Meine Meinung

Der Kommentar

Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt!

Von Chefredakteur Marc Oliver Pick
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Von Chefredakteur Marc Oliver Pick

Weil sie zuletzt rar geworden sind, hier ­zuerst die guten Nachrichten: Erste Ergebnisse einer Untersuchung der Impfstoff­hersteller Biontech/Pfizer zeigen, dass der mRNA-Impfstoff auch bei Jugendlichen von 12 bis 15 Jahren sehr gut wirkt. Jetzt planen die Hersteller, die Studiendaten den Zulassungsbehörden zugänglich zu machen, um eine erweiterte Zulassung zu erhalten. Und nicht nur das: Auch andere Hersteller testen derzeit ihre Impfstoffe an jungen Menschen, um einerseits die Wirksamkeit, andererseits aber auch die richtige Dosis für jüngere Patienten zu finden.

Haus- und Fachärzte stehen zur Unterstützung bereit

Die zweite gute Nachricht: Bundesweit stehen 87.000 niedergelassene Haus- und Fachärztinnen und -ärzte bereit, um die Impfkampagne zu unterstützen (wenn es denn mit der Lieferung klappt), meldet das Zentralinstitut für die kassenärztliche ­Versorgung (Zi). Zwar gehörten Impfungen nicht in jeder dieser Arztpraxen zur Kernaufgabe. Aber in immerhin 47.734 Praxen seien 2019 durch mindestens einen Arzt oder eine Ärztin zehn oder mehr Impfungen verabreicht worden. „Von diesen häu­figer impfenden Praxen gibt es in der kleinsten KV (Bremen) 370, in der größten (Bayerns) 7.321“, so das Zi.

Zum Vergleich: Bundesweit gibt es 433 Impfzentren. Um die erwachsene Bevölkerung (ab 18 Jahren) in Deutschland vollständig zu impfen, müsste jede der 47.734 regelmäßig impfenden Praxen jeweils 1.742 Bürger ein beziehungsweise zweimal impfen, so das Zi. Umgerechnet auf 76.431 Ärztinnen und Ärzte, die in Impfpraxen tätig sind, ergäben sich sogar „nur noch“ 1.088 zu impfende Patienten. Je mehr Praxen sich beteiligen können, desto stärker sinke die Zahl notwendiger Impfungen je Arzt und Praxis.

Therapieansatz bei Thrombosebildung

Die dritte gute Nachricht: Experten der Deutschen Gesellschaft für Transfusionsmedizin und Immunhämatologie e.V. (DGTI) haben herausgefunden, welche ­Mechanismen nach der Impfung mit dem Vakzin von AstraZeneca in seltenen Fällen Hirnvenenthrombosen auslösen, und ein Testverfahren entwickelt, das hilft, die nach der Impfung auftretenden Antikörper – die für die Thrombosen verantwortlich gemacht werden – zu erkennen. Therapieansatz ist die Blockade der Blutplättchen mit einem intravenös verabreichten Immunglobulin (ivIgG). Die Blutgerinnsel ließen sich anschließend durch geeignete gerinnungshemmende Medikamente ­auflösen.

Nach drei guten Nachrichten jetzt aber leider doch die schlechte: Vergangenen Dienstag wurden wegen erneuter Zwischenfälle nach Impfungen mit dem AstraZeneca-Impfstoff – deutschlandweit sind bislang 31 Fälle bekannt geworden, davon neun tödliche – Impfungen zunächst ausgesetzt, dann aber mit einer neuen Empfehlung wieder aufgenommen. Statt wie bisher den Impfstoff nicht bei älteren Patienten zu verwenden, sollen laut Empfehlung der Stiko jetzt die über 60-Jährigen damit geimpft werden, weil in dieser Altersgruppe so gut wie keine negativen Folgen beobachtet wurden. Jüngere Patienten sollen den Impfstoff nur nach sorgfältiger Aufklärung und ausdrücklicher Zustimmung erhalten.

Erneuter Rückschlag für die Impfkampagne

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn räumte am selben Tag zwar ein, dass dies ein Rückschlag für die Impfkampagne sei, sieht in der erneuten Überprüfung aber gleichzeitig eine Chance, das Vertrauen der Bürger in den Impfstoff zu stärken. Ob damit das Image eines Impfstoffs, der vom Start weg aus verschiedenen Gründen immer wieder Schlagzeilen machte, so schnell rehabilitiert werden kann, ist allerdings eher fraglich.

So unwillkommen diese neue Entwicklung ist: Es ist beruhigend, dass trotz Impfempfehlungen von höchster Stelle die impfenden Ärzte ihrer medizinischen ­Verantwortung gerecht werden und selbst entscheiden, wen sie womit impfen. So ­etwa im Impfzentrum Bonn am vergangenen Montag. Nach Bekanntwerden des ­Todes einer 47 Jahre alten Patientin, die an einer Hirnvenenthrombose starb, und ­einer 28-Jährigen, die derzeit noch intensivmedizinisch behandelt wird, entschied die leitende Impfärztin, Internistin Dr. Maria Radloff, die Impfung jüngerer Patientinnen sofort einzustellen.

Ein ähnliches Bild im Impfzentrum Essen, wo der Impfarzt Dr. Stefan Steinmetz ebenfalls entschied, die Impfung mit AstraZeneca als Reaktion auf die neuesten Erkenntnisse auszusetzen. „Das habe ich als Arzt entschieden, und nicht als Vertreter irgend­einer Politik oder auch des Landes oder sonst wem“, sagte Steinmetz dem WDR.

Also doch noch ein positiver Aspekt in ­einer ansonsten schlechten Neuigkeit. Es heißt nicht umsonst: Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt.

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