Zahnmedizin

3. Berner Gerodontologie-Symposium

Versorgungslücke beginnt beim Putzen

Screenshot vom Berner Gerodontologie-Symposium
Screenshot: Koch

Wie inzwischen gewohnt, fand das Berner Gerodontologie-Symposium online statt. Nur die Moderatoren und einige Referenten waren vor Ort im Kongress-Studio (links: Frauke Müller, rechts: Greta Barbe).

Prävention, Prothetik und interdisziplinäre Themen

Bei pflegebedürftigen Patienten sollte wie bei Kleinkindern nachgeputzt werden, für Mini-Implantate muss bei Ganzkieferversorgungen meist aufgeklappt wer­den und geistige Fitness lässt sich mit Tanz und Musizieren erhalten (Näheres weiter unten). Das online veranstaltete Gerodontologie-Sym­posium lieferte klare Ansagen.

So verwies der Berliner Zahnerhal­ter Prof. Dr. Sebastian Paris auf Gemeinsamkeiten von ganz jungen und ganz alten oder pflegebedürftigen Menschen. In beiden Gruppen gebe es eine Vorliebe für süße Speisen und es fehle an Kompetenz, den Mund selbstständig sauber zu halten. Entsprechend müsse nachgeputzt werden: „Bei den eigenen Eltern ist das bisher weniger selbstverständlich als bei Kindern.“ Weiterhin sei auf eine kauaktive Ernährung zu achten, um Speichelfluss und Selbstreinigung zu unterstützen.

In Bezug auf Karies enthält eine von Paris koordinierte, frei verfügbare Übersicht zuständiger Fachgesellschaften detaillierte Emp­fehlungen [1]. Unter anderem sollte demnach bei Wurzelkaries möglichst keine Füllung gelegt, sondern regelmäßig mit hochdosierter Fluoridzahncreme (5.000 ppm) geputzt werden. Ist dies zum Beispiel bei schlechter Zugänglich­-keit des Defekts nicht möglich, eignen sich zervikal Glasionomer­ma­terialien oft besser als Komposite.

Geschulte Laien so gut wie Profis

Mit zunehmender Pflegebedürftigkeit nimmt der Anteil nicht behandelter oraler Probleme zu [2]. Der Schlüssel ist laut der Kölner Ärztin und Zahnärztin PD Dr. Dr. Greta Barbe (Universität Köln) die Mundhygiene: „Die Versorgungslücke beginnt beim Putzen.“ Die täglichen Maßnahmen des Pflegepersonals verbessern – auch bei entsprechender Schulung – die Entzündungswerte bei Heimbewohnern nicht signifikant [3].

Wie Barbes Arbeitsgruppe zeigen konnte, gelingt dies jedoch durch zusätzliches professionelles Zähneputzen in mindestens zweiwöchentlichen Intervallen [4]. Auch Wurzelkaries ließe sich damit kontrollieren. Derselbe Effekt war interessanterweise erzielbar, wenn geschulte Laien (Angehörige) die Aufgabe übernahmen. Mundgesundheitsbezogene Empfehlun­-gen für pflegebedürftige Patien­-ten enthält ein ebenfalls frei zugängliches europäisches Konsenspapier [5].

Motivation: Rubikon überqueren, Planungsphase einbauen

Motivationsforschung zu oralmedizinischen Themen ist rar. Nach Auskunft des Psychologen und Motivationsforschers Prof. Dr. Guido Gendolla (Universität Genf) lassen sich aber allgemeine Erkenntnisse übertragen:

  • Ziele sollten klar formuliert und zugleich ausreichend
  • anspruchsvoll sein.
  • Wichtig ist Selbstverpflichtung, basierend auf einer Selbstbeobachtungs- und Planungsphase (zum Beispiel bei der Raucherentwöhnung).
  • Wenn der erste Schritt getan ist, fällt der weitere Weg leichter („Rubikon überqueren“). „Selbstkontrolle ist trainierbar wie ein Muskel.“
  • Die Motivation steigt, wenn Ziele mit glücklichen oder
  • wütenden Gefühlen gekoppelt werden (zum Beispiel über Emojis oder innere Bilder).

Um alltagskompetent zu bleiben, sollten sich auch alte Menschen viel bewegen, zum Beispiel tan­zen, regelmäßig Musik machen oder Brettspiele spielen. Laut Prof. Dr. Reto W. Kressig, Ärztlicher Direktor der Altersmedizin an der Universität Basel, schützt die enge Verbindung zwischen Motorik und Hirnleistung vor Demenz, und zwar deutlich besser als Denkaufgaben. Alte Menschen mit Muskelschwund (Sarkopenie) profitierten von kohlenhydratarmer, aber proteinreicher Ernährung (vor allem Leuzin), zum Beispiel aus Fleisch, Nüssen und Milchprodukten.

In Bezug auf eine „orale Fitness“ scheint Zungen- und Kautrai­ning die orale und allgemeine Gesundheit zu fördern. Die Arbeitsgrup­pe von Prof. Dr. Peter Svensson, Spezialist für orale Funktion und Schmerzforschung (Universität Aarhus, Dänemark) untersucht in diesem Kontext auch die Rolle von Unterkiefer-Protrusions-(UKP-)Training und UKP-Schienen.

CAD/CAM-Prothesen, Mini-Implantate, Blutstillung

Die neue ITI-Präsidentin Dr. Charlotte Stilwell ist in einer Londoner Privatpraxis niedergelassen. Bei herausnehmbaren Prothesen realisiert sie mit ihrem Zahntechniker auf Patientenwunsch natür­liche Interdentalräume und täuschend echt wirkende „Gingiva“-Anteile („scharf auslaufende Ränder verbessern die Farbwirkung“). Für Patienten in Pflegeheimen stehen laut Stilwell aber meist eher die ersetzten Zähne im Fokus. Der mit CAD/CAM erreichbare ästhetische Standard werde meist akzeptiert, sodass mit diesen Techniken verloren gegangene Prothesen leichter zu ersetzen seien.

Die durch implantatgestützte Unterkieferprothesen verbesserte Lebensqualität basiert nach einer aktuellen Greifswalder Studie auf der wieder hergestellten Funktion [6]. Entsprechend ist Sofortbelas­tung laut PD Dr. Simone Janner (Universität Bern) in der ersten Zeit nach Eingliederung vorteilhaft. Muss ein sehr schmaler Kieferkamm reduziert werden, eigneten sich wegen nach kaudal zunehmender Breite häufig „Standard“- Implantate mit Durchmessern ab 3,5 mm, sonst auch Mini-Implantate mit einem Durchmesser kleiner 3,0 mm. Die Entscheidung fälle Janner in fast allen Fällen erst nach Aufklappung.

Bei alten, häufig polymedizierten Patienten hat laut Dr. Michael Parunovac (niedergelassen in Ams­­­terdam) auch ein einfacher chirurgischer Eingriff zahlreiche klinische Konsequenzen. So sollte die lo­kale Hämostase durch möglichst begrenzte Operationen kontrolliert werden, Antikoagulantien dürf­ten in der Regel nicht abgesetzt werden. Parunovac entfernt bei Extraktionen maximal drei Zäh­ne, in der Front gegebenenfalls auch vier. Als lokales Hämosta­tikum empfehle er Hemcon, das zwar relativ teuer, aber sehr gut wirksam sei.

Screenshot von Michael Parunovac beim Gerodontologie-Symposium
Screenshot: Koch

„Auch kleine chirurgische Eingriffe können kompliziert sein.“ Michael Parunovac gibt Hinweise zu Medikationen und Blutstillung.

„DHs haben einen ganz anderen Background“

Das komplexe Versorgungssystem für pflegebedürftige Patienten in der Schweiz wurde in einer Reihe von Vorträgen deutlich. So verwies der niedergelassene Zahnarzt Dr. Marcel Z’Graggen (Chur) auf die für komplexe Behandlungen notwendige Vernetzung und Praxisor­­ganisation, in Bezug auf klinische ebenso wie auf finanzielle Aspekte. In Graubünden wird die entsprechende Versorgung offenbar sehr effizient in regionaler Verantwortung organisiert.

Die besondere Rolle von Den­tal­hy­gienikern beleuchteten der Zahn­­arzt Dr. Willy Baumgartner und die DH Marie-Laure Grand-
jean
(beide Zürich) anhand eigener Betreuungs- und Forschungsprojekte. Aufgrund ihrer deutlich fundierteren Ausbildung könnten DHs auch selbstständig Pflegehei­me betreuen, häufig gemeinsam mit einem Prophylaxe-Assistenten (PA) und einem Zahnarzt im Hintergrund. Das Einkommen von DHs sei sehr unterschiedlich, liege aber aufgrund identischer Abrechnungspositionen meist näher an demjenigen von PAs als von Zahnärzten.

Fazit

Organisiert wurde der hochkarä­tige Kongress von den mit Gerodontologie befassten Abteilungen der Universitäten Bern (Prof. Dr. Martin Schimmel), Genf (Prof. Dr. Frauke Müller), Basel (Prof. Dr. Michael Bornstein) und Zürich (Prof. Dr. Murali Srinivasan), gemeinsam mit der Swiss Dental Association und der Japanese Society of Gerodontology. Die Teilnehmerzahl lag bei mehr als 600 (darunter über 100 Teilnehmer aus Japan), wobei viele nicht live dabei wa­ren, sondern das On-demand-An­ge­bot nutz­­ten. Die  internationale Ausrichtung war mit 40 Ländern beachtlich. 

Auch die Themen erwiesen sich unter anderem mit Ernährungswissenschaften, Neurologie und Psychologie als weit gefächert und dieser Bericht enthält nur eine Auswahl. Das Querschnittsfach Alterszahnheilkunde gewinnt wei­ter an Profil und gehört zweifel­los wie die Kinderzahnheilkunde in das Curriculum jeder oralmedizinischen Fakultät.

Die Vorträge sind noch bis Anfang Juni 2021 online buchbar.

Dr. Jan H. Koch, Freising

Hinweis: Im Bericht genannte behandlungsbezogene Empfehlungen beruhen auf Informationen aus den Vorträgen und unterliegen möglichen Irrtümern bei der Wiedergabe. Sie können in keinem Fall die klinische Einschätzung der Leserin oder des Lesers ersetzen und müssen eigenverantwortlich geprüft werden (siehe auch Literaturliste).

 

Literatur

[1] Paris S, Banerjee A, Bottenberg P, Breschi L, Campus G, Doméjean S, et al. How to Intervene in the Caries Process in Older Adults: A Joint ORCA and EFCD Expert Delphi Consensus Statement. Caries Res 2020;54:1-7.
[2] Barbe AG, Küpeli LS, Hamacher S, Noack MJ. Impact of regular professional toothbrushing on oral health, related quality of life, and nutritional and cognitive status in nursing home residents. International Journal of Dental Hygiene 2020;18:238-250.   
[3] De Visschere L, de Baat C, Schols JM, Deschepper E, Vanobbergen J. Evaluation of the implementation of an ‘oral hygiene protocol’ in nursing homes: a 5-year longitudinal study. Community Dent Oral Epidemiol 2011;39:416-425.  
[4] Barbe AG, Kottmann HE, Derman SHM, Noack MJ. Efficacy of regular professional brushing by a dental nurse for 3 months in nursing home residents-A randomized, controlled clinical trial. Int J Dent Hyg 2019;17:327-335.  
[5] Charadram N, Maniewicz S, Maggi S, Petrovic M, Kossioni A, Srinivasan M, et al. Development of a European consensus from dentists, dental hygienists and physicians on a standard for oral health care in care-dependent older people: An e-Delphi study. Gerodontology 2021;38:41-56.  
[6] Al Jaghsi A, Heinemann F, Biffar R, Mundt T. Immediate versus delayed loading of strategic mini-implants under existing removable partial dentures: patient satisfaction in a multi-center randomized clinical trial. Clinical oral investigations 2021;25:255-264.  

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