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Der Kommentar

Sechste Mundgesundheitsstudie ohne MIH?

Von Chefredakteur Marc Oliver Pick
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Von Chefredakteur Marc Oliver Pick

Nicht nur das Corona-Virus bereitet ­weltweit Sorgen. Auch bezogen auf die Welt der Zahnmedizin gibt es ein Phänomen, dessen Ursache (oder sogar Ursachen) auch Jahre nach der ersten Beschreibung noch nicht abschließend geklärt ist/sind. Die Rede ist von der Molaren-Inzisiven ­Hypomineralisation, kurz MIH.

Wie dramatisch sich die Situation der umgangssprachlich „Kreidezähne“ genannten Schmelzbildungsstörung entwickelt, wird an der aktuellen MIH-Übersicht der Barmer deutlich. Der Krankenversicherer hat deutschlandweit anhand typischer zahnärztlicher Behandlungen ausgewertet, welche Regionen in Bezug auf MIH besonders auffällig sind, und die Ergebnisse ­unter anderem in einer Übersichtskarte zusammengestellt (die Ergebnisse der ­Barmer-Analyse finden Sie hier).

MIH bald Nummer 1 bei Zahnerkrankungen von Kindern?

2019 waren bereits knapp eine Viertelmillion Kinder im Alter von sechs bis neun Jahren wegen MIH in zahnärztlicher Behandlung. Das entspricht einem Anteil von etwa 8 Prozent aller Kinder in dieser Altersgruppe. Damit droht MIH sogar die Karies als bisherige Nummer 1 unter den Zahnerkrankungen von Kindern zu überholen. Anders als beim Kariesgeschehen von Kindern ist bei MIH auffallend, dass dabei keine Konzentration auf bestimmte soziale Umfelder (wie bei Karies) beobachtet wird, sondern gleichverteilt einkommensstarke und einkommensschwache Familien betroffen sind.

Anders dagegen sieht die räumliche Verteilung der MIH aus: Laut Barmer-Analyse gibt es nicht nur einen „MIH-Gürtel“, der sich vom Westen Deutschlands bis in den Nordosten erstreckt, sondern auch im kleinteiligeren Vergleich zwischen Landkreisen und kreisfreien Städten tritt die Erkrankung regional extrem unterschiedlich auf.

Bezüglich der Ursachen diskutiert die Wissenschaft sowohl prä- als auch peri- und postnatale Einflüsse. Postnatal sind bislang verschiedenen Atemwegserkrankungen wie Bronchitis und Asthma beziehungsweise damit verbundene Medikamenteneinahmen wie Antibiotika und ­Aerosoltherapien im Fokus. Untersucht werden aber ebenso Einflüsse durch Störungen im Mineralhaushalt sowie Umwelttoxine aus Inhaltsstoffen von Kunststoffen wie Bisphenol A und Polychloriertes Biphenyl.

Empfehlungen für Schmerzlinderung und Behandlung

Der therapeutische Umgang mit MIH wurde 2010 in Therapieempfehlungen übersetzt, immerhin gibt es also bereits seit einem Jahrzehnt Empfehlungen für die Schmerzlinderung und die ­Behandlung betroffener Zähne an sich, die in jüngster Zeit weiter verfeinert wurden. Auch verschiedene Dentalhersteller haben ­zwischenzeitlich spezielle ­Behandlungsprotokolle und entsprechende Materialsys­teme entwickelt.

Schon die Fünfte Deutsche Mundgesundheitsstudie (DMS V) thematisierte das Phänomen MIH. Die gerade gestartete DMS 6 fokussiert im diesjährigen ersten Modul auf die Kieferorthopädie. Überraschenderweise ist dort ­neben den Themen KfO und Karies keine Rede von MIH.

Immer mehr Eltern suchen Beratung und Hilfe

Unterdessen läuft die wissenschaftliche Untersuchung des Phänomens weiter, wenn auch aktuell keine neueren Erkenntnisse zu den Ursachen veröffentlicht wurden. Fakt ist allerdings, dass immer mehr besorgte Eltern betroffener Kinder in die Praxen kommen, weil sie Beratung und Hilfe suchen. Eine große Herausforderung für die Praxen, denn so vielfältig die Ausprägungen der Erkrankung sind, so abgestimmt auf den Schweregrad der diagnostizierten MIH müssen die Vorgehensweisen bei der Behandlung sein.

OÄ Dr. Maria Giraki vom Zentrum der Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (Caro­linum) der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt am Main (Poliklinik für Zahnerhaltungskunde) traf es auf dem Deutschen Zahnärztetag 2017 (!) auf den Punkt, als sie die Suche nach MIH-Ursachen mit der Suche nach der Nadel im Heuhaufen verglich. Sie vermutete ein „unglückliches Zusammentreffen mehrerer Faktoren“. Es ist also nach wie vor wichtig, in Sachen MIH-Erforschung am Ball zu bleiben, um die Ursachen vielleicht doch noch eindeutig bestimmen zu können.

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