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Nutzen-Risiko-Abwägung

Stiko ändert Empfehlung für AZ - EMA und WHO bleiben bei ihrer Empfehlung

behandschuhte Hände halten Spritzen und Vakzin-Dosen
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„Besorgniserregend“ wie seit langem nicht mehr: So bezeichnet die WHO die aktuelle Infektionslage in Europa. Die europäischen Impfziele gerade bei den älteren EU-Bürgern seien verfehlt worden. Vergangene Woche dann ein erneuter Rückschlag zumindest in Deutschland. In mehreren Bundesländern hatten Impfärzte bei der Impfung mit dem AstraZeneca-Impfstoff nach weiteren Fällen von Hirnvenenthrombosen die Reißleine gezogen und Impfungen vorerst ausgesetzt. Es folgte eine neue Empfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko), diesen Impfstoff nur noch Patienten über 60 Jahre zu verabreichen.

Noch wenige Tage zuvor hatten Experten der Deutschen ­Gesellschaft für Transfusionsmedizin und Immunhämato­logie e.V. (DGTI) gemeldet, die Ursache für solche Reaktionen sowie eine Behandlungsmethode gefunden zu haben. „Sollten Hirnvenenthrombosen zukünftig auftreten, können wir sie erfolgreich behandeln“, so der Greifswalder Forscher Prof. Dr. med. Andreas Greinacher, Leiter der Abteilung Transfusionsmedizin der Universitätsmedizin Greifswald.

Wie kommt es zu den Hirnvenenthrombosen?

Wie also kommt es zu den – seltenen – Hirnvenenthrombosen? Nach einer Impfung bildet der Körper Abwehrstoffe. In sehr seltenen Fällen bilden Geimpfte spezielle Antikörper, die sich an Thrombozyten, also Blutplättchen, binden. Die Blutplättchen werden durch die Bindung aktiviert. Werden Blutplättchen aktiviert, ohne dass eine Blutung besteht, können sich Gerinnsel bilden, die die Gefäße verstopfen können. Es kommt zu einer Thrombose. „Was genau die Bildung der speziellen Antikörper auslöst, ist noch unklar, daran forschen wir weiter“, erklärt Greinacher.

Untersucht wurde das Blut von sieben Betroffenen, um die Entstehung der Thrombosen nachzuvollziehen. Außerdem haben die Forscher ein Testverfahren entwickelt, das hilft, die nach der Impfung auftretenden Antikörper zu erkennen. „Dieses Verfahren testet, ob die speziellen Abwehrstoffe im Blut vorhanden sind. Dieser Test kann angewendet werden, wenn es nach der Impfung zu entsprechenden Symptomen einer Thrombose kommt“, sagt Greinacher. Menschen, die nach der Impfung Schmerzen im Bein oder ungewöhnlich starke Kopfschmerzen spüren, sollten umgehend einen Arzt aufsuchen.

Forscher haben ein Testverfahren entwickelt

Hierbei ist die Immunreaktion, die ein bis zwei Tage nach der Impfung auftritt, zu unterscheiden von Komplikationen, die sich in der Regel erst ab Tag vier nach der Impfung bemerkbar machen. „Ich rate Patientinnen und Patienten daher, einen Arzt aufzusuchen, wenn sie nach drei Tagen noch immer Symptome haben oder diese nach kurzer Pause wieder neu auftreten“, so Greinacher. Da es sehr unwahrscheinlich ist, dass sich Thrombosen unmittelbar nach einer Impfung bilden, gebe es keinen Grund, bereits bei leichten Immunreaktionen ein bis zwei Tage nach der Impfung eine ­Untersuchung auf Thrombosen zu beginnen.

Die Forscher haben auch eine Behandlungsmethode gefunden. Durch ein intravenöses Immunglobulin (ivIgG) können die Blutplättchen blockiert werden, sodass der Mechanismus gehemmt wird. Die Blutgerinnsel können dann durch gerinnungshemmende Medikamente aufgelöst werden. Die Diagnosestellung erfolgt durch den behandelnden Arzt vor Ort, die Therapie sollte in jedem mittelgroßen Krankenhaus verfügbar sein.

Beeinflusst auch Impfentscheidung jüngerer Patienten

Auch wenn diese Forschungsergebnisse nichts an der Tatsache ändern konnten, dass der AstraZeneca-Impfstoff nach Stiko-Empfehlung jetzt bevorzugt bei Patienten über 60 Jahre verimpft werden soll, könnten die neuen Erkenntnisse die Impfentscheidung auch jüngerer Patienten beeinflussen, die sich laut Stiko nach sorgfältiger Aufklärung feiwillig damit impfen lassen können. Impfungen durch Arztpraxen, die seitAnfang  April laufen, werden zunächst mit dem Impfstoff von Biontech/Pfizer durchgeführt. Später sollen, mit Ausnahme des Moderna-Impfstoffs, zugelassene Präparate aller Hersteller, auch von AstraZeneca, an geeignete Altersgruppen verimpft werden.

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