Implantologie

Jahreskongress 2019 der DGI

Konträre Positionen – auch auf höchster Ebene

Volles Haus: Rund 1800 Teilnehmer verfolgten den "Wettstreit der Konzepte".
David Knipping

Volles Haus: Rund 1800 Teilnehmer verfolgten den "Wettstreit der Konzepte".

Erklärtes Ziel der Deutschen Gesellschaft für Implantologie (DGI) war beim 33. Jahreskongress in Hamburg ein Wettstreit der Konzepte. An erster Stelle sollten „Argumente, Fakten und Informationen“ aus der Praxis stehen.

Dass die „Wahrheit“ nicht einfach zu finden ist, demonstrierte bereits im Eröffnungsvortrag Prof. Dr. Dr. Robert Sader (Frankfurt am Main). So sollten Taschen nach einem neuen „narrativen“ Review bei periimplantärer Entzündung nicht sondiert, sondern visuell untersucht und palpiert und der Verlauf mit Röntgen dokumentiert werden [1]. Das widerspricht zum Beispiel den Empfehlungen der European Federation of Periodontology und dem Konzept der Arbeitsgruppe um Prof. Dr. Frank Schwarz (ebenfalls Frankfurt) [2, 3]. Klinisch bedeutsame Faktoren sind ein möglicher Schaden durch häufiges Sondieren [4] und damit verbundene Schmerzen [5].

Robotergeführt und digital

Alles beginnt, auch als Prävention periimplantärer Entzündung, mit guter Planung. Ein wichtiger Trend ist nach Überzeugung des kommenden DGZMK-Präsidenten Prof. Dr. Dr. Jörg Wiltfang (Kiel) Echtzeit-Navi­gation mit Miniaturkameras in Winkelstücken – als ein Schritt in Richtung robotergeführte Operationen. Den Wert von 3-D-Planung für gute Ästhetik und digitale Sofortversorgungskonzepte betonte Dr. Georgia Trimpou (Universität Frankfurt). Dr. Karl- Ludwig Ackermann hält dagegen konventionelle Planung und Implantation nach wie vor für aktuell und in vielen Fällen ausreichend.

Laut Kongresspräsident Prof. Dr. Florian Beuer (Berlin) ermöglicht eine prothetisch orientierte, für ihn in aller Regel digitale Planung deutlich einfachere Versorgungen als in der Vergangenheit: „Ich mache lieber eine komplexe Chirurgie …“. Verschraubte monolithische Prothetik sei technisch und biologisch vielversprechend, aber in bestimmten Aspekten auch anspruchsvoll: So gebe es „weniger Korrekturmöglichkeiten, wenn etwa die Achse nicht stimmt“. Daraus folgt für Beuer, dass Zahntechniker mehr als bisher eingebunden werden sollten. Mit Datenbrille und augmentierter Realität ließe sich möglicherweise in naher Zukunft eine Behandlung von externen Experten online betreuen.

Neue Leitlinien, mehr Medizin und ein Periimplantitis-Ampelsystem

Der Wiesbadener MKG-Chirurg und DGI-Präsident Prof. Dr. Dr. Knut A. Grötz präsentierte auf einer Pressekonferenz aktuelle DGI-Themen, unter anderem:

  • Kurz vor dem Abschluss steht eine neue AWMF/DGI-Leitlinie zu Implantaten bei Patienten mit Immunsuppression oder -defizienz.
  • Die interdisziplinäre Ausrichtung der DGI zeigt sich beim nächsten Jahreskongress, der in Kooperation mit der EAO als internationaler Kongress in Berlin vom 8. bis 10. Oktober 2020 stattfindet, Motto dieser Tagung ist: „…tear down this wall“, um nicht nur die Mauern zwischen den Disziplinen, sondern auch die in den Köpfen einzureißen. Für 2021 ist der Deutsche Implantologie-Tag in Wiesbaden geplant – dieser dann mit DGIM, DGOI und weiteren Fachgesellschaften
  • Ein neues Zusatz-Curriculum für Assistenzpersonal widmet sich speziell der Implantatprophylaxe. Entwickelt werden soll ein Risiko- und Schweregrad-basiertes Ampelsystem für die periimplantäre Infektionskontrolle.

Planung bald mit MRT?

Magnet-Resonanz-Tomografie (MRT) eignet sich für das Matchen von Hart- und -Weichgeweben für computergestützte Versorgungen (Gita Winter, Universität Freiburg) und die Präzision erlaubt die Darstellung von Zahnoberflächen, aber auch von kariösen Veränderungen in neuer, vielversprechender Darstellungsqualität (Dr. Tim Hilgenfeld, Universität Heidelberg) [6]. Bei einem Dental-MRT, das sich nach internen Informationen bereits im Zulassungsprozess befindet, konnte die Voxelgröße auf 0,4 mm gesteigert werden (DVT: 0,13 mm). Da sich auch die Messzeit reduziert hat (keine exakten Daten genannt), könnte die Methode laut Hilgenfeld bald konkurrenzfähig sein.

Geschützte Räume und Tapeten

„Ziel muss eine lebenslange Prognose von Implantaten sein.“ Für Dr. Dr. Andres Stricker (Konstanz und Universität Freiburg) ist dies sehr häufig nur mit augmentativen Maßnahmen möglich, Implantate mit schmalem Durchmesser hätten biomechanisch bedingt eine schlechtere Prognose. Wie bei der Prothetik geht der Trend aber auch bei Augmentationen zu zeitsparenden Konzepten. Für Patienten sei der Unterschied zwischen einem halben oder ganzen Jahr temporärer Versorgung sehr bedeutsam (mehr zu diesem Thema im zweiten Teil des Nachberichts).

Bei einer Restknochenbreite von 5–6 mm empfiehlt Stricker gesteuerte Knochenre­generation (GBR), bei 3–4 mm Knochensplitting und bei 1–2 mm die Auflagerung von Knochenblöcken. Da beim Bonesplitting immer mit einer Fraktur des bukkalen Knochenanteils zu rechnen sei, fixiert er apikal eine Kollagenmembran mit Pins: „Knochen muss in einem stabilen Raum reifen.“
Praxistipp, konträr: Ist bei Augmentationen eine weichgewebige Defektdeckung schwierig, kann laut Prof. Sader auch eine offene Membran-Einheilung funktionieren. Wichtig sei eine engmaschige Kontrolle. Dr. Stricker sieht dagegen fehlende primäre Deckung als „K.O.-Kri­te­rium“.

Bei der von Stricker entwickelten Wall­paper- (Tapeten-)Technik heilt ein Knochenblock zunächst drei bis vier Monate ein. In einem zweiten Eingriff wird implantiert, als Resorptionsschutz ein langsam resorbierendes xenogenes Ersatzmaterial eingebracht und mit einer Kollagenmembran abgedeckt. „Mit nur einem Eingriff besteht das Risiko, dass das biologische System überfordert wird.“ Alternativ ist dieses Stufenkon­zept mit autogenen Knochenschalen möglich [7].

Eine vielversprechende Alternative zu Membranen ist laut Professor Sader das Konzept des Platelet Rich Fibrin (PRF) [8, 9]. Dieses habe aufgrund seiner Zusammensetzung und infolge der schwächeren Zentrifugation eine starke biologische Wirkung als Platelet Rich Plasma (PRP). Wie Sader anhand von Fallbeispielen zeigte, könnte dies vor allem bei Patienten mit Heilungsstörungen relevant sein. Die DGI plant für nächstes Jahr auch eine Leitlinie zum Thema PRF.

Dr. Jan H. Koch, Freising

Teil 2 des Nachberichts folgt

Dr. Jan H. Koch

Dr. med. dent. Jan Hermann Koch ist seit dem Jahr 2000 als freier Fachjournalist und Berater tätig. Arbeitsschwerpunkte sind Fachartikel, Pressetexte und Medienkonzepte für Dentalindustrie und Verbände. Seit 2013 schreibt Dr. Koch als fester freier Mitarbeiter für die DZW und Fachmagazine, unter anderem die Kolumne ZahnMedizin kompakt (Nachfolge Dr. Karlheinz Kimmel).

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