Oralmedizin kompakt

Neues aus der Forschung

Kurze Implantate im Oberkiefer

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Für Ihre Patienten wollen Sie auf dem Laufenden bleiben. Welche Methoden funktionieren – und sind möglichst mit Studien abgesichert? Die Kolumne Oralmedizin kompakt liefert Antworten. Fachjournalist Dr. med. dent. Jan H. Koch sichtet für Sie laufend wissenschaftliche und praxisorientierte Publikationen oder berichtet von Veranstaltungen.

Erfolg kurzer Implantate im OK nicht gesichert

Bei Knochenmangel können kurze Implantate eine Alternative zu längeren sein, doch gilt dies gleichermaßen für Ober- wie Unterkiefer?

Eine systematische Literaturübersicht im „International Journal of Oral and Maxillofacial Implants“ mit mehr als 4.500 Implantaten in teilbezahnten Kiefern ergab für jeden Millimeter zusätzlicher Implantatlänge eine um 2 Prozent geringere Verlustrate im Oberkiefer. Ausgewertet wurden nur Studien ohne Augmentation.

Im Unterkiefer ergab sich dagegen kein statistisch signifikanter Zusammenhang mit der Implantatlänge. Die Autoren von der Universität Michigan folgern, dass kurze Implantate (≤ 6 mm) im Unterkieferseitenzahnbereich eine „vernünftige“ Alternative darstellen.

Eine weitere, vom selben Team durchgeführte Recherche vergleicht klinische Ergebnisse mit kurzen (≤ 6 mm) oder längeren Implantaten (≥ 10 mm). Einbezogen wurden mehr als 1.600 Implantate in augmentierten und nicht augmentierten Ober- und Unterkiefern (teil- und unbezahnt).

Im Gegensatz zum ersten Review wurde hier keine signifikant unterschiedliche Überlebensrate gefunden. Knochenverlust und Entzündungswerte waren für kurze Implantate sogar geringer, die Zahl prothetischer Komplikationen dagegen höher. Eine Einzelstudie aus Italien bestätigt, dass bei zahnlosen Unterkiefern je fünf interforaminale 6-mm-Implantate ebenso erfolgreich sein können wie 11 mm lange.

Quintessenz
Quintessenz

Längenverhältnis ohne Einfluss auf Versorgung

Die Forschergruppe aus Michigan untersuchte, ob sich die Verschiebung bei kurzen Implantaten auf das Längenverhaltnis von Implantat und Prothetik auf die Versorgung auswirkt. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass das Längenverhaltnis „nicht direkt mit erhöhtem Knochenverlust verknüpft zu sein scheint“ oder einen „erhöhten biomechanischen Risikofaktor darstellt“.

In Übereinstimmung mit einer anderen systematischen Studie wurde kein signifikanter Zusammenhang zwischen Längenverhaltnis und Versorgungstyp oder Verblockung mit dem Knochenabbau ermittelt. Ein Längenverhaltnis von > 1,5 erwies sich sogar als günstig, wobei der Wert von 1,5 aus zahlreichen Studien im Vorfeld als relevanter Grenzwert (cutoff) ermittelt wurde.

Auch eine besonders lange Krone bei 6-mm-Implantaten hatte keine negativen Auswirkungen auf die untersuchten biologischen und prothetischen Parameter. Andererseits gab es einen statistisch bedeutsamen Zusammenhang zwischen Knochenverlust und Versorgungsdauer.

Längenverhältnis und Sinuslift

Zwei Studien mit randomisiertem Vergleich zwischen augmentiertem und nicht augmentiertem Sinus bei geringer Knochenhohe bestätigen die bisherigen Ergebnisse. So waren Einzelkronen auf 8-mm-Implantaten in maxillaren Restkieferkammen von ≤ 4 mm ohne Sinuslift ebenso erfolgreich wie die gleichen Implantate mit Sinuslift. Die Implantate waren zum Zeitpunkt der Implantation nur durchschnittlich 2,4 mm (augmentierte Stellen) beziehungsweise 2,7 mm (nicht augmentierte Stellen) tief in nativem Knochen verankert.

Das durchschnittliche Längenverhaltnis zwischen Kronen betrug zum Belastungszeitpunkt 3,8 beziehungsweise 4,6 und nach fünf Jahren 2,0 beziehungsweise 2,1. Ebenfalls nach fünf Jahren zeigte die zweite Studie für 6 mm (ohne Sinuslift) beziehungsweise 11 mm lange Implantate (mit Sinuslift) keinen signifikanten Unterschied in Bezug auf Implantatverlust, Knochenabbau und prothetische Komplikationen. Die Patientenzufriedenheit war in beiden Gruppen hoch.

Hinweis: Dieser Beitrag kann nicht die klinische Einschätzung des Lesers ersetzen. Er soll lediglich – auf der Basis aktueller Literatur und/oder von Expertenempfehlungen – die eigenverantwortliche Entscheidungsfindung unterstützen.

Dr. Jan H. Koch

Dr. med. dent. Jan Hermann Koch ist seit dem Jahr 2000 als freier Fachjournalist und Berater tätig. Arbeitsschwerpunkte sind Fachartikel, Pressetexte und Medienkonzepte für Dentalindustrie und Verbände. Seit 2013 schreibt Dr. Koch als fester freier Mitarbeiter für die DZW und Fachmagazine, unter anderem die Kolumne ZahnMedizin kompakt (Nachfolge Dr. Karlheinz Kimmel).