinaus engagierte er sich in Fortbildungen für Zahnärzte und Zahntechniker, etwa mit dem überregional bekannten Format der Nordsee-Seminare, für die er erlesene Referenten aus der zahnmedizinischen Wissenschaft, Politik und Technik gewinnen konnte.

Jetzt erst recht

2003 musste Dental-Stolle, unter anderem wegen der Folgen der Gesundheitsreform(en), in den Augen Stolles nicht weniger als die völlige Entmündigung des Zahntechnikerhandwerks, Insolvenz anmelden. Wer damals glaubte, Stolle hätte sich danach zurückgezogen oder in sein Schicksal gefügt, wurde schnell eines Besseren belehrt, denn in dieser Zeit gründete der in der Politik bestens vernetzte Stolle gemeinsam mit Kollegen den streitbaren Freien Verband Zahntechnischer Laboratorien e.V. (FVZL), um mit diesem „Kampfverband“ und der Kernforderung „Raus aus dem SGB V“ für ein freies Zahntechnikerhandwerk zu kämpfen.

Sturmvogel – ein Name ist Programm

Als Sprachrohr des Verbands wurde 2013 die Mitgliederzeitschrift „Sturmvogel“ geschaffen, deren Name laut Chefredakteur Stolle als „Synonym für Mut und Selbstbehauptung, auch bei stürmischer Wetterlage“ verstanden werden sollte. Dem Motto „klein, aber fein, ehrlich und kämpferisch, kurz und bündig“ wurde der „Sturmvogel“ konsequent gerecht, unbequeme Wahrheiten ungeschönt ausgesprochen, Fehlentwicklungen mit spitzer Feder kommentiert.

Bis zu seinem tragischen Tod blieb Stolle sowohl Bundesvorsitzender des Verbands (zehnmal wurde er wiedergewählt!) und zeichnete auch als Chefredakteur beständig für den „Sturmvogel“ verantwortlich.
Sobald die Corona-Pandemie es zulässt, wird Herbert Stolle auf See beigesetzt.