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Hochwasser

Flutkatastrophe ruiniert Zahnarztpraxis vier Jahre nach Eröffnung

Die Zahnärztin Silke Hersey hat ihre Praxis in Bad Neuenahr-Ahrweiler 2017 übernommen und „bis auf die Grundmauern“ saniert – und steht jetzt vor einem Scherbenhaufen. Eine Woche nach dem Unglück sprach sie mit dzw-Redakteurin Birgit Strunk über die Ereignisse.

Wie haben Sie die Katastrophe erlebt?

Silke Hersey: Mittwochnachmittag war ich noch bei meinen Eltern in Bad Neuenahr – da hat es bereits sehr stark geregnet. Als wir gegen 18 Uhr zuhause in Rheinbach eintrafen, waren Strom und Handynetz bereits ausgefallen. Der Regen war zu diesem Zeitpunkt schon so heftig, dass Feuchtigkeit durch ein Fenster drang, das wir abdichten mussten – wir hielten dies jedoch noch für ein lokales Ereignis.

Am nächsten Morgen hörten wir im Ort die Sirenen, und die Feuerwehr fuhr immer wieder unsere Straße entlang. Als ich nach Bad Neuenahr fahren wollte, um nach meinen Eltern und meiner Praxis zu schauen, haben wir uns erst einmal mit den Nachbarn auf der Straße versammelt – niemand wusste, was los war. Das haben wir erst über ein Autoradio in den Nachrichten erfahren. Wir hatten ohne Strom und Handynetz keine andere Quelle.

Wann wurde Ihnen das Ausmaß der Flut bewusst?

Hersey: An meinem Wohnort waren alle Zufahrtsstraßen abgeriegelt, ich konnte erst einmal nicht zu meiner Praxis fahren. Ich versuchte es dann über einen Umweg, aber auch dort war eine Straße weggebrochen – da wurde mir schon mulmig. Da ich immer unruhiger wurde, wollte ich erneut versuchen, zu meinen Eltern und zur Praxis zu kommen. Im Nachbarort hatte ich dann Handyempfang und konnte eine SMS meines Vaters lesen: „Alles verloren, Totalschaden“. Erst in diesem Moment habe ich realisiert, dass meine Eltern betroffen sind. Bisher war ich nur davon ausgegangen, dass vielleicht Wasser in die Praxis eingedrungen ist. Ich versuchte auch, den Optiker neben meiner Praxis zu erreichen, aber der Kontakt bracht immer wieder ab. Es kam dann nur eine SMS durch mit der Information, dass die Lage katastrophal sei.

Donnerstagmittag habe ich Bad Neuenahr erreichen können; da war das Haus meiner Eltern, das direkt an der Ahr liegt, völlig von Wasser umgeben – samt Parallelstraße. Hier stand das Wasser nicht nur, das war ein reißender Fluss.

„Alleine für die Beseitigung des Schlamms, der etwa 15 Zentimeter hoch auf den Böden lag, und das nachkommende Wasser haben wir neun Stunden gebraucht“, so Silke Hersey.
dzw/Strunk

„Alleine für die Beseitigung des Schlamms, der etwa 15 Zentimeter hoch auf den Böden lag, und das nachkommende Wasser haben wir neun Stunden gebraucht“, so Silke Hersey.

Meine Schwester hatte zwischenzeitlich eine Nachricht meiner Eltern empfangen, dass sie unverletzt sind und sich mit Nachbarn auf die erste Etage in Sicherheit gebracht hatten. Ich habe dann die Feuerwehr darüber informiert, die war aber noch mit lebensrettenden Maßnahmen beschäftigt und hat daher um Geduld gebeten. Man sagte mir, dass sich das Wasser wahrscheinlich gegen 16 Uhr zurückziehen und sich die Situation entspannen werde.

Ich machte mich auf den Weg zu meiner Praxis, und am Stadttor kam mir schon eine meiner ZFA entgegen – auch sie hat ihre Wohnung verloren und wartete jetzt mit einer kleinen Tasche, die sie noch packen konnte, auf ihren Sohn, der sie abholen wollte.

Meine ZMP war um 8.30 Uhr „zur Arbeit“ gekommen – auch sie wollte sich vergewissern und nachschauen, was eigentlich los ist. Sie hatte von außen durch die Fensterscheibe ein Foto vom Wartezimmer gemacht und mir geschickt – darauf konnte man erkennen, dass das Wasser 1,60 Meter hoch in der Praxis gestanden hatte, der Boden war voll Schlamm, und Gegenstände aus dem hinteren Teil der Praxis waren nach vorne gespült worden. Da war mir schon klar, dass der Zustand katastrophal ist. Gemeinsam mit meiner ZFA bin ich dann zu meiner Praxis gegangen, die wir aber nicht betreten konnten – unsere Tür war so verzogen, dass sie sich nicht öffnen ließ. Wir hätten sie nur aufbrechen können, aber dann hätten wir sie nicht mehr schließen können.

Da ich hier nichts ausrichten konnte, fuhr ich wieder zu meinen Eltern. Auf dem Weg dorthin sah es schrecklich aus: Die Straßen komplett aufgerissen, ein Feuerwehrauto war auf einer kaputten Straße zur Seite gekippt, das Auto meines Vaters hing mit der Spitze nach unten auf einem Poller, andere Autos hingen in den Bäumen.

Das Wasser war mittlerweile weg. Meine Eltern kamen mir entgegen – mit Katze auf dem Arm – und wurden von Freunden abgeholt, die sie erst einmal aufgenommen haben. Ich habe mir dann das Haus angesehen: Die Wucht des Wassers hatte Fenster inklusive der Rahmen rausgebrochen, Türen lagen quer, Eingänge waren verschrägt. Man fragt sich manchmal, wie es sein kann, dass Menschen in ihren Häusern ertrinken, aber wenn große Teile wie Schränke vor die Türen geschwemmt werden, kann man nicht mehr raus.

Wann konnten Sie aktiv werden?

Hersey: Am Abend bin ich zuhause mit meiner Schwester bei Taschenlampenlicht die Versicherungsunterlagen durchgegangen, um mich zu vergewissern, dass ich eine Elementarversicherung habe – Jahre nach Abschluss ist man sich nicht mehr sicher.

Am nächsten Tag (Freitag) konnte ich mit meiner Schwester und Freunden die Eingangstür der Praxis öffnen und sie erstmals betreten. Ich hatte versucht, mich auf den Anblick vorzubereiten – und es war erwartungsgemäß alles verwüstet. So lag zum Beispiel die Behandlungsliege über der Rezeption. Dabei hatten wir noch „Glück“, dass das Wasser „nur“ durch den Türspalt reingekommen ist und nicht abfließen konnte, es also keine Strömung gab, mit der etwas weggespült werden konnte.

Alleine für die Beseitigung des nachkommenden Wassers und des Schlamms, der etwa 15 Zentimeter hoch auf den Böden lag, haben wir neun Stunden gebraucht. Der Schlamm war überall, wo das Wasser stand.

Und jetzt?

Hersey: Mein erster Gedanke war, dass ich wieder bei null anfange beziehungsweise unter null. Als ich die Praxis übernommen habe, konnte ich wenigstens den Steri, das Labor und drei Behandlungsstühle übernehmen. Jetzt habe ich gar nichts mehr. Die ersten Tage habe ich nur funktioniert – aber es nutzt ja nichts, man muss sich dieser Situation stellen.

Am ersten Tag sagte ich mir noch, dann mach ich das eben wieder neu. Aber wenn man zu Hause zur Ruhe kommt und darüber nachdenkt, wie knapp es bei meinen Eltern war und was aller zerstört ist – es ist eine Achterbahnfahrt zwischen Motivation und Tatendrang und totaler Verzweiflung.

Hatten Sie Zweifel, ob Sie die Praxis wiederaufbauen möchten?

Hersey: Als ich mir zwei Tage später die Praxis und das Ausmaß der Schäden noch einmal angesehen habe, dachte ich: Soll ich mir das eigentlich antun? Reicht meine Kraft dafür aus? Ich könnte auch wieder angestellt arbeiten. Aber das war nur ein kurzer Gedanke und danach wusste ich wieder: Nein, ich will weiter meinen Laden haben. Ich habe drei ganz tolle Mitarbeiterinnen und die Praxis, der Ort, die Gegend, die Menschen … alles war so schön hier. Ich möchte das genauso wiederhaben.

Es kommen viele Patienten vorbei, die hier im Einsatz sind. Eine meiner Patientinnen hat Strom und backt jeden Tag viele Kuchen und verteilt diese in der Stadt. Ich habe aber auch Patienten aus der Innenstadt, die nicht einmal mehr eine Wohnung haben. Auch die Winzer in Dernau sind schwer betroffen. Viele meiner Patienten sind wirklich arm dran – aber auch die werden in Zukunft einen Zahnarzt brauchen. Wir werden das jetzt gemeinsam durchstehen.

Aber ich möchte auch betonen, dass die Hilfsbereitschaft wirklich sehr groß ist. So hilft mir seit einigen Tagen meine Kollegin Bärbel Thon aus Bonn, die ich bisher überhaupt nicht kannte. Sie hat über ein gemeinsames Netzwerk von mir erfahren und hat sich spontan angeboten.

Wie lautet das Ergebnis Ihrer „Bestandsaufnahme“?

Hersey: Sicher ist, es hat nichts überlebt, das Inventar ist zu 100 Prozent zerstört. Zum Glück habe ich Inventarlisten, die nach vier Jahren noch ziemlich vollständig sind.

Priorität hatten in den vergangenen Tagen aber meine Eltern, die natürlich noch in einem Schockzustand sind. Aber so geht es hier ja allen, jeder hat mehrere Baustellen – und Menschen, um die er sich kümmern muss.

Sie können für lange Zeit nicht praktizieren. Was passiert mit Ihren Patienten?

Hersey: Donnerstag voriger Woche wäre der letzte Tag vor unserem Urlaub gewesen. Darauf waren unsere Patienten vorbereitet. In dieser und der nächsten Woche haben wir also keine Termine. Ab August ist der Terminplan dann wieder voll. Ich kann aber derzeit noch nicht in meinen Plan schauen. Meine Datensicherung hat hoffentlich funktioniert – das wird derzeit von CGM geprüft.

Zwei Kolleginnen, die ich kenne, haben mir heute zugesichert, dass meine Patienten zu ihnen kommen dürfen. Diese Information konnte ich heute an meine Patienten als Newsletter versenden und auf die Homepage stellen. Mehr kann ich jetzt nicht machen. Da besteht dringender Organisationsbedarf. Zumal viele meiner Patienten schon älter sind und nicht mehr mobil – Straßen sind zerstört, viele haben kein Auto mehr, auch die sind ja Opfer der Flut geworden. Von der Kammer habe ich bisher noch nichts gehört, habe aber von Kollegen erfahren, dass etwas geplant ist.

Meine Vermieterin hat mich heute darüber informiert, dass wahrscheinlich die nächsten drei bis vier Wochen kein Strom zur Verfügung stehen wird. Das heißt, dass selbst die Kollegen, deren Praxen in Ordnung sind, nicht behandeln können.

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