Implantologie

1. Innovationssymposium der Neuen Gruppe

Keramikimplantate – evidenzbasierte Alternative?

Die erste einer Reihe von Diskussionen (v.l.): Moderator Prof. Dr. Dr. Jörg Strub, Prof. Dr. Dieter Bosshardt, Prof. Dr. Dr. Hendrik Terheyden und Dr. Pascal Marquardt.
Patrick Klein

Die erste einer Reihe von Diskussionen (v.l.): Moderator Prof. Dr. Dr. Jörg Strub, Prof. Dr. Dieter Bosshardt, Prof. Dr. Dr. Hendrik Terheyden und Dr. Pascal Marquardt.

Am Ende hatte Dr. Pascal Marquardt, Fortbildungsreferent der Neuen Gruppe, nicht wenige Hände zu schütteln. Viele der 130 Teilnehmer am 1. Innovationssymposium dieser wissenschaftlichen Vereinigung von Zahnärzten dankten ihm persönlich für zwei spannende Fortbildungstage mit illustrer Referentenriege und lebhaften Diskussionen. Thema des Symposiums: „Keramikimplantate – die evidenzbasierte Alternative?“

Moderator Prof. Dr. Dr. Jörg Strub (Freiburg) verwies eingangs darauf, dass man in der Keramikimplantologie am Anfang stehe – „in China ist zum Beispiel noch kein System zugelassen“ –, aber: „Ich erwarte hier noch einen Riesenboom.“ In einer Reihe von Vorträgen beleuchteten die Referenten im Anschluss den aktuellen Stand der Wissenschaft zum Thema und präsentierten materialkundliche, klinische und histologische Studienergebnisse unter anderem zu den Themen Periimplantitis, Titankorrosion, Keramik und Osseointegration oder Stand bei zweiteiligen Implantaten. Neben der universitären Evidenz kamen auch Praktiker zu Wort, die von ihren langjährigen Erfahrungen berichteten.

Stichwort Korrosion

Zu diesem Thema sprach Prof. Dr. Dr. Hendrik Terheyden (Kassel): „Update Periimplantitis: Welche Rolle spielt die Korrosion?“ Erhöhte Titanionenkonzentrationen seien in der Sulkusflüssigkeit bei Periimplantitis nachgewiesen worden, was zeige, dass es zur Ionisation und Korrosion von Titanimplantaten unter den Bedingungen der entzündeten periimplantären Tasche komme. („In welcher Form Titan im Sulkus vorliegt, ist allerdings noch unklar.“) Vor diesem Hintergrund stellte Terheyden die Henne-Ei-Frage: Fördern die Korrosionsprodukte Periimplantitis oder fördert Periimplantitis die Korrosion? Mit einem Überblick über weitere Studien warnte Terheyden vor monokausalen Begründungen: „Die Periimplantitis ist weit davon entfernt, erklärt zu sein.“ Er sieht die Biokorrosion als „Schnittmenge“ verschiedener Theorien (mikrobielle Theorie und immunologische Theorie) und als plausiblen Pathomechanismus.

Stichwort Hart- und Weichgewebsintegration

Prof. Dr. Dieter Bosshardt (Bern) verglich in diesem Punkt Keramik und Titan. ZrO₂- und Titanimplanate mit mikrorauen Oberflächen würden biologisch gut toleriert und osseointegrierten schnell. Die meisten Studien kämen zu dem Schluss, dass die Knochenbedeckung der Implantate keine statistisch signifikanten Unterschiede zwischen Titan und Zirkoniumdioxid aufweise. Auch die Weichgewsbeintegration/Dimensionen, Zusammensetzung und Gesundheitszustand) verhalte sich vergleichbar. Bosshardts Zusammenfassung und Schlussfolgerung zu Keramikimplantaten: Hohe Erfolgs- und Überlebensraten für einige Implantatsysteme dokumentierten Sicherheit und Langlebigkeit der Osseointegration. Diese Raten seien denen von Titanimplantaten leicht unterlegen. Generell brauche es mehr Langzeitdaten mit neueren Implantatsystemen und aus guten Studien, wobei er dafür plädierte, die Daten nach Implantatsystemen/Herstellern gesondert zu analysieren.

Stichwort Praxisalltag

PD Dr. Stefan Röhling (Lörrach) ging der Frage nach: „Keramikimplantate – Besonderheit oder Routine im Praxisalltag?“ Er warf einen Blick auf die Performance ein- und zweiteiliger Keramikimplantate anhand verschiedener Metastudien und Fallbeispiele aus der Praxis. Sein Fazit: Beim einteiligen Keramikimplantat gebe es insoweit Einschränkungen, als die Möglichkeiten zur Korrektur der Implantatachse limitiert und ausschließlich zementierte prothetische Suprakonstruktionen möglich seien. Sie seien gut dokumentiert und zeigten in klinischen Studien verlässliche Überlebensraten. Zweiteilige Keramikimplantate erlaubten das gewohnte und chirurgisch und prothetische Handling. Reversibel verschraubbare Suprakonstruktionen seien möglich. Bislang seien wenig klinische Studien verfügbar.

Aus der eigenen Praxis und über die sich durch zweiteilige Keramikimplantate bietenden neuen Möglichkeiten berich­tete Dr. Jochen Mellinghoff (Ulm). Sein Thema: „Fünf Jahre dokumentierte klinische Erfahrung mit zweiteiligen Keramikimplantaten“. Die Vorteile sieht er in geschützter Einheilung und Abutment­auswahl, Nachteile seien mögliche Probleme beim Abformen, Weichgewebs­­über­schüsse und Inzisionen sowie die prothetische Behandlungszeit. Indikationen seien geringe Restbezahnung, Divergenz von prothetischer und Implantatachse, reduziertes Knochenangebot und minderwertige Knochenqualität (in der „dzw Orale Implantologie 3/19“ lesen Sie den Beitrag von Dr. Mellinghoff „Keramikimplantate in der Praxis: Vorgehen bei einteiligen und zweiteiligen Implantaten – eine Gegenüberstellung“).

In weiteren Vorträgen bekamen die Teilnehmer Antworten zu Themen wie beispielsweise „Zirkonimplantate – was ist eigentlich mein Benefit?“, „Zirkon als Biomaterial – worauf es bei der Herstellung ankommt“, „Wie viel Diagnostik braucht die Implantologie?“ oder „Digital und analog: Prothetische Konzepte auf Keramikimplantaten“.

"Die Zukunft ist metall- und zementfrei"

„Wo stehen wir – und wie geht es weiter?“ Mit dieser Frage setzte Prof. Dr. Andrea Mombelli (Genf) den Schlusspunkt und stellte mit einem Überblick über verschiedene Studien klar: „Ein Keramikimplantat ist nicht einfach ein Titanimplantat aus Zirkoniumdioxid.“ Er sieht Titanimplantate als bewährt und vielseitig einsetzbar, ihre Entwicklung sei aber abgeschlossen. Konträr dazu seien im Keramikbereich weitere Enwicklungen erwünscht und möglich. Die Zukunft ist für Mombelli metall- und zementfrei und gehört der kleinen Rekonstruktion im teilbezahnten Kiefer, „nicht den großen prothetischen Geschichten“. Auch er betonte: Langzeituntersuchungen seien nötig. Mombelli: „Titan ist nicht die Zukunft, Titan ist die Gegenwart, langfristig gehört Metall nicht in den Körper.“

Katrin Ahmerkamp

 

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