Ergonomie

Expertentipps eines Kollegen

„Gelebte Ergonomie“ ist mehr als ein gesunder Rücken

Jens-Christian Katzschner
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Zahnarzt Jens-Christian Katzschner berät Kollegen in Sachen Ergonomie.

Ergonomie ist für viele Zahnärzte nun wirklich nicht gerade ein fesselndes Thema. Tatsächlich wird sie auch leider häufig nur mit gesunder Körperhaltung in Verbindung gebracht. Allerdings kann man mit „gelebter Ergonomie“ eine Menge Zeit und Energie sparen. Alle praxisrelevanten Aspekte, die dazu beitragen, und deren positive Auswirkungen auf unsere tägliche Arbeit werden im Folgenden übersichtsartig beleuchtet.

Was versteht man unter „gelebter Ergonomie“?
Mehr als 20 Jahre zahnärztliche Arbeit und Erfahrungen als Ergonomie-Coach führen zu folgendem Schluss: „Ergonomie ist Erhalt der eigenen Gesundheit bei optimaler Arbeitsleistung und bestem Arbeitsergebnis“. Dazu gehören alle auftretenden arbeitsbedingten Interaktionen bei der täglichen zahnärztlichen Arbeit. Gelebte Ergonomie umfasst also neben belastungsarmer Arbeit auch die Prozessoptimierung durch Workflow-Management, wie auch die Praxisorganisation für Qualität, Material und Hygiene. Somit spielen neben einer aufrechten Sitzposition auch alle manuellen und organisatorischen Fertigkeiten eine entscheidende Rolle.

Wie setzt man Ergonomie um?
Auf keinen Fall in der Sprache der Arbeitswissenschaft. Oder könnten Sie sich den Bericht Ihres letzen Urlaubs als Tortendiagramm vorstellen? Arbeitswissenschaft ist zwar wichtig für die grundlegende Beschreibung, aber nur durch die schrittweise Umsetzung aller Bestandteile in die tägliche Arbeit wird diese zur gelebten, weil angewendeten Ergonomie. Versuchen wir es einmal Schritt für Schritt.

Belastungsfreies Arbeiten
Alle am Arbeitsprozess Beteiligten müssen reproduzierbar wissen und wahrnehmen, was eine physiologisch tolerable Belastung ist, und was eben nicht. Das gilt nicht nur für die Wirbelsäule, sondern gleichermaßen auch für die Kopf-, Arm- und Handhaltung. Winkelmaße und Abstandsmessungen sind dafür eher ungeeignete Prüfkriterien, da sie nur schwer in die tägliche Praxisroutine integrierbar und anwendbar sind. Oder wie stellen Sie sich eine Weisheitszahnentfernung im Oberkiefer mit angelegtem Bandmaß oder Winkelmesser vor?

(Abb. 1 Belastung Rücken / Belastung Hand).

Der Rücken wird belastet.
Der Rücken wird belastet.

Abb. 1 Belastung für den Rücken.

Die Hand wird belastet.
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Abb. 1 Belastung für die Hand.

Wenn Sie Ihre belastungsfreie Behandlungsposition kennen, gilt es, diese möglichst bei jeder Behandlungssituation für das ganze Team beizubehalten. Jetzt kommt es zur Interaktion von angestrebter physiologischer Körperhaltung mit der durchzuführenden Arbeitsaufgabe und der vorhandenen Ausrüstung. Software trifft auf Hardware. Ein weiterer Aspekt: der Behandlerstuhl. Dieser muss eine physiologische Sitzposition für unterschiedliche Körpergrößen gewährleisten und möglichst aktiv eine aufrechte Körperposition begünstigen.

(Abb. 2 Behandlerstuhl).

Der Behandlerstuhl
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Abb. 2 Der Behandlerstuhl

Weiterhin: die Behandlungseinheit mit bequemer Patientenliegefläche. Schließlich muss der Patientenmund mit seiner Vielzahl von einzusehenden Zahnflächen an die jeweils erforderliche Stelle bewegt werden. Das Team muss in der Lage sein, sich so um den Patientenmund zu positionieren, dass alle Instrumente im peripheren Arbeitsfeld greifbar und alle Zahnflächen optimal in direkter oder, wenn nötig in indirekter Sicht mit Spiegel, einsehbar sind.

(Abb. 3 Patientenposition).

Die Patientenposition ist wichtig.
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Abb. 3 Die Position des Patienten ist wichtig.

Auch das Licht spielt eine wichtige Rolle. Für ein möglichst schattenfreies Erhellen des Arbeitsfeldes kommt es auf eine gute Allgemeinbeleuchtung und Umfeldbeleuchtung mit richtiger Farbtemperatur und Lichtfarbe an. Die zur punktuellen Ausleuchtung der Mundhöhle genutzte Lampe muss eine räumliche Umpositionierung ermöglichen. Dafür sind ein ausreichend langer Lampenarm und eine dreiachsige Verstellbarkeit Voraussetzung. So können leicht der richtige Abstand zum Objekt und die richtige Lichtrichtung blendfrei für den Patienten ermöglicht werden.

(Abb. 4 Licht).

Licht während der Behandlung
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Abb. 4 Das richtige Licht spielt eine große Rolle.

Eine systematische Absaug- und Haltetechnik sorgt bei jeder Behandlung für beste Sicht, für den Schutz des Arbeitsfeldes und für eine erhebliche Reduktion des Spraynebels. Die Erfahrungen haben gezeigt, dass fertige Systematiken „nach Jemandem“ häufig in der eigenen Praxis auf Grund der individuellen Einrichtungssituation nur sehr schwer umsetzbar sind. Es gibt beispielsweise Systematiken, die für Oberkiefer und Unterkiefer unterschiedliche Positionen definieren. Dann ist es nicht verwunderlich, dass beispielsweise bei einer Behandlung, die eine Sicht auf alle Zahnflächen erfordert, schnell der eigene Körper verdreht wird. Auf Dauer ist das sehr gefährlich. Andere Systematiken wiederum erfordern eine konsequente Umrüstung. Besser ist es in jedem Fall, eine eigene individuelle Arbeitssystematik für die Praxis zu entwickeln.

(Abb. 5 Individuelle Arbeitssystematik).

Individuelle Arbeitssystematik
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Abb. 5 Individuelle Arbeitssystematik.

Vergrößernde Sehhilfen
Bei der Wahl einer Lupenbrille sollte man großen Wert darauf legen, dass sie die physiologische Arbeitshaltung nicht negativ beeinflusst. Es ist von Nöten, dass der optimale Neigungswinkel eingestellt wurde oder einstellbar ist. Ein ganz entscheidendes optisches Qualitätsmerkmal ist die Koaxialität der beiden Optiken. Dies erklärt auch explizit den Preisunterschied zwischen „Baumarktversion“ und Optikerlupe.

(Abb. 6 Arbeitshaltung und Sehhilfen).

Arbeitshaltung und Sehhilfen
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Abb. 6 Arbeitshaltung und Sehhilfen.

Eine konsequente Arbeitssystematik ist besonders für Mikroskopanwender zwingend erforderlich. Durch die relativ fixe Positionierung ist man bei der Arbeit mit Mikroskop gezwungen, eine ganz stringente Sitzposition einzuhalten. Nicht in jeder Praxis gelingt dies, und so werden Mikroskopanwendungen leider häufig auf einflächige, in eine Blickrichtung ausgelegte Behandlungen wie etwa Endo begrenzt. Im schlimmsten Fall steht das teure Mikroskop zugedeckt in einer Ecke.
Auch die Praxis- und Materialorganisation sind feste Bestandteile gelebter Praxisergonomie. Dabei kommt es nicht nur darauf an, WIE der Arbeitsablauf organisiert ist und durch Workflow Management optimiert werden kann. Insbesondere ist es wichtig, WIE VIELE Verrichtungen notwendig sind, um eine Arbeitsaufgabe vorzubereiten und ausführen zu können. Messen Sie einmal die zurückgelegten Wege und zählen Sie die Handgriffe, die in Ihrer Praxis notwendig sind! Es sind mit Sicherheit viel zu viele und vor allem unnötige Handlungen, die Sie und Ihre Mitarbeiter viel Zeit und Energie kosten. Prüfen Sie, ob die Arbeitsinstrumente an vielen verschiedenen und auch nur mit starker körperlicher Belastung zu erreichenden Orten gelagert sind. Dies bringt hohes Belastungspotential und einen hohen Zeit-, Lager- und Personalbedarf mit sich.

So können Sie leicht Abhilfe schaffen:
Mit einer sinnvollen containerbasierten zentralen Materialorganisation lassen sich körperliche Belastungen deutlich reduzieren und Personalressourcen an anderer Stelle sinnvoll einsetzen. Durch diese Effizienzsteigerung gewinnen Sie jede Menge Praxiszeit.

(Abb. 7 Materialorganisation).

Materialorganisation
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Abb. 7 Materialorganisation

Manche Behandlungsausrüstung passt besser oder schlechter zu unserer Arbeit. Dabei spielt es keine Rolle, welche ergonomische Deklaration sie hat. Manchmal sind es nur fehlende 10 Zentimeter, die ein ganzes Arbeitskonzept vereiteln können. Stellen Sie sich vor, Sie wollen als Mikroskopanwender in der dafür optimalen 12-Uhr- Position behandeln. Dafür ist ausreichend Platz hinter dem Patientenkopf erforderlich. Befinden sich dort allerdings Instrumentenschränke, können diese nicht nur den notwendigen Platz einschränken, sondern auch die dort gelagerten Instrumente sind während der Behandlung nicht erreichbar, da sich die Schubladen nicht öffnen lassen. Auch alle rotierenden Instrumente müssen bequem erreichbar sein und der Lampenarm muss die richtige Position zulassen.

Manchmal fehlen 10 Zentimeter
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Abb. 8 Fehlende 10 Zentimeter

(Abb. 8 fehlende 10 Zentimeter).

„Gelebte Ergonomie“ - Tipps für Praxisgründer
Begehen Sie nicht die gleichen Fehler, wie Generationen von Zahnärzten vor Ihnen. Oftmals wird man erst nach einigen Berufsjahren schmerzlich an die eigenen Defizite erinnert. Die fehlende universitäre Ausbildung in puncto Ergonomie lässt sich leicht rügen. Aber mit Blick auf die überfrachteten Lehrpläne, personelle und manchmal auch finanzielle Probleme, wird vieles verständlich. Es gibt viele Möglichkeiten, sich Wissen anzueignen, das einem den Erhalt von Arbeitskraft und Gesundheit erlaubt. Während der Gründungsphase sind heutzutage deutlich umfangreichere Aspekte zu berücksichtigen, als noch vor 25 Jahren. Der ergonomische Aspekt sollte in keinem Fall vernachlässigt werden, denn er spielt eine maßgebliche gestalterische Rolle und ist für die weitere Entwicklung und das Wachstum der Praxis entscheidend. Auch krankheitsbedingte Ausfalltage sind in diesem Zusammenhang zu nennen. Einrichtung und Organisation bestimmen wesentlich den Arbeitsablauf und ein mögliches individuelles Arbeitskonzept.


Vertrauen Sie dabei nicht allein auf die ergonomische Fachkompetenz Ihres Dentalberaters. Die Anforderungen an Ihre Einrichtung und Ausrüstung richten sich nach Ihren Tätigkeiten und individuellen Belangen. Nur Sie selbst können und müssen diese klar definieren, auch im Hinblick auf spätere Veränderungen oder Erweiterungen. Mit dem Rat erfahrener zahnärztlicher Kollegen können Sie Fehlentscheidungen vermeiden, die Sie in Ihrer Arbeit einschränken oder gar behindern. Später sind selbst Kleinigkeiten oft nur mit großem Aufwand zu korrigieren, denn einmal erworbene Verhaltensmuster lassen sich bekanntlich nur schwer abtrainieren. Sie sind unbewusst gewohnheitsmäßig in „Fleisch und Blut“ übergegangen. Manchmal wünschen wir uns sehnlichst eine ultimative schnell umsetzbare und helfende Lösung. Damit erklärt sich auch das wachsende Interesse an ergonomisch deklarierten Produkten. Aber welche Wunder erwarten wir vom Kauf solch ergonomischer Ausrüstung? „Der Anreiz, spontan Mängel zu beseitigen, ist viel geringer als die Duldsamkeit, mit der man sie hinnimmt.“


Jens-Christian Katzschner, Hamburg

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Nachdruck aus Zahnärzteblatt Sachsen 06/16
mit freundlicher Genehmigung LZÄK Sachsen

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