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Farbenlehre – gibt es die A3 in der Realität? Nein!

Licht und Schatten


Seit ich Zahntechnikerin bin, sehe ich mir die Zähne meiner Gesprächspartner ganz genau an. Mehr und sorgfältiger als zuvor. Stimmt es, dass Zähne, insbesondere die Schneidezähne, das erste sind, worauf wir achten, wenn wir mit jemandem sprechen?

Nun, wir Techniker wahrscheinlich schon, denn dies ist zweifellos ein sehr wichtiges Element für den ersten Eindrucks unseres Gesprächspartners. Ein für uns ebenfalls sehr wichtiges Thema, neben der Form, ist die Farbe der Zähne, welche entscheidend für unsere Arbeit ist. So kann uns die Farbe oft nachts wach halten, vor allem, wenn wir einen Einser passend zum Zweier anfertigen müssen. Das ist immer wieder eine große Herausforderung.

Die Farbauswahl wirft eine Reihe von Fragen auf: Gibt es dafür ein Protokoll? Kann man das lernen? Kann man lernen, Farbnuancen in der Welt um uns herum wahrzunehmen? Oder ist es vielleicht vergleichbar mit dem Geruchs- oder Geschmackssinn? Einige haben schärfere Sinne, andere nicht. Nicht jeder kann zum Beispiel Sommelier oder Parfümeur werden, oder? Ich denke, dass man am Wahrnehmungsprozess, der Wahrnehmung bestimmter Dinge, Farben, Lichtnuancen, durchaus arbeiten kann. Man kann den eigenen Sehsinn sensibilisieren, um ihn zu entwickeln. Derzeit gibt es mehrere digitale Protokolle, zum Beispiel e-lab, die diesen Vorgang erleichtern. Ich arbeite zurzeit noch ohne solche Hilfsmittel, obwohl ich zugeben muss, dass das Thema sehr interessant für mich ist und es auf meiner Liste der Lernprioritäten steht.

Deshalb möchte ich mich auf die Grundlagen unserer Wahrnehmung konzentrieren und alle bekannten Tricks anwenden, um den Prozess der Farbwahrnehmung zu erleichtern. Als Absolventin der Akademie der bildenden Künste in Krakau möchte ich mit Ihnen meine Erkenntnisse und Erfahrungen in der Wahrnehmung der Farben teilen. Ich hoffe, dass Sie daraus einiges an Tipps und Tricks mitnehmen können, die es Ihnen ermöglichen, Ihre tägliche Arbeit zu erleichtern. Ich bin mir sicher, dass wir als Techniker über ein ausgeprägtes Sehvermögen sowie über ausgeprägte handwerkliche Fähigkeiten verfügen. Aber wie andere Fähigkeiten auch müssen auch diese entwickelt und verbessert werden. Der Mensch lernt sein ganzes Leben lang.

Was ist der Sehsinn? 

Was sagt Wikipedia über das Sehorgan? Sehen, der Sehsinn, ist die Fähigkeit, Reize zu empfangen, die durch einen bestimmten Bereich elektromagnetischer Strahlung (beim Menschen wird dieser Teil des Spektrums als sichtbares Licht bezeichnet) aus der Umgebung und alle Aktivitäten im Zusammenhang mit der Analyse dieser Reize. Es ist der wichtigste menschliche Sinn und liefert die meisten Informationen aus der Umwelt.

Auge mit blauer Pupille in Großaufnahme

Unser Auge ist ein Wunderwerk der Natur

Unser Auge ist ein Wunderwerk der Natur: Der Sehsinn liefert uns rund 80 Prozent aller Informationen aus der Umwelt, die wir im Gehirn verarbeiten. Menschen können etwa 150 Farbtöne aus dem Spektrum des sichtbaren Lichts unterscheiden. Die Farbwahrnehmung ist als Teilbereich des Sehens die Fähigkeit, Unterschiede in der spektralen Zusammensetzung des Lichts wahrzunehmen. Sie beruht darauf, dass das Auge über verschiedene Rezeptortypen verfügt, die jeweils für bestimmte Bereiche des Lichtspektrums empfindlich sind. Die Erregungsmuster dieser Rezeptorzellen bilden die Grundlage für die komplexe Weiterverarbeitung in Netzhaut und Gehirn, die schließlich zur Farbempfindung führt.
Der wichtigste Faktor für uns beim Sehen ist also das Licht, es lässt Farben überhaupt entstehen. Deshalb kommt ihm bei der Farbwahl eine Schlüsselrolle zu. Im Malatelier hat uns der Professor verboten, schwarze Farbe zu verwenden. Schwarz existiert nicht in der Natur, im Weltraum absorbiert Schwarz Licht und Farben, es absorbiert einfach alles, wie ein schwarzes Loch. Schwarz ist dunkel, aber wenn wir etwas wahrnehmen können, gibt es kein Schwarz mehr, es gibt Licht in einem größeren oder kleineren Spektrum. Diese Farbphilosophie steht dem Kapismus, den sogenannten Polnischen Koloristen, nahe, aus deren Erfahrungen und Theorien auch mein Professor schöpfte

Kapismus – Malen ohne Schwarz

Die Grundzüge des Kolorismus wurden unter dem Einfluss französischer Postimpressionisten (hauptsächlich Cézanne und Bonnard) geprägt. Grundsätzlich verzichteten sie auf Schwarz, verwendeten aber gerne warme Farben (Rot, Gelb, Orange) und markierten die Schatten mit kühlen Farben (Grün, Blau). Sie verwendeten leuchtende Farben, aufgehellt mit Weiß, die oft durch kleine Punkte aufgetragen wurden. Dadurch bildeten sie einen einheitlichen Malstil. Durch das Einbringen eines Kontrasts erreichten sie die „Klanglichkeit der Farbe“ und praktizierten „Farbspiele“, die J. Czapski wie folgt erklärte: „Die glatte Oberfläche in Kombination mit einem helleren Fleck wird dunkler, mit einem dunklen wird sie heller, die graue Fläche in Kombination mit Rot wird zu Grün etc. Das ist es, woraus es besteht: ein Farbspiel.“

Kunstwerk von Georges Seurat, Ein Sonntagnachmittag auf der Insel La Grande Jatte, 1884, Pointillismus

Schauen wir einmal genauer hin, wie sich unsere Wahrnehmung verändert, wenn wir diese Methode anwenden. Als Keramiker wissen wir, dass man die Farbe durch Kontraste, eine Kombination von Farben und Flecken, hervorbringt. Nur dann „leben“ unsere Werke.

Dentin plus Schmelz ist viel zu wenig, um den Erfolg und den gewünschten Effekt zu erzielen. Sogar monolithische Arbeiten erfordern richtiges Malen auf der Grundlage der Illusion. Wir erreichen die Illusion von Tiefe oder Transparenz durch eine geeignete Farbkombination. Indem wir zum Beispiel Leisten, die das Licht reflektieren, geschickt platzieren, können wir den Zahn optisch verkleinern oder verbreitern. Das Auge lässt sich durch das Lichtspiel täuschen. Vielleicht sind diese Tatsachen offensichtlich und ich zähle sie hier unnötig auf, aber ich glaube, es lohnt sich, darüber zu sprechen, vor allem, wenn sich unser Beruf so schnell digitalisiert. Lange Zeit war mir nicht bewusst, welche Rolle mein Kunststudium für mich als junge Keramikerin noch spielen wird. Vieles mache ich wohl unbewusst und arbeite intuitiv, weil meine Farbwahrnehmung so tief verwurzelt ist. Ich empfehle Ihnen, die Welt auch einmal so zu betrachten.

Wenn man sich ein grünes Blatt in der Sonne anschaut, sieht man neben der Palette von Grüntönen noch Gelb, Orange, Weiss und ein warmes Grau. Doch wie sieht dasselbe Blatt im Schatten aus? Ein erfahrenes Auge bemerkt dort auch Lila, Braun und Dunkelblau. Gehen Sie raus in die Natur und beobachten Sie die Lichtspiele, machen Sie Fotos. Wer mich kennt, weiß, dass ich das genau so mache. Das Licht spielt so eine große Rolle! Deswegen ist die Beleuchtung bei der Farbauswahl sehr wichtig. Was nicht bedeutet, dass wir einen Patienten im Sonnenlicht fotografieren müssen. Ganz im Gegenteil, wir müssen die Zähne mit unterschiedlicher Beleuchtung anschauen. Beim Fotografieren während der Farbauswahl lohnt es sich sogar, das Foto abzudunkeln, indem Sie die Blitzparamter so einstellen, dass der Blitz etwas schwächer oder kürzer ist. Sie werden sehen, dass Sie auf einem solchen Foto viel mehr Töne, Farben und sogar Kontraste erkennen können, als auf einem Foto, das leicht überbelichtet ist. Es ist immer gut, direkt zu vergleichen, was wir sehen und was die Kamera gesehen hat.

Viele treffen ihre Wahl der Zahnfarbe mit Standard-Farbschlüsseln, so wird sehr oft nach einem ersten Blick die klassische A3 gewählt. Doch das stimmt nicht, der Zahn besteht nur zu einem Drittel aus A3, in anderen Bereichen haben wir auch etwas D3, B3 und weitere Farbakzente. Es gibt auch Bereiche, die keiner Farbe des Farbschlüssels zugeordnet werden können. Der Keramiker, der seine Keramik gut kennt, weiß, welche Pulver er mischen muss, um die gewünschte Farbe zu erhalten. A3 ist nur eine grobe Richtung. Wir müssen unseren Zahn durch Lichtspiel zum Leben erwecken. Dies ist unsere Leinwand, auf der wir unser Bild und alles, was wir bei der Farbwahl sehen, erschaffen. Mimesis. Nachahmung.

Ein kleiner Tipp: Kaufen Sie die drei Grundfarben Gelb, Cyan und Magenta plus Weiß. Spielen Sie damit ein bisschen herum. Das zahlt sich aus, besonders beim Auftragen der Farbe mit der Glasur. Wenn Sie Gelb und Blau mischen, wird es zu Grün, aber die Kombinatiosmöglichkeiten sind eigentlich endlos. Und die Kombination einer Farbe mit zwei anderen Farben nebeneinander spielt mit unserer Farbwahrnehmung und erschafft wiederum weitere Farbmöglichkeiten. In unserer Wahrnehmung beginnt der Wahrnehmungsakt. Das wünsche ich Euch.

Noch ein Hinweis: Alle Arbeiten, die in diesem Artikel vorgestellt werden, wurden nur auf der Grundlage meiner individuellen Wahrnehmung und Fotos von individueller Farbauswahl in unserem Labor hergestellt.

Danke an das

Dental Atelier Florian Ost 
Deimlerstreße 3
66130 Saarbrücken

und an alle unsere Zahnärzte

Titelbild: Anna Subbotina - stock.adobe.com

Inga Potoczna

Inga Potoczna kommt aus Krakau (Polen) und wurde in eine künstlerische Familie geboren.

2004–2010: Studium an der Akademie der Bildenden Künste mit Abschlusstitel Master (Fakultät für Grafik, Fachrichtung Kunstgrafik und konzeptuelle Fotografie )

2011–2014: Zahntechniker Ausbildung an Krakauer Medizinische Schule

In Krakau erweiterte sie als Keramikerin ihre Fähigkeiten im KapDent-Labor. Seit vier Jahren arbeitet sie in Saarbrücken im Dental Atelier Florian Ost. Seit kurzem ist sie auch als Referentin für Shofu (Komposit) und Dentsply Sirona (Keramik) tätig.

Mitglied seit

1 Jahr 4 Monate