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„Volle Zugehörigkeit zur Medizin – willkommen im 21. Jahrhundert“
Dr. Jan H. Koch

Dr. Jan H. Koch

Der Kommentar von Dr. Jan H. Koch zu den Statements der Professoren Radlanski und Pröbster zur Frage: „Brauchen wir noch eine Approbationsordnung für Zahnmedizin?“

„Soll der Zahnarzt in seinem Berufe die Wege einschlagen, welche die wissenschaftliche Zahnheilkunde vorzeichnet, so muss er (…) sich einer umfassenden medizinischen Bildung erfreuen.“ So die Position von Moritz Heider, Vorsitzender des Central-Vereins deutscher Zahnärzte [1]. Das war im Jahr 1859 und wurde bekanntlich nur in Österreich umgesetzt. Noch 1918 sprachen sich mehr als 90 Prozent der deutschen Zahnärzte gegen ein vollständiges Medizinstudium aus. Hintergrund war auch die hart erkämpfte Abgrenzung gegen Kollegen aus der „großen“ Medizin. Diese hatten sie lange bevormundet und sogar zu höheren Honoraren selbst zahnärztlich behandelt [1].

Nur ein medizinisch gut ausge­bil­deter Zahnarzt kann die im oralen Bereich vorkommenden Erkrankungen und Symptome richtig diagnostizieren und therapieren

Im Jahr 2020, so scheint es, sind wir noch nicht viel weiter. Professor Pröbster begründet seine Ablehnung von Kollege Radlanskis grandios verfasstem Vorstoß zur Abschaffung eines separaten „Zahnmedizin“-Studiums [2] unter anderem damit, dass der „gesamtgesellschaftliche Nutzen“ einer vollen medizinischen Ausbildung „zweifelhaft“ und deshalb zu teuer sei. Dem muss klar widersprochen werden: Nur ein medizinisch gut ausgebildeter Zahnarzt kann die im oralen Bereich vorkommenden Erkrankungen und Symptome richtig diagnostizieren und therapieren oder im interdisziplinären Netzwerk an die entsprechenden Kollegen überweisen.

DGZMK-Präsident Professor Roland Frankenberger bemerkt in einem aktuellen Interview, dass „alte Krusten aufgebrochen“ werden müssten und eine „horizontale Vernetzung“ mit der Medizin notwendig sei [3]. Die neue zahnärztliche Approbationsordnung (ZApprO) sei ein „zahnloser Tiger“. Einige Fakultäten wagen schon vorsichtige Reformschritte. So soll ein Modellstudiengang in Hamburg „die Interdisziplinarität von Medizin und Zahnmedizin von Beginn an schulen“ [4]. Die wissenschaftliche Kompetenz soll durch ein in die medizinische Fakultät „integriertes und begleitendes Wissenschafts-Training“ gefördert werden. Die Frage ist allerdings, warum nicht gleich eine komplette Integration der Zahnmedizin in die Medizin angestrebt wird. Eine Stellungnahme der DGZMK war kurzfristig nicht zu bekommen – was angesichts der Tragweite des Themas nicht überrascht.

Warum tut sich weltweit so wenig in Bezug auf eine grundlegende Modernisierung der Ausbildung? Natürlich sind viele Pfründe zu bewahren, angefangen von Lehrstühlen bis hin zu Sesseln in Kammern und KZVen. Wichtiger sollte aber sein, wie auf dem Weg zur Fachärztin oder zum Facharzt für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (Oralmedizin) eine hochwertige Versorgung sichergestellt werden kann. Wie genau dieser Weg aussehen sollte, ist gründlich zu überlegen. Da die Ausbildung sicher länger dauern und deshalb teurer wird, sollten sich orale Mediziner mehr auf ärztliche Aufgaben konzentrieren. Sie dürften – wie in vielen Ländern üblich – mehr Delegation wagen, zum Beispiel an gut ausgebildete Dentalhygienikerinnen.

Angehende „Zahn“-Mediziner in Praxis, Forschung und Lehre müssen zukunftsfest gemacht werden – auch und vor allem im Interesse der Patienten. Nach Jahrhunderten als Zahnbrecher, später Dentisten und seit einigen Jahrzehnten Mediziner „zweiter Klasse“ ist die Profession reif für die Aufnahme in den medizinischen Kanon – und damit für die Zugehörigkeit zum ärztlichen Berufsstand. Der Weg dorthin wird nur mit viel Mut für Veränderungen möglich sein. Geht die deutsche Zahn- und Oralmedizin hier voran, wird sie ihrem häufig geäußerten Anspruch weltweiter Bedeutung gerecht.

Quellen

[1] Groß D. Die Zahnheilkunde als Stiefkind der Medizin? Das Ringen der Zahnbehandler um ärztliche Akzeptanz. Die Geschichte des Zahnarztberufs in Deutschland. Berlin: Quintessence Publishing, 2019:53-62.

[2] Radlanski R. Brauchen wir noch eine Approbationsordnung für Zahnmedizin?
Die ZahnarztWoche 2020:6.

[3] Frankenberger R, Dannewitz B. Zahn-Medizin: Mundgesundheit, SARS-CoV-2/Covid-19 und Co. In: Marschall M (ed). Quintessence News, 2020.

[4] Redaktion. Modellstudiengang startet in Hamburg. Die ZahnarztWoche 2019:11.