Implantologie

Im Interview: DGI-Pressereferentin Dr. Dr. Anette Strunz

Mir war meine Unabhängigkeit schon immer wichtig

Die DGI für jüngere Kollegen attraktiver machen und mehr Frauen für die Mitarbeit in der Fachgesellschaft und für die Implantologie motivieren –  zwei der Ziele, die Dr. Dr. Anette Strunz im Visier hat.
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Die DGI für jüngere Kollegen attraktiver machen und mehr Frauen für die Mitarbeit in der Fachgesellschaft und für die Implantologie motivieren –  zwei der Ziele, die Dr. Dr. Anette Strunz im Visier hat.

Dass Frauen und Implantologie wunderbar zusammenpassen, beweist Dr. Dr. Anette Strunz seit Jahren eindrucksvoll. Vor einem Jahr wurde sie als erste Frau in den Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Implantologie (DGI) gewählt. Im Interview mit dzw-Redakteurin Katrin Ahmerkamp spricht sie über ihre Tätigkeit für die DGI, ihre eigene Praxis, ihre Empfehlungen für junge Kolleginnen und mögliche Gründe dafür, dass die Zukunft der Zahmedizin zwar weiblich ist, die Implantologie aber anscheinend immer noch eine Männerdomäne.

Frau Dr. Strunz, seit Dezember 2018 sind Sie die erste Frau im DGI-Vorstand und haben dort die Aufgabe der Pressesprecherin übernommen. Warum engagieren Sie sich in der DGI, was möchten Sie erreichen?

Dr. Dr. Anette Strunz: Mein Ziel ist es, die DGI für jüngere Kollegen attraktiver zu machen und auch mehr Frauen für die Mitarbeit und für die Implantologie zu motivieren. Die Fachgesellschaft soll „nahbarer“ werden, insbesondere auch für die Praktiker. Außerdem liegen mir die Mitarbeiter*innen der Praxis sehr am Herzen. Und ich bin dabei, das Projekt „Webseite“ anzugehen, diese muss dringend erneuert werden.

Was fasziniert Sie gerade an der Implantologie?

Strunz: Mir macht die Implantologie Spaß, weil ich gerne operiere und weil es in der Implantologie schon auch darauf ankommt, besonders "schön" zu operieren. Mich freut es, Menschen ein Stück Lebensqualität und damit auch Freude zurückgeben zu können. Sonst ist es ja in der Chirurgie eher so, dass man etwas "weg"-operiert, hier operieren wir etwas "hinzu". Das hat etwas Konstruktives, Kreatives. 

Sie haben eine Praxis für Implantologie und Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie. Eine von acht Berliner Praxen, die in der Fokus-Bestenliste geführt werden, von diesen ist Ihre die einzig weiblich geführte Praxis. Ein kleiner Ausschnitt, der zeigt, dass die Implantologie immer noch von Männern dominiert ist – obwohl die Zahl der Zahnärztinnen unter den Mitgliedern der Fachgesellschaften und in den Curricula und Masterstudiengängen Implantologie steigt. Warum ist das Ihrer Meinung nach so?

Strunz: Grundsätzlich wehre ich mich ja immer gegen dieses „Frauen sind so und Männer so“… Trotzdem muss ja, wenn man sich die Zahlen anschaut, etwas dran sein. Ich bin wahrscheinlich keine „typische“ Frau.

Ich denke, es gibt mehrere Gründe: Ein großer Anteil in der Implantologie ist der chirurgische Part. Und sowohl in der Oralchirurgie als auch – noch viel mehr – in der Mund-, Kiefer-, Gesichtschirurgie findet man weniger Frauen als Männer. Traditionell sind diese chirurgischen Fächer in Männerhand – das heißt, es fehlt auch einfach an Vorbildern.

Für eine Facharzt- oder Fachzahnarztausbildung braucht man Zeit, die vielleicht in der Familiengründungszeit fehlt. (Auf der anderen Seite ist alles nur eine Frage der Organisation und der Entschlossenheit.) Man muss vielleicht etwas mutiger, entschiedener und beherzter vorgehen, wenn man operiert als wenn man Prothetik macht – aber das sind wir Frauen doch auch! Mit körperlicher Kraft hat es jedenfalls nichts zu tun. Ich denke, dass insgeheim auch Ängste mit hineinspielen, Ängste vor Neuem, vor Unbekannten, davor, etwas Ungewöhnliches zu machen… ich weiß es nicht genau. Wahrscheinlich sollten Sie eher die Frauen fragen, die es nicht machen! Ich bin die Falsche…

Grundsätzlich möchte ich auch betonen, dass die Implantologie ja nicht nur aus dem chirurgischen Teil besteht. Man muss ja nicht alles in der eigenen Praxis machen. Man kann es auch so halten wie meine Zuweiser: für den chirurgischen Teil zum Chirurgen, zur Chirurgin schicken, den Rest, also Vorbehandlung, Planung, Prothetik, Nachsorgen selbst.

Die Publizistin Bascha Mika hat vor einigen Jahren in einer heftig diskutierten Streitschrift „Die Feigheit der Frauen“ beklagt. Viele gut ausgebildete Frauen würden sich selbst zurücknehmen und unter ihren Möglichkeiten bleiben, weil sie im Grunde vor dem „harten Leben“ mit Stress, Zeitdruck, Konkurrenzkampf zurückschrecken würden. Ist da vielleicht etwas dran?

Strunz: Sicher ist etwas dran, das habe ich leider auch erlebt. Schade eigentlich! Das ist wahrscheinlich das, warum ich sage, ich bin keine typische Frau, ich stürze mich ganz gerne in Herausforderungen und wachse an meinen Aufgaben. Ich würde es sonst langweilig finden.

Was leitende Positionen in Kliniken und Verbänden angeht, sind manche Frauen sicher auch einfach schlauer und sparen sich ihre Energie für die wichtigen Dinge. Ich finde manche Auseinandersetzungen, die sich einige Männer liefern, einfach Zeitverschwendung und damit überflüssig. Dafür ist das Leben zu kurz!

Umso wichtiger ist es aber doch, dass die soziale Kompetenz mehr Einzug hält in die Kliniken. Zu meiner Zeit in der Charité wurde so gar nicht auf die Patienten eingegangen, da gab es dann so Sprüche wie "Sie haben ja auch Krebs und keinen Schnupfen" . . .Da würde etwas mehr Sinn für den Menschen "hinter" der OP gut tun. Und scheinbar haben wir Frauen das doch besser drauf, zumindest in der Mehrheit.

Ist eine Verbesserung der Aus- und Fortbildung nötig? Beispielsweise mehr monoedukative Angebote?

Strunz: Ich denke, dass es genug Fortbildungsangebote gibt. Es könnte trotzdem helfen, wenn auch monoedukative Angebote dabei wären. Ich wehre mich zwar innerlich dagegen, habe aber auch die Erfahrung gemacht, dass die Stimmung eine andere ist, wenn nur oder überwiegend Frauen in einer Fortbildung sitzen. Es werden mehr Fragen gestellt und Unwissenheit wird eher zugegeben, was eine entspanntere und offenere Lernatmosphäre zur Folge hat. Es entsteht mehr Nähe und Austausch. Aus dem ersten Frauenkursus zum Beispiel, den wir vor langer Zeit einmal angeboten hatten, ist ein Stammtisch entstanden, der inzwischen unser „Salongespräch für SIE“ hier in der Praxis ist. Hier haben sich Freundschaften entwickelt, ein echter Austausch.

Warum haben Sie persönlich sich für eine Praxisgründung entschieden?

Strunz: Mir war schon immer im Leben meine Unabhängigkeit wichtig. Ich möchte selbst entscheiden können, wie, wann und mit wem ich arbeite. Mir macht die Gestaltung des Ganzen sehr viel Spaß.

Gerade mit Familie hat das viele Vorteile, die manchen gar nicht so klar sind: Ich kann sehr flexibel arbeiten. Wenn meine Tochter Geburtstag hat, blocke ich mir den Nachmittag aus und hole den am nächsten Tag nach. Wenn mein Sohn vormittags eine Aufführung hat, kann ich auch das einplanen. Als meine Kinder noch Säuglinge waren, hatte ich im Terminplan eingetaktete „Abpump-Minuten“ – das geht alles! Und umgekehrt, wenn zu Hause alle verreist sind, plane ich mir viele und große OPs ein und nutze die Zeit zum Arbeiten.

Wie haben Sie die Gründungszeit Ihrer Praxis erlebt?

Strunz: Ich bin vor vier Jahren aus einer großen Praxis ausgestiegen und habe noch einmal eine neue Praxis aufgemacht. Ich musste vom Skalpellhalter über die Schränke bis zum DVT alles neu anschaffen, die Räume komplett neu gestalten. Die Zeit war extrem anstrengend, sehr schlafmangelig und sehr intensiv. Durch den hohen Adrenalinspiegel, den ich wahrscheinlich die ganze Zeit hatte, habe ich es gut durchgestanden. Dazu beigetragen haben meine Mitarbeiterinnen und meine Familie, die mich sehr unterstützt haben. Die kreativen Anteile, die so etwas ja auch hat, haben mir viel Spaß gemacht. Es war insgesamt für mich eine große Chance, alles genau so zu bauen und einzurichten, wie ich es brauche. Und jetzt macht es einfach Spaß, dort zu sein. Dies geht allen so, alle Besucher geben uns sehr positives Feedback, die Patienten fühlen sich wohl und kommen gerne. Das motiviert natürlich auch die Mitarbeiterinnen.

Pippi Langstrumpf war als Kind mein Idol - jetzt habe ich mir eine Welt „wie sie mir gefällt…“ gebaut.

Sie bieten in Ihrer Praxis besondere Fortbildungsformate an. Den implantologischen Afternoontea beispielsweise oder die Salongespräche. Was erwartet die Teilnehmer dort?

Strunz: Diese Fortbildungen richten sich insbesondere an zuweisende Zahnärztinnen und Zahnärzte. Ich habe gemerkt, dass es hilft, wenn man sich kennenlernt und miteinander im Gespräch ist. So kann man voneinander lernen und besser zusammen arbeiten. Dies wiederum nutzt den Patienten. Früher hatten wir einen Stammtisch, der bei einem Italiener stattfand. Dort konnte man aber keine klinischen Bilder zeigen. In meiner Praxis kann ich am Beamer einen Vortrag halten und danach am Tisch mit den Kollegen essen und trinken und in einer geschützten Atmosphäre diskutieren. Und wie bereits erwähnt, wir haben auch Salongespräche für SIE, zu denen oft dieselben Kolleginnen kommen.

Der implantologische Afternoontea ist vor allem für junge Kolleginnen und Kollegen gedacht, die eher noch am Anfang stehen. Hier wird im sehr kleinen Kreis in zwangloser Atmosphäre alles besprochen, was gerade an Fragen da ist. Diese können über „wo hast Du Deine Feuerlöscher her und bei welcher Bank bist Du“ bis zu „wie lösen wir diesen Fall implantologisch und wie können wir unsere Daten für die Planung matchen“ gehen. Mit diesem Format haben wir gerade erst angefangen und ich freue mich über jede/n, der/ die kommt!

Auch der Verband Dentista nutzt übrigens inzwischen meinen Salon für seine Stammtische.

Müssten die Frauen in der Implantologie mehr netzwerken und sich gegenseitig unterstützen?

Strunz: Ja, Netzwerken ist immer hilfreich und gut und ja auch eine Stärke von uns Frauen.

Was würden Sie jungen Kolleginnen, die sich für die Implantologie interessieren, mit auf den Weg geben wollen?

Strunz: Lernen, lernen, lernen, hospitieren, schauen, assistieren, fragen, fragen, fragen. Genauso wie die beiden, die gerade bei mir sind.

Außerdem: eine Implantatversorgung besteht nicht daraus, das Implantat in den Kiefer zu drehen. Es gehören Vorbereitung, Planung, Patientenführung, PA, Prothetik dazu. Daher sollte man grundsätzlich die Fühler in alle Richtungen ausstrecken und die Zeit, die man anfangs ja meist noch reichlicher hat, wirklich zur Fort- und Ausbildung nutzen. Dabei eine gesunde Grundskepsis nicht vergessen und sich lieber selbst eine Meinung bilden. Demut haben vor dem Menschen, vor dem Gewebe, vor dem eigenen Können. Selbstkritisch sein.

Noch ein ganz anderer Aspekt: Frauen in der Implantologie – das sind natürlich auch die Patientinnen. Haben diese andere Bedürfnisse und Ansprüche als Männer?

Strunz: Mein Eindruck ist, dass Frauen es schätzen, von Frauen operiert zu werden. Interessanterweise sind 60 Prozent meiner Patienten weiblich. Alle Patienten schätzen bei uns, dass sie umsorgt und aufmerksam und zugewandt behandelt werden. Frauen bringen ihre Ängste oft mehr zum Ausdruck, Männer, die Angst haben, sind häufiger unfreundlich und grummelig und erst nach der Behandlung wie ausgewechselt freundlich. – Das muss man wissen, um damit umgehen zu können!

Neben Ihrer Praxis und Ihrer Tätigkeit für die DGI sind Sie als Referentin tätig. Bleibt Ihnen eigentlich noch Freizeit? Wo findet man Sie denn, wenn Sie einmal Zeit für sich haben?

Strunz: Im Schwimmbad auf der 50-Meterbahn. Hinter einem Buch. Oder mit meinen Kindern und meinem Mann auf Reisen!

Frau Dr. Strunz, haben Sie herzlichen Dank für das Interview.

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