Seniorenzahnmedizin

Unterwegs im Zahnmobil

„Hier geht es um Menschen“

Das Zahnmobil wird abgeladen
dzw / Evelyn Stolberg

Rund vier Minuten dauert es durchschnittlich, bis das Zahnmobil abgeladen ist und sicher steht.

Mittwoch, 8 Uhr in Bad Ems. Dr. Christoph Blum und acht seiner Mitarbeiterinnen stehen rund um den Empfangsbereich seiner Praxis. Sie besprechen den Tag. Nach einer Viertelstunde ist alles Wichtige geklärt, und es ist Zeit zu gehen: Er und drei seiner Angestellten verlassen mit zügigen Schritten die modernen Räume, die in weiß-grün gehalten sind. Am Schild: „Bitte lächeln“ geht es vorbei nach draußen. Dort steht das Zahnmobil, mit dem der Fachzahnarzt für Oralchirurgie und sein Team heute unterwegs sein werden. Rund vier Minuten dauert es, bis der Container, in der sich eine vollausgestattete Zahnarztpraxis inklusive mobilem Röntgengerät befindet, auf den Lkw geladen ist. Die drei Mitarbeiterinnen fahren im Auto hinterher. Sowohl auf dem Mobil als auch auf dem Pkw steht in großen Buchstaben der Name der Praxis: Dr. Blum und Partner.

Durch Bad Ems geht es auf kurvigen, schmalen Straßen Richtung Nassau. An einem Tierpräparator und einem Tierbestatter vorbei ist nach wenigen Minuten das Ziel erreicht: das Altenpflegeheim „Haus Hohe Lay“. Doch der Arztparkplatz ist besetzt. Die Autos kommen nicht am Zahnmobil vorbei, das mit Blinklicht vor der Einfahrt, die in einer Kurve liegt, anhalten muss. Erst, als der Kollege nach einigen Minuten herbeieilt und seinen Wagen wegfährt, kann Dr. Blum aufatmen und mit dem Abladen des Containers beginnen. „Eigentlich waren wir angekündigt, und die Stelle sollte frei bleiben. Aber so ist das nun mal manchmal“, erklärt er.

Eine Patientenliege wird ins Zahnmobil gefahren
dzw / Evelyn Stolberg

Über eine Rampe geht es mit der höhenverstellbaren Liege ins Zahnmobil.

Sein Zeitplan heute ist eng getaktet. 19 Patienten warten darauf, im Zahnmobil untersucht und behandelt zu werden. Einige sind noch recht fit, andere bettlägerig. Alle hat Dr. Blum im Vorfeld bei einer Routinekon­trolle, die auf den Zimmern der Bewohner stattfand, kennengelernt. Dadurch konnte er die Tour durchplanen. Und so gibt es unterschiedlich lange Zeitfenster für seine Patienten – je nachdem, was gemacht werden muss. Für vier Behandlungen ist eine Sedierung erforderlich. „Das machen wir aber nur bei Patienten, bei denen wir befürchten müssen, dass sie während der Behandlung nach den Instrumenten greifen oder große Angst haben, weil sie nicht wissen, was mit ihnen passiert“, erklärt Dr. Blum.

Eine seiner ersten Patientinnen ist kaum ansprechbar. Sie ist demenziell verändert, wie es in der Fachsprache heißt. Ihr Name ist Rosemarie. Begleitet wird sie von ihrer Tochter, Carmen Ach. Die kennt Dr. Blum noch von früher. „Wir sind zusammen im Rettungsdienst gefahren, das ist aber schon sehr lange her“, sagt sie augenzwinkernd. Dass sie vom Fach ist, merkt man sofort. Mit geübten Handgriffen hilft sie Dr. Blum, ihre Mutter aus dem Rollstuhl auf die Liege zu legen, die mit wenigen Handgriffen höhenverstellbar ist und über eine Rampe ins Zahnmobil geschoben werden kann. Während der gesamten Behandlung bleibt die Tochter bei ihrer Mutter. Später, nach der Behandlung, greift Dr. Blum der Seniorin geübt unter die Arme und bringt sie behutsam in eine aufrechte Position. Als sie steht und er sie festhält, lächelt er und sagt: „Na, noch ein kurzes Tänzchen mit dem Doktor, dann ist es geschafft.“ Es kostet einiges an Körperkraft, die ältere Dame wieder in den Rollstuhl zu setzen, doch alles klappt reibungslos.

Altenheim Hohe Lay
dzw / Evelyn Stolberg

Heute hält das Zahnmobil vor dem Seniorenheim Haus Hohe Lay.

„Das Zahnmobil ist für uns eine unglaubliche Erleichterung“, sagt Carmen Ach, während sie ihrer Mutter eine braune Wolldecke über die Beine legt. „Es ist eine riesige Strapaze für Menschen mit Demenz, ihre gewohnte Umgebung zu verlassen. Und im Zahnmobil ist jede Behandlung möglich.“ Sie streicht sich eine Strähne aus dem Gesicht. Dann sagt sie: „Es sollte deutschlandweit Zahnmobile geben. Und ich kann ehrlich nicht verstehen, dass Christoph in dem Jahr, von der Idee bis zu Fertigstellung, so viele Hürden mit Genehmigungen meistern musste. Die Leute sollten doch froh sein, dass endlich mal jemand was macht.“

Als kurz darauf Christa Rohde vom Arbeiter-Samariter-Bund mit ihrem Besuchshund Lady – einem Golden Retriever – durch die Tür des Heims kommt, sind einige Bewohner, die zuvor das Treiben vor dem Eingang mit dem Zahnmobil verfolgten, abgelenkt. „Ahs“ und „Ohs“ sind zu hören. Auch Carmen Ach wuschelt dem freundlichen Hund durchs blonde Fell. Jessica Wagner, die Pflegedienstleitung, gesellt sich kurz dazu. Sie ist froh, dass Dr. Blum jetzt regelmäßig kommt. „Uns ist wichtig, dass unsere Bewohner gut versorgt sind. Und es hilft uns sehr, dass er unseren Pflegern erklärt, wie sie bei der Mundpflege vorgehen sollen. Das gibt unseren Mitarbeitern mehr Sicherheit, vor allem, weil es so viele Arten von Zahnersatz gibt. Jetzt können wir Fragen stellen und bekommen alles gut erklärt.“

Dr. Christoph Blum im Gespraech mit einem Patienten
dzw / Evelyn Stolberg

Helmut Dick hat Schmerzen, weil die Prothese drückt. Dr. Blum will ihm helfen.

Dr. Blum holt in der Zwischenzeit mit seiner Mitarbeiterin Jenny Thill die nächste Patientin ab. Marianne Bleith ist noch fit, kann sich mit dem Rollator problemlos alleine fortbewegen. „Ich bin gerade beim Essen“, sagt sie, als der Zahnarzt und seine Mitarbeiterin vor ihr stehen. Doch der Termin geht vor, und von Dr. Blum ist die 82-Jährige angetan. „Nach meiner ersten Untersuchung habe ich mir auf seinen Rat hin eine elek­trische Zahnbürste gekauft. Die Zähne fühlen sich jetzt viel sauberer an nach dem Putzen“, sagt sie begeistert. Sie findet das Zahnmobil „eine tolle Sache“. Denn: „Meine Angehörigen können mich ja nicht immer zum Arzt fahren. Und für die anderen Bewohner hier ist das doch auch schön. Besonders für die, die nicht mehr so gut können.“

Nach der ersten Kontrolle zieht Dr. Blum eine Bleischürze an. Mit dem mobilen Röntgengerät macht er zwei Aufnahmen. Nur er darf es benutzen, seine Mitarbeiterinnen nicht. Und er muss – so lautet die Auflage – ein Dosometer tragen. Unter der Bleischürze. „Das macht irgendwie keinen Sinn“, sagt er, ist aber trotzdem froh, dass er als einziger Zahnarzt in Deutschland die Möglichkeit bekommen hat, das Gerät einzusetzen. Es macht die Behandlung einfacher. Bei Frau Bleith stellt er fest: Ein Zahn hat eine verkürzte Wurzel. „Den werden Sie vermutlich irgendwann verlieren, aber jetzt müssen wir da noch nichts machen“, sagt er.

Vor dem nächsten Patienten, den er im Heim auf dessen Zimmer besuchen wird, sagt er noch: „Es gibt keine Behandlung und keinen Eingriff, den wir im Zahnmobil nicht machen können. Dabei geht es mir nicht darum, viel Geld mit Implantaten zu verdienen. Hier geht es um gute Basiszahnmedizin, damit die Menschen keine Schmerzen mehr haben und im besten Fall ein Stück mehr Lebensqualität dazugewinnen.“ Und das ist gar nicht so einfach. Im hellen Zimmer von Helmut Dick hängen viele Fotos an den Wänden, auf denen er lächelt. Heute ist ihm das Lachen vergangen, denn die Prothese bereitet ihm große Schmerzen. Feste Nahrung zu sich nehmen kann er nach einer Kehlkopfoperation auch nicht mehr. „Mein Traum wäre, nochmal ein Schnitzel zu essen. Aber diese Hoffnung habe ich aufgegeben“, sagt er.

Röntgen im Zahnmobil.
dzw / Evelyn Stolberg

Patientin Marianne Bleith wird im Zahnmobil mit einem mobilen Gerät geröntgt.

Dr. Blum packt seinen Dremel aus und beschleift die Vollprothese des Seniors in dessen Badezimmer über dem Waschbecken so lange, bis sie nach seiner Einschätzung nicht mehr drücken kann. Trotzdem verzieht sein 73-jähriger Patient das Gesicht, als er sie einsetzt. „Es drückt und tut weh. Überall“, sagt er. Dr. Blum prüft den Sitz und nickt dann kurz. „Wissen Sie was? Ich sage dem Zahntechniker, er soll drei Millimeter weichen Kunststoff verwenden. Dann schauen wir, ob sich die Situation bessert.“

Als Dr. Blum und Jenny Thill die nächste Patientin abholen wollen, öffnet niemand die Tür. Das Zimmer ist verlassen. Ob die Seniorin beim Mittagessen ist? Der Chef und seine Mitarbeiterin werfen sich vielsagende Blicke zu. Ein fest eingeplanter Patient, der nicht pünktlich erscheint, wirft den kompletten Zeitplan durcheinander. „Eigentlich schicken wir deshalb auch im Vorfeld einen Ablaufplan mit Angabe des Zeitfensters und den Namen der Patienten an die Einrichtung“, erklärt Jenny Thill. Zum Glück löst sich das Problem von allein. Ein anderer Heimbewohner, der nicht auf der Liste stand, würde gerne untersucht werden. Und füllt so die Lücke. Einfach ist anders.

Ob die Anerkennung im Kollegenkreis ihn für seine Mühen entlohnt? „Ehrlich gesagt, werde ich ziemlich angefeindet. Ich habe Mails bekommen, in denen steht, dass das Zahnmobil ein schlimmes Projekt ist. Weil die Kolle­gen den­ken, dass sich dadurch die Politik, die eigentlich mehr in der Senioren­zahn­medi­zin tun müsste, zurücklehnt und sagt, ach, die Zahnärzte regeln die Probleme schon selbst.“
Genau genommen meint er damit auch die Finanzierung. Die kam größtenteils aus seiner eigenen Tasche. Um es zu verdeut­lichen: Die Kosten beliefen sich auf rund 200.000 Euro. 15.000 kamen vom Land, 10.000 vom Rhein-Lahn-Kreis. Die restlichen 175.000 Euro hat er selbst finanziert, wobei, wie er sagt, diese Summe „zum kleinen Teil durch die Werbeunterstützung beteiligter Industrie verringert werden konnte“. Warum nimmt er dann den Stress auf sich? Er zuckt die Schultern und sagt, dass er nach vielen Notfällen mit Senioren, die mit starken Entzündungen teils vom Rettungsdienst in seine Praxis gebracht worden waren, etwas ändern wollte.

Dass es Nachahmer für sein Zahnmobil geben wird, glaubt er nicht. „Viele Kollegen fürchten sich davor, multimorbide Patienten zu behandeln. Und auch die Abrechnungsmöglichkeiten sind absurd. Je nachdem, ob ich eine Einrichtung für pflegebedürftige Senioren aufsuche oder eine Einrichtung für Menschen mit Behinderungen, kann ich im ersten Fall mehrere Ziffern abrechnen, die ich bei jungen, mehrfach schwerstbehinderten Patienten nicht abrechnen kann. Das ist irgendwie nicht nachvollziehbar“, sagt der Oralchirurg.
Könnte er nicht viel einfacher und bequemer in der Praxis Geld verdienen? Leicht neigt er den Kopf zur Seite, als er antwortet: „Ich fand den schwierigen Weg schon immer interessanter. Und hier geht es schließlich um Menschen. Menschen, die unser Land aufgebaut haben, von dessen Wohlstand wir jetzt profitieren. Und bloß weil die anderen nichts machen, heißt das ja noch lange nicht, dass ich nichts machen kann.“

Zeit, sich länger zu unterhalten, hat er nicht. Die nächste Patientin wartet schon. Noch vier Senioren wird er heute versorgen, bevor er den Container mit seiner Zweigpraxis wieder auf den Lkw lädt und sich auf den Rückweg nach Bad Ems macht, wo das Zahnmobil für seinen nächsten Einsatz stehen wird. Mehr als einmal pro Woche rauszufahren kann Dr. Blum sich nicht erlauben, dafür ist in der Praxis zu viel zu tun. „Aber vielleicht habe ich Glück? Wir suchen gerade Verstärkung. Und vielleicht kann der neue Kollege oder die neue Kollegin dann zusätzlich ein- bis zweimal wöchentlich mit dem Zahnmobil rausfahren. Genügend Anfragen haben wir. Und der Bedarf wird in den nächsten Jahren mit Sicherheit weiter wachsen.“

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