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„Politik zeigt ­unverantwortliche Realitätsferne“

„Die Politik setzt Scheuklappen auf, wenn es darum geht, die Situation der zahnärztlichen Versorgung im Land zu bewerten“, erklärt der Vorsitzende der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Sachsen-Anhalt, Dr. Jochen Schmidt.

Im Rahmen des Pressegesprächs am Rande des Neujahrsempfangs der Heilberufler Sachsen-Anhalt am 11. Januar 2023 erklärt er, dass Sachsen-Anhalt schon jetzt ausreichend Zahnärztinnen und Zahnärzte fehlen, um alle Menschen bedarfsgerecht zu versorgen.

Die Zahnärzteschaft in Sachsen-Anhalt blickt derzeit auf immense Herausforderungen bei der Sicherstellung der vertragszahnärztlichen Versorgung. Wegen fehlendem Nachwuchs und immer mehr Zahnarztpraxen, deren Besitzer altersbedingt in den Ruhestand gehen, aber zusehends seltener einen Nachfolger finden, ist die flächendeckende Sicherstellung der vertragszahnärztlichen Versorgung und somit die Mundgesundheit der Bevölkerung Sachsen-Anhalts gefährdet.

Kaum Kapazitäten für Neupatienten

Der KZV-Vorstandsvorsitzende Schmidt erklärt: „Immer mehr GKV-Versicherte wenden sich an die Kassenzahnärztliche Vereinigung und die Zahnärztekammer in Sachsen-Anhalt, weil sie keine Zahnarztpraxis mehr finden, die sie als Neupatienten aufnimmt. Die Kapazitäten von Praxen sind in vielen Regionen des Landes schlichtweg erschöpft. Wer auf der Suche nach einer Zahnarztpraxis noch fündig wird, kann sich glücklich schätzen.“

Diese Einordnung wird auch von einer aktuellen Umfrage unter den Zahnarztpraxen im Land bestätigt. Von ca. 200 teilnehmenden Praxen antwortete nur jede zweite, dass sie noch Neupatienten aufnehmen kann. 83 Prozent gaben an, dass sie täglich oder mehrmals pro Woche Anfragen von Zahnarztsuchenden erhalten.

Nach Einschätzung der KZV Sachsen-Anhalt wird sich diese Situation in den nächsten Jahren weiter verschärfen, weil mehr als 60 Prozent der noch aktiven Zahnärztinnen und Zahnärzte älter als 55 Jahre sind. Ein Teil sei bereits im Rentenalter, arbeite aber noch weiter, damit ihre Patientinnen und Patienten nicht in ein Versorgungsloch fallen. Mit jeder weiteren Praxis, die schließt, müssen sich zwei- bis dreitausend Patientinnen und Patienten auf die Suche nach einer neuen Zahnarztpraxis machen.

Da bis 2030 mehrere Hundert Praxen aus der Versorgung ausscheiden, erwartet die KZV Sachsen-Anhalt eine massive Versorgungslücke mit Folgen für die Mundgesundheit der Bevölkerung. Denn ausbleibende Kontrolluntersuchungen und fehlende Präventionsleistungen können auf Dauer zu schwerwiegenden Problemen der Zahngesundheit führen.

Unverständnis für politische Einschätzung

Die politisch Verantwortlichen im Land verweisen demgegenüber darauf, dass der Versorgungsgrad für Sachsen-Anhalt derzeit rechnerisch knapp über 100 Prozent liege und eine Unterversorgung erst bei einem Versorgungsgrad von unter 50 Prozent gegeben sei. Der KZV-Vorsitzende hat dafür völliges Unverständnis: „Ein Versorgungsgrad von 100 Prozent bedeutet nicht, dass die Bevölkerung im Land zu 100 Prozent bedarfsgerecht versorgt wird“, erklärt Schmidt.

Exemplarisch dafür sei die Landeshauptstadt Magdeburg, wo es für die Bürger trotz einem rechnerischen Versorgungsgrad von knapp 100 Prozent spürbar schwieriger wird, zeitnahe Behandlungstermine zu erhalten und viele Neupatienten auf der Suche nach einer behandelnden Praxis bereits auf andere Regionen ausweichen. Schmidt sieht daher akuten Handlungsbedarf: „Wenn wir die zahnärztliche und kieferorthopädische Versorgung im Land weiterhin sicherstellen wollen, muss die Politik endlich aufwachen.“

Die Zahnärzteschaft hat bereits vielfältige Maßnahmen umgesetzt. Die KZV Sachsen-Anhalt ist die erste bundesweit, die ein verbindliches und systematisches Programm zur Nachwuchsgewinnung aufgebaut hat. Von der Landesregierung fordert die KZV Sachsen-Anhalt unter anderem die Einführung einer Landeszahnarztquote, aber auch finanzielle Unterstützung für Nachwuchskräfte, die sich zur zahnärztlichen Tätigkeit im Land verpflichten.

Reihe von schwarzen, leeren Stühlen mit einem roten Stuhl in der Mitte

KZV LSA sieht Sicherstellung der Versorgung gefährdet

Rahmenbedingungen verschlechtert

Kritisch äußert sich der KZV-Vorsitzende in diesem Zusammenhang auch zum gerade erst verabschiedeten GKV-Finanzstabilisierungsgesetz (GKV-FinStG): „Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen auch für die vertragszahnärztliche Versorgung haben sich durch die aktuelle Krisensituation mit stark steigender Inflation und entsprechendem Kaufkraftverlust sowie einer Explosion insbesondere der Energiepreise deutlich verschlechtert.“

Mit dem im Oktober 2022 vom Bundestag verabschiedeten GKV-Finanzstabilisierungsgesetz hat der Gesetzgeber entgegen den Warnungen der Zahnärzteschaft eine verschärfte Rückkehr zur strikten Budgetierung der zahnärztlichen Gesamtvergütungen und zur Begrenzung der Preise (Punktwerte) beschlossen. „In einer bereits prekären Versorgungssituation fehlt der Zahnärzteschaft somit nicht nur die notwendige politische Unterstützung. Die Politik bürdet der Vertragszahnärzteschaft zudem auf, hohe wirtschaftliche Belastungen zu stemmen und weiterhin Leistungen vollständig zu erbringen, ohne dass die dafür erforderlichen Mittel bereitgestellt werden.“

Die abzusehende Verschlechterung der Mundgesundheit der Bevölkerung Sachsen-Anhalts hätten somit letztlich diejenigen zu verantworten, die den Sparplänen des Bundesgesundheitsministeriums in Form des GKV-Finanzstabilisierungsgesetz zugestimmt haben.