Praxisführung

Vorbereitung auf den Notfall

Erste Hilfe in der Zahnarztpraxis: Auf Material und Personal kommt es an

Erste Hilfe Notfallkoffer
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Qualitätssicherung für den Tag X

Das hätte besser laufen können: Als Frau Schmitz, die eigentlich zur Wurzelbehandlung gekommen war, plötzlich über Brustschmerzen und Atemnot klagte, fand die neue Auszubildende zunächst den Notfallkoffer nicht. Nachdem er dann endlich bereitstand, musste Dr. Merkel feststellen, dass das Nitro-Spray seit sieben Jahren abgelaufen war. Der Sauerstoffvorrat reichte nur noch für vier Minuten und in Ermangelung einer Nasensonde musste der Sauerstoffschlauch einfach vor das Gesicht gehalten werden.

Wie zum Beweis Murphyscher Gesetzmäßigkeiten – was schief gehen kann, geht schief –, kollabierte Frau Schmitz kurz darauf und wurde beatmungspflichtig. So musste also der in Einzelteilen eingeschweißte Beatmungsbeutel zusammenmontiert werden – angesichts der zyanotischen und leblosen Patientin keine einfache und stressfreie Aufgabe.

Notfallsituationen haben hohes Anspruchsniveau

Das Praxisteam kann ab jetzt tun, was es will: Es wird den Nachteil, der sich aus der mangelnden Vorbereitung auf den medizinischen Notfall ergeben hat, nicht aufholen können. Die Erste-Hilfe-Leistung war bereits gescheitert, bevor es zum Notfall gekommen war.

Das ist, vom professionellen Standpunkt betrachtet, insbesondere deshalb ärgerlich, weil all diese Probleme vermeidbar gewesen wären. Notfallsituationen bieten ein hohes Anspruchsniveau – sie sind zeitkritisch, stressträchtig, dynamisch, von Platzmangel und unklarem Verlauf geprägt. Grund genug, bereits vor dem Ereignis Maßnahmen zu ergreifen, die im Notfall wesentlich zur professionellen Hilfeleistung beitragen. Eine Qualitätssicherung Erste Hilfe basiert auf den Säulen Materialauswahl, Materialinstandhaltung und Personal.

Materialauswahl des Notfallequipments

Zur Auswahl sowohl des Notfallequipments als auch der Notfallmedikamente lassen sich drei Kriterien definieren. Das Material beziehungsweise Medikament muss von dringlicher Bedeutung für den Patienten sein. Das Spektrum der Nebenwirkungen oder Komplikationen muss überschaubar sein und die Anwendung beziehungsweise Applikation sollte möglichst einfach sein.

Beispielhaft können diese Kriterien auf Intubationsmaterialien angewendet werden. Der traurigen Tatsache folgend, dass regelmäßig Fallschilderungen publiziert werden, die von dramatischen Zeitverlusten bei der endotrachealen Intubation oder sogar unerkannt in der Speiseröhre platzierten Endotrachealtuben berichten, empfehlen internationale Reanimationsgremien die Intubation nur demjenigen, der in dieser Maßnahme geübt ist (mindestens sechs Intubationen pro Jahr). Stattdessen kann eine Beutel-Maskenbeatmung zu gleichen Behandlungserfolgen führen. Daraus ergibt sich, dass die Bedeutung der Intubation in der Zahnarztpraxis ist nicht sonderlich groß ist, Komplikationen deletären Ausmaßes möglich sind und die Maßnahme technisch hoch anspruchsvoll und somit nicht einfach anzuwenden ist.

Ein anderes Beispiel: Da Notfälle grundsätzlich eine Gefahr für die Sauerstoffversorgung des Organismus darstellen, ist Sauerstoff das wichtigste Notfallmedikament bei nahezu allen Akuterkrankungen. Nebenwirkungen und Komplikationen durch O2 sind in der akuten Notfallsituation weitgehend ausgeschlossen und die O2-Applikation ist denkbar einfach – insbesondere dann, wenn die im Notfall erforderlichen Materialien bereits vormontiert im Koffer gelagert sind (zum Beispiel Sauerstoffflasche und -schlauch plus Beatmungsbeutel und Reservoir).

Mit der Vorhaltung des – den drei genannten Kriterien genügenden – Equipments ist der erste Schritt einer Qualitätssicherung Erste Hilfe getan. Da der Notfall jedoch keine Rücksicht auf den Anschaffungstermin nimmt, sondern das Praxisteam durch Nichteintritt durchaus für einige Jahre in Sicherheit wiegen kann, besteht die zweite Säule der Qualitätssicherung Erste Hilfe aus der Instandhaltung des Equipments.

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Materialinstandhaltung

Zur Sicherstellung einer umfassenden Einsatzbereitschaft empfiehlt es sich, ein Praxismitglied damit zu beauftragen, den Notfallkoffer mindestens einmal im Quartal und nach jedem Gebrauch nach drei Kriterien zu überprüfen: Vollständigkeit, Funktion und Verwendbarkeit. Zur Vollständigkeitskontrolle kann eine Checkliste angelegt werden, auf der sämtliche Materialien erfasst sind. Nach „Abhaken“ des Inventars kann der Koffer mit einem Pflasterstreifen „versiegelt“ werden, auf dem das Datum der Überprüfung vermerkt ist.

Die Funktionskontrolle basiert auf einer Inbetriebnahme der zu prüfenden Materialien: Der Sauerstoff wird kurz aufgedreht, batteriebetriebene Geräte (etwa eine Pupillenleuchte) werden angeschaltet, der Blutdruck der Kollegin wird gemessen. Der Beatmungsbeutel wird mit dem Daumen am Patientenventil abgedichtet und zusammengedrückt. Entweicht Luft, liegt entweder eine Leckage vor oder das Überdruckventil zur Beatmung von Kindern ist aktiviert. Werden Gerätefehler erst im Stress der Notfallsituation identifiziert, fehlt meistens die Muße, das Problem sachgerecht zu beheben.

Verfalldaten regelmäßig überprüfen

Die eingeschränkte Verwendbarkeit ergibt sich aus den aufgedruckten Verfalldaten der Notfallmedikamente sowie der steril eingeschweißten Materialien wie  etwa Sauerstoffsonden, Spritzen oder Kanülen. Auch Sauerstoff hat ein Verfalldatum, das per Etikett auf der Flasche kenntlich gemacht ist. Der Druckminderer muss in festgelegten Intervallen gewartet werden.

Die Medizinprodukte-Betreiberverordnung sieht für Blutdruckmessgeräte messtechnische Kontrollen im Zwei-Jahres-Rhythmus vor. Wartungsintervalle der Geräte lassen sich den auf den Geräten angebrachten Etiketten entnehmen.

Bei Verwendung abgelaufener Medikamente oder aufgrund nicht-eingehaltener Prüffristen sicherheitsbedenklicher Materialien begibt sich der Anwender automatisch auf „forensisch dünnes Eis“. Die Auswahl und Instandhaltung des Materials sind das Fundament einer adäquaten Notfalltherapie – der entscheidende Faktor bleibt jedoch der Mensch, der mit dem Material umgeht.

Personal schulen

Das Personal sollte im Umgang mit den Materialien geschult sein und mit den aktuellen Richtlinien der Notfalltherapie lebensbedrohlicher Zustände vertraut sein. Da die „Halbwertzeit des Wissens“ auch in der Notfallmedizin limitiert ist, sind regelmäßige „Updates“ und Trainingsmaßnahmen unverzichtbar – zum Beispiel in kleinen Gruppen oder als Praxisseminar in der gewohnten Umgebung.
Eine zuverlässig funktionierende Qualitätssicherung Erste Hilfe in der Zahnarztpraxis ist der Garant für Erfolg, wenn „es darauf ankommt“.

Eine Notfallkoffer-Checkliste sowie eine Medikamenten-Empfehlung zum Herunterladen gibt es im Internet.

Hendrik Sudowe
Dipl.-Gesundheitslehrer
Dozent im Rettungsdienst

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