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Dr. Jobst Landgrebe im Interview

Was kann künstliche Intelligenz wirklich?

Dr. Jobst Landgrebe
Health AG

Dr. Jobst Landgrebe

Was die Abrechnungssoftware der Health AG Hēa Ratio so schlau macht, ist die künstliche Intelligenz (KI), die ihr der Kölner Mathematiker und Unternehmer Dr. Jobst Landgrebe verpasst hat. Ist Hēa Ratio bald schlauer als wir alle zusammen, und werden künstliche Intelligenzen die Menschen in Zukunft sogar beherrschen? Dr. Jobst Landgrebe, geschäftsführender Gesellschafter und Gründer der Firma Cognotekt, im Interview mit Jochen Brenner.

Herr Landgrebe, woher kommt die künstliche Intelligenz, und was bedeutet sie für uns?

Dr. Jobst Landgrebe: Eine seit Jahrzehnten entwickelte Form der angewandten Mathematik, die in den späten 1940er-Jahren auf den Namen „künstliche Intelligenz“ getauft wurde, kommt seit einiger Zeit zum kommerziellen Durchbruch. Dieser technologische Umbruch wird unsere Arbeitswelt ebenso umfassend verändern wie die industrielle Revolution, die seit gut zweihundert Jahren anhält und manuelle Arbeit immer weiter rationalisiert hat.

Was kann KI wirklich?

Landgrebe: KI ist derzeit ein Modethema, ganz ähnlich wie das Internet Ende der 1990er-Jahre. In solchen Zeiten schäumt manchem der Geist über. So glaubt einer der kreativsten und besten KI-Ingenieure der zweiten Generation, Ray Kurzweil, KI könne den Neocortex abbilden, also den wichtigsten Teil der Großhirnrinde. Damit würde KI bald mächtiger sein als Menschen und könne Menschen durch Abbildung des menschlichen Geistes im Computer unsterblich machen. Ich hingegen definiere KI nüchterner: Eine von Menschen entworfene, in Rechenmaschinen ablaufende Abfolge mathematischer Modelle, die mithilfe spezieller Schnittstellen menschliches und maschinelles Verhalten aufzeichnen, um es mathematisch zu verarbeiten und zu imitieren. Dies bezeichnen wir als KI-Automaten.

Wie funktionieren diese KI-Automaten?

Landgrebe: KI-Automaten funktionieren, indem das zu imitierende Verhalten gemessen und nachgebildet wird. Dafür wird der Mensch, dessen Verhalten imitiert werden soll, als Wesen modelliert, das eine Situation erfasst, verarbeitet und auf sie mit einem bestimmten Verhalten reagiert. Die Situation wird dem KI-Automaten als ein von KI-Mathematikern definierter Dateninput vorgelegt, das Ergebnis des Verhaltens von Menschen ebenfalls in Form von Daten. Nun kann der Automat das Verhalten nachbilden.

Können Sie bitte ein Beispiel nennen?

Landgrebe: Speichert man beispielsweise in einem KI-Automaten Millionen von Erstattungsanträgen und das Resultat der versicherungstechnischen Schadenregulierung, kann der Automat zum „Experten“ des Verhältnisses zwischen der Rechnung und der Auszahlung (samt der Begründung von Kürzungen, falls diese anfallen) werden. Diese Imitation ermöglicht eine Automatisierung menschlicher Entscheidungen. In unserem Beispiel kann das Verhalten des Sachbearbeiters der Versicherung automatisiert werden. Das Ergebnis wird auf diese Weise billiger und fehlerärmer ermittelt. Mithilfe mehrerer Automaten (einer Automatenkette) kann menschliches Verhalten auch simuliert werden, indem man der Kette eine Situation vorgibt und für diese nach Auswertung des beobachteten Verhaltens die wahrscheinlichste Reaktion von Individuen oder Gruppen errechnet. Auf diese Weise lässt sich individuelles Verhalten in begrenztem Umfang vorhersagen oder auch steuern.

Kann KI schlauer als der Mensch werden?

Landgrebe: Da KI-Automaten nur imitieren können, warum befürchten Beobachter dann eine „übermenschliche Intelligenz“ der Maschine (auch Singularität genannt)? Vielleicht lassen sie sich davon täuschen, dass KI-Automaten unter bestimmten Bedingungen eine präzise definierte Aufgabe besser leisten als Menschen. So bei vielen Spielen: 2016 besiegte beispielsweise der Go-Automat der Firma Google Deep Mind die besten Go-Spieler der Welt. Er hatte aus menschlichen Spielen gelernt, aber auch aus maschinellen Spielen (etwa zwei KI-Automaten gegeneinander). Jedoch sind Spiele, in denen eine Miniaturwelt geschlossener Situationen mit sehr kleinem Handlungsrepertoire und festgelegtem Punktesystem geschaffen wird, nicht mit dem echten Leben vergleichbar. Dort haben wir es mit einer nicht definierbaren Gesamtlage und spontanen, nicht absehbaren Reaktionen von Menschen zu tun. Vor allem ist es einem Automaten nicht möglich, die Situation, auf die er reagieren soll, spontan zu erfassen – Realitätsausschnitte müssen immer wieder neu portioniert und den Automaten zum Training in einer mathematisch zu definierenden Form vorgelegt werden.

Was unterscheidet die KI also vom Menschen?

Landgrebe: KI-Automaten haben nichts, was uns als Menschen ausmacht: keine Intentionalität, keinen Willen, keine freien Assoziationen, kein moralisches Denken, keine Ideale und keinen Glauben. Es sind Imitationsmaschinen. Was sie gelernt haben, können sie mit genügend Rechenkraft unglaublich viel schneller und fehlerfreier verrichten als Menschen – aber eben nur das. Um neues Verhalten zu erlernen, sind sie in Realsituationen zum einen auf menschliche Vorbilder, zum anderen auf KI-Mathematiker, die Realitätsausschnitte für sie portionieren, angewiesen.

Wofür eignet sich KI besonders gut?

Landgrebe: Neben der Imitation menschlichen Verhaltens können KI-Automaten Muster identifizieren, die sich nur durch die Zusammenschau großer Datenmengen erkennen lassen (Mustererkennung). In der Praxis können neue Muster gefunden und menschlichen KI-­Instruktoren vorgelegt werden; diese bestimmen dann, wie in Zukunft auf ein solches Muster reagiert werden soll. Der Automat erlernt dies und kann nun auf das von ihm selbst entdeckte Muster reagieren. Das gilt auch für Muster, die aus Sprache bestehen: Neuerdings können KI-Automaten auch Gedanken, wie sie beispielsweise in Sätzen oder Textabsätzen geäußert werden, als sinnerhaltende mathematische Muster abbilden.

Wem nutzen solche Fähigkeiten?

Landgrebe: Wegen ebensolcher Fähigkeiten von KI-Automaten zur Mustererkennung und Automatisierung werden diese nun in immer neuen Bereichen eingesetzt: in Start-ups und innovativen Branchen (von Web-Händlern und Social Media) vorbehaltlos, aber zunehmend auch in konservativen Branchen wie Banken und Versicherungen. Alle Lebensbereiche – Freizeit und Arbeitswelt, öffentlicher und privater Raum – werden von KI-Automaten durchdrungen: KI macht schon heute Web-Shoppern Kaufvorschläge und optimiert individuell zugeschnittene Werbung und Rabatte. KI wird in Wohnungen als ansprechbarer digitaler Diener (zum Beispiel Amazon Echo) aufgestellt. KI ist in unserem Smartphone im Betriebssystem und vielen Apps. KI überwacht den öffentlichen (und in bestimmten Situation auch den privaten) Raum. KI handelt an Börsen und Märkten, schreibt Zeitungsartikel, steuert demnächst unsere Autos und wird bald Ärzte, Rechtsanwälte, Steuerberater, Apotheker, Richter und Notare unterstützen. Einfache Tätigkeiten von Ärzten und Anwälten werden durch entsprechende KI-Internetangebote ersetzt; bei einfachen Arzneiverschreibungen ist dieser Prozess schon in vollem Gang.

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